Die Künzelsauer Bergbahn zappelt am Haken
Mit großem Aufwand wird in Künzelsau die jährliche Revision an der Standseilbahn durchgeführt. Nach 180.000 Fahrten wird das Drehgestell gewechselt.

Wie wichtig etwas ist, merkt man oft erst dann, wenn es gerade einmal fehlt. "Die Leute fragen schon, wann die Bahn wieder fährt", erzählt Betriebsleiter Günter Kantenwein. Dabei hat die alljährliche Revision, die zwei Wochen dauert, doch erst am Montag begonnen. Aber klar: Die etwas mehr als drei Minuten, in denen die Bergbahn auf der 1034 Meter langen Strecke zwischen dem Stadtteil Taläcker und der Kernstadt hin- und hersaust und dabei 170 Meter Höhenunterschied überwindet, sind einfach unschlagbar. Da kann der sogenannte Schienenersatzverkehr, nämlich die Busse, die noch bis 14. August stattdessen verkehren, nicht mal ansatzweise mithalten. Und auch kein Auto.
Störungen im Betrieb sind selten
"Wir machen jeden Monat unsere Kontrollen", sagt Kantenwein. Die Hauptuntersuchung sei aber deutlich gründlicher, "da fühlt man sich wohler". Bislang hat sich das Vorgehen bewährt, Störungen im Betrieb der Bahn, die jährlich 30.000 Fahrten zurückgelegt und ungefähr eine halbe Million Fahrgäste befördert, sind selten. Ein Stromausfall war beim letzten Mal der Anlass, so Kantenwein. Davon abgesehen funktioniert alles, und das seit 1999, als die Bergbahn in Betrieb genommen wurde. Auch in der Corona-Zeit ist die Bahn verlässlich weitergefahren. "Das hat alles gut geklappt", sagt der Betriebsleiter.
Der Waggon wiegt zwölf Tonnen
"So etwas hat man nicht jeden Tag", sagt Walter Fischer und schaut, dass die dicken Seile halten, während sein Sohn Hannes per Fernsteuerung den Kran in Bewegung setzt. "Aber mit ein bisschen Übung bringt man es hin", schmunzelt Fischer senior. Der Kran hebt den zwölf Tonnen schweren Waggon an, damit die beiden Drehgestelle ausgetauscht werden können, was alle sechs Jahre gemacht wird. 2020 war Fahrzeug eins an der Reihe, jetzt folgt Fahrzeug zwei. Die Drehgestelle, mit je zwei Tonnen Gewicht ebenfalls ordentliche Brocken, werden nicht vor Ort überprüft, sondern ins Werk der Firma Garaventa in Goldau/Schweiz transportiert, um dort komplett zerlegt, sandgestrahlt und anschließend wieder zusammengesetzt zu werden. Danach kommen sie in einer anderen Standseilbahn wieder zum Einsatz, während die Taläcker-Bergbahn heute schon ihre "neuen" Gestelle erhält - zwar nicht nagelneu, aber wieder zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk. "Ein Drehgestell kostet 120.000 Euro", weiß Günter Kantenwein.
Das Landesbergamt macht den TÜV
Sind die Gestelle getauscht, geht es für den Rest der Woche an die Seiltrommel und die Überprüfung der Bolzen mit Ultraschall, danach an die Betriebs- und Sicherheitsbremse. Alles Arbeiten, die von den Spezialisten der Firma Garaventa, Teil der Doppelmayr/Garaventa-Gruppe, die schon über 15.000 Seilbahnen in der ganzen Welt gebaut hat, erledigt werden. "Für uns ist das entspannter. Die wissen, was sie machen müssen", sagt der Betriebsleiter. In der kommenden Woche steht dann die normale Revision an, bei der unter anderem Hydraulik und Steuerung auf den Prüfstand kommen. Am Ende kommt das Landesbergamt und macht - ähnlich wie der TÜV - die Abnahme. Danach darf die Bahn ihren Betrieb wieder aufnehmen. Länger dauerte es allerdings 2015: Damals wurden auch die Waggons in die Schweiz gekarrt, auf Herz und Nieren überprüft und komplett überholt, von den Teppichen bis zur Steuerung. Das soll dann aber erst wieder 2027 notwendig werden.
Hoher Kostendeckungsgrad
"Hauptintention der Bahn ist, den Stadtteil so gut wie möglich an die Innenstadt anzubinden", sagt die städtische Pressesprecherin Elke Sturm. Sonst müsste für die aktuell 3170 Einwohner das ganze Jahr über der Bus fahren. Laut Kämmerer Ulrich Walter ist die Bahn aber nicht nur ökologisch deutlich günstiger: Ihr Kostendeckungsgrad lag nach seiner Rechnung in den letzten 20 Jahren bei 75 Prozent. Der City-Bus kommt nur auf 15 Prozent.
Nahverkehr
Die Künzelsauer Bergbahn verbindet das im Tal gelegene Zentrum mit dem Stadtteil Taläcker. Ihr Bau hat 1999 rund elf Millionen Euro gekostet, die Stadt erhielt über sechs Millionen Zuschüsse vom land. In erster Linie als umweltfreundliches und leistungsfähiges Nahverkehrsmittel gebaut, ist sie auch für Besucher eine Sehenswürdigkeit. Die Standseilbahn überwindet auf einer Strecke von 1034 Metern einen Höhenunterschied von rund 170 Metern. Die Bergbahn fährt alle 15 Minuten (von Montag bis Samstag zwischen 6.15 und 22.30 Uhr, an Sonn- und Feiertagen zwischen 9 und 20 Uhr). Aktuell und noch bis 14. August fährt als Ersatz alle 30 Minuten ein Bus.


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