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Ex-Bundespräsident Gauck in Künzelsau: Von der Freiheit, Probleme anzugehen

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Drei Redner, drei Themen: Wirtschaft, Klima und Gesellschaft sind im Wandel. Mit seinem Schlusswort bringt es der ehemalige Bundespräsident auf seine Weise auf den Punkt.

Altbundespräsident Joachim Gauck sieht auch Risikoscheu in Deutschland. Die Freiheit, die unser Land bietet, müsse man nutzen.
Foto: Christian Gleichauf
Altbundespräsident Joachim Gauck sieht auch Risikoscheu in Deutschland. Die Freiheit, die unser Land bietet, müsse man nutzen. Foto: Christian Gleichauf  Foto: Gleichauf, Christian

Es ist eine Zeit der Unsicherheit und des Umbruchs, ob wirtschaftlich, gesellschaftlich oder auch im elementaren Bereich der klimatischen Veränderungen. Das wird deutlich, wenn man den drei Hauptrednern auf der Veranstaltung des Fertighaushersteller-Verbands BDF im Carmen-Würth-Forum zuhört. Altbundespräsident Joachim Gauck, Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber und Ifo-Präsident Clemens Fuest schauen zwar optimistisch in die Zukunft, aber auf sehr unterschiedliche Weise.

Sowohl wirtschaftlich als auch mit Blick auf den Klimawandel gibt es vieles, was derzeit Sorgen bereitet. Mit prägnanten Grafiken illustrierte Clemens Fuest etwa den Materialmangel, den auch viele Zuhörer kennen. Auf dem Bau fehlt derzeit so ziemlich alles: Stahl, Verpackungsmaterial, Holz.

Ein Plädoyer fürs Wachstum

Mehr als die hoffentlich bald endenden Lieferschwierigkeiten sorgte sich Fuest allerdings über die Aufgaben einer neuen Regierung in der "Post-Merkel-Ära". Für eine Senkung der Unternehmenssteuern und vor allem für verbesserte Abschreibungsmöglichkeiten sprach sich der Wirtschaftswissenschaftler aus. So könne man auf den Wachstumspfad zurückkehren, aus den Staatsschulden wieder herauswachsen. "Wir sollten auf Wachstum setzen, und nicht auf die Verteilung eines schrumpfenden Kuchens", konstatierte Fuest.


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An diesem Punkt wäre Hans Joachim Schellnhuber wohl am liebsten in den direkten Schlagabtausch gewechselt. Bezug nimmt er anschließend: "Herr Fuest hat über Wachstum gesprochen, das müssen alle Ökonomen tun." Doch "schieres materielles Wachstum" werde in die Katastrophe führen, warnt der Klimaexperte. "Wir entscheiden in den nächsten ein bis zwei Jahrzehnten, ob wir eine Hochzivilisation auf diesem Planeten haben wollen."

Es genüge nicht einmal mehr, jetzt kein CO2 mehr freizusetzen. Statt dessen müsse man versuchen, möglichst viel Kohlendioxid langfristig zu binden. Und besser als mit jeder teuren industriellen Methode funktioniere das mit Holz. Würde man wenigstens für die zwei Milliarden Menschen, um die die Weltbevölkerung bis 2050 noch wachse, nur Holzhäuser bauen, könne man bis zu 70 Gigatonnen CO2 binden.

Ob das Vorhaben, die Erderwärmung zu stoppen, so gelingen kann, schien nach all den Modellen, die Schellnhuber vorgestellt hatte, allerdings immer noch fraglich. Schellnhuber zitierte dazu aber Nelson Mandela: "Alles scheint unmöglich, bis man es getan hat."

Gauck: Wir sollten unsere Freiheit nutzen

Joachim Gauck ging nicht direkt auf seine Vorredner ein. Als Antwort konnte sein Plädoyer für die Demokratie dennoch verstanden werden. "Eine Gesellschaft kann erstarren, weil es ihr zu gut geht", warnte Gauck. Auch er sehe Innovationsdefizite und Risikoscheu in Deutschland. Nachvollziehbar sei auch, dass sich Teile der Gesellschaft vor dem Wandel fürchteten. Das sei in ganz Europa so. Umso wertvoller sei die Freiheit, die unsere Republik biete.

Dabei gehe es nicht um eine absolute Freiheit, wie man sie sich in der Pubertät vorstelle, sondern "um die Freiheit zu etwas, für etwas". Er berichtet von Tränen nach seiner ersten freien Wahl 1990. "Mir wurde damals bewusst: Ich werde nicht mehr gelebt, ich lebe." Mit Bezug auf die Bibel erklärte der Theologe: "Ich habe inzwischen verstanden: Gott schuf den Menschen mit der einzigartigen Fähigkeit, Verantwortung für sich und alles um sich herum zu übernehmen."

 

 

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