Erst kam der Hund, dann folgten die Schafe
Weil ihre Border Colli-Hündin nicht ausreichend beschäftigt ist, legt sich Ulrike Keller-Stenger die ersten vier Schafe zu. Mittlerweile hüten ihre sechs Hunde 100 Schafe.

Ulrike Keller-Stenger (66) ist seit 1979 Tierärztin. Und sie kennt sich aus mit Hunden. Seit 1973 lebte eigentlich immer ein Vierbeiner mit ihr. Und trotzdem ist sie in die Falle getappt: Als ihre Schäferhündin gestorben war, hatte sie sich in die schönen Augen eines Border Collies verguckt. 1992 legte sie sich ihren ersten Border Collie zu – und 1994 die ersten vier Schafe. Denn die erste Border Collie-Hündin zeigte deutlich, dass ihr langweilig ist: Sie bekam Dermatitis und Juckreiz. "Die Schafe waren keine drei Wochen da und der Juckreiz war weg", schildert sie die schnelle Genesung. Das heißt nicht, dass der Hund vorher nichts zu tun hatte und nicht beschäftigt wurde: "Wir waren viele Kilometer Radfahren, das hat aber nicht gereicht."
Auch wenn die Border als klug gelten und schnell lernen, ist es wichtig, sie richtig auszubilden. Ulrike Keller-Stenger hat Seminare besucht und mit jedem Hund und seinen speziellen Eigenheiten dazu gelernt. Ein großes Bild zeigt die sechs Border Collies, die in den vergangenen Jahren die zwischenzeitlich 100 Mutterschafe hüteten. Wie erkennt man, ob ein Border Collie zum Hüten taugt? "Der Hund muss balancieren können", sagt sie und erklärt: Stehen sich der Hund und der Schäfer gegenüber und wollen die Schafe nach rechts weg, dann tänzelt der Hund auf die Uhrzeiger-Position neun oder zehn, um die Schafe dem Schäfer zuzutreiben.
Ein guter Border Collie sei so willensstark, dass er die Herde auf über 150 Meter im Blick habe. Die guten Anlagen des Hundes müsse man im Training unterstützen, erklärt Keller-Stenger. Das fange schon im Welpenalter an. Wichtig sei, eine gute Bindung zum Hund aufzubauen. Leckerlis sind ganz früh erlaubt, später sollten sie aus dem Alltag verschwinden. Denn: Der Hund soll den Blick nach vorne, auf die Herde haben, und nicht wie ein lammfrommer Labrador den Kopf heben und das Leckerli und das Gesicht seines Halters suchen. Auch ist es nicht gewünscht, dass der Border Collie stur auf der rechten Seite Bei-Fuß geht. Je nach Situation und Position der Herde muss der Hund links wie rechts gehen können. Zu den Basis-Übungen gehöre, dass sich der Mensch beim Rückwärtslaufen drehe. Der Hund folgt und bringt tänzelnd die Schafe hinterher. "Das ist eine ganz andere Ausbildung als landläufig", erklärt Keller-Stenger. Sie weiß, dass Hunde-Training viel Arbeit ist. Der Lohn folgt: "Wenn man als Rudelführer akzeptiert ist, dann machen sie auch das, was sie sollen." Das heißt aber auch: Macht der Rudelführer Quatsch, dann macht der Hund, was er will.
Seit einiger Zeit lebt Ulrike Keller-Stenger ohne Border Collie. Denn: Sie hat keine Schafe mehr. Das brauche zu viel Zeit, erklärt sie, Zeit, die sie aktuell nicht hat. Wie sie aber von ihren Border Collies erzählt, da leuchten die Augen so, dass klar ist, für was ihr Herz schlägt. "Aber wenn ich keine Zeit habe, mit meinem Hund das zu machen, wofür er geboren wurde, dann lasse ich das."
Und sie hat einen Tipp für all jene Border Collie-Besitzer, die keinen Platz für eine eigene Schafherde haben, ihren Hund aber arbeiten lassen wollen, denn der Hund will arbeiten, er will ja gefallen: Laufenten, sagt Ulrike Keller-Stenger, könnten die Schafherde ersetzen. Die seien auch gut für die jungen Hunde, die unerfahren von Schafen verletzt werden könnten. "Aber sie müssen als Sparringspartner akzeptiert werden."
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