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Corona-Fallermittler blicken zurück auf den Hotspot Hohenlohe

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Als der Hohenlohekreis Corona-Hotspot war, hatten die bis zu 40 Fallermittler im Landratsamt alle Hände voll zu tun. Wie verfolgt man 70 Infektionsketten auf einmal? Und wie sehr leidet man mit den Geschichten der Menschen mit? Zwei Fallermittler erzählen.

Saskia Damm und Steffen Schall haben teils lange Kontaktlisten auf dem Tisch. Sie müssen die Menschen über den Kontakt mit Infizierten informieren.
Foto: Tscherwitschke
Saskia Damm und Steffen Schall haben teils lange Kontaktlisten auf dem Tisch. Sie müssen die Menschen über den Kontakt mit Infizierten informieren. Foto: Tscherwitschke  Foto: Tscherwitschke, Yvonne

Sie merken, dass die zweite Welle anrollt. Acht offene Akten haben die Fallermittler im Landratsamt gerade auf dem Schreibtisch. 28 Menschen haben sie in den letzten Tagen in Quarantäne geschickt. Das sind Zahlen, mit denen Saskia Damm (20) und Teamleiter Steffen Schall (33) gut umgehen können. In der heißen Phase, als Hohenlohe zum Corona-Hotspot geworden war, hatten sie bis zu 70 Fälle zeitgleich zu bearbeiten.

Detektivisches Geschick und vor allem eine gute Organisation, das ist wohl das Erfolgsgeheimnis der Fallermittler. Schnell hatte sich gezeigt, dass an dieser Stelle viel Personaleinsatz nötig ist, um Infektionsketten schnell zu erkennen und zu stoppen. Genauso schnell hatte es sich aber auch gezeigt, dass Arbeitsabläufe für alle Mitarbeitenden klar skizziert sein müssen.

Wann die Kontaktermittlung richtig schwierig wird

Die Arbeit der Fallermittler beginnt mit einem positiven Befund. "Und dann beginnt die Suche oft schon mit der Telefonnummer des Infizierten", sagt Saskia Damm, die eine Ausbildung zum Mittleren Dienst im Landratsamt macht. Ist der Infizierte ermittelt, dann wird der gebeten, seine Kontakte zu nennen, die dann ebenfalls ausfindig gemacht und in die Isolation geschickt werden müssen.

Das kann einfach sein, wenn Frau Müller die Namen und Adresse ihrer Schwägerin, Friseurin und des Stammbäckers nennt. Das kann aber richtig schwer werden, wenn eine Familie mit dem Flugzeug aus dem Urlaub zurück gekehrt ist und die Fluglinie ihrer Passagierlisten schicken muss, der Tankwart an der Rastanlage und der Bäcker irgendwo bei Frankfurt ausfindig gemacht werden muss.

Wenn "George Clooney" in Hohenlohe Abendessen war

Die Kontaktlisten zu Beginn, erinnert sich Saskia Damm, seien lang gewesen. Durch den Lockdown wurde es übersichtlicher. "Da standen dann neben Familienmitgliedern nur noch zwei, drei Namen drauf", erinnert sie sich. Nun werden die Listen wieder länger, seien schnell mal zwölf, 15 Namen drauf. "Und wenn dann noch eine Firma dahinter steht, werden es richtig viele."

Die Listen, die in Gaststätten oder Fitnessstudios beispielsweise ausgefüllt werden, machen das Leben der Fallermittler einfacher. Wenigstens dann, wenn sie richtig ausgefüllt sind. "Mancher Wirt, der nicht gleich richtig schaut, hatte auch schon George Clooney zum Abendessen oder Donald Duck", wissen die Ermittler.


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Was nach dem ersten Wechselbad der Gefühle kommt, ist unklar

Als spannend bezeichnet Saskia Damm ihre aktuelle Aufgabe. "Wir wissen nie, was kommt." Viel gelernt hat sie in der Zeit zudem. Über sich selbst, über das Arbeiten im Team. Dass es wichtig ist, einen geregelten Ablauf zu haben, sagt Steffen Schall. Dass es wichtig ist, strukturiert zu arbeiten. Dass sie belastbar sind, wissen nun alle im Team.

Denn ganz oft musste unter Hochdruck und in Schichten und sehr oft auch an Wochenenden gearbeitet werden. Viele private Schicksale haben sie in den stundenlangen Telefonaten erfahren. "Mit den einen haben wir gelacht, mit den anderen hätten wir weinen können", schildert Saskia Damm das Wechselbad der Gefühle, das sie mit durchlebten.

Empathie zeigen bleibt wichtig

So mancher Fall hat sie länger beschäftigt. Und immer wieder haben beide erlebt, wie wichtig es ist, Empathie zu zeigen. Vor allem dann, wenn die Menschen am anderen Ende der Leitung nicht sonderlich erfreut waren, mit den Fallermittlern zu reden und anschließend in Quarantäne zu gehen. Denn Stress, die Belastung, all das haben sie gut ausgehalten. Auch weil das Team gut funktioniert habe.

"Wir haben viel geredet und auch gelacht", berichtet Schall von den gemeinsamen Hochs und Tiefs. Er hat festgestellt, dass er gut auch ein Team mit plötzlich 40 Personen führen kann. Dass er resistent gegen Stress ist, das wusste der Mann, der aus dem Rettungsdienst kommt, bereits. Dass er das an seine Kollegen weitergeben kann - das wisse nun alle.


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