Ein Spaziergang durch Künzelsau birgt so manche Überraschung
Unterwegs mit der Standseilbahn, im Alten Rathaus und ein Besuch bei Frau Holle: Bei einem Spaziergang durch Künzelsau erlebt unsere Stimme-Redakteurin so manche Überraschung. Ein Besuch der Ausstellung zu Alexander Gerst und seinen beiden Weltraummissionen zur ISS durfte natürlich auch nicht fehlen.

Wer in diese Stadt eintauchen möchte, begibt sich am besten auf eine Reise: Auf den nächsten Berg, in die Welt der Bücher - oder ins All. Der weiteste Weg ist zugleich der naheliegendste. Er beginnt im Rathaus von Künzelsau. Über drei Stockwerke verteilt ist die - in Corona-Zeiten noch teilweise geschlossene - Ausstellung zu Alexander Gerst und seinen beiden Weltraummissionen zur ISS zu sehen.
Der promovierte Geophysiker und Astronaut ist einer der bekanntesten Söhne der Stadt. Die Ausstellung gibt mit Filmen, Bildern, Modellen und persönlichen Gegenständen einen Einblick in die Raumfahrt.

Und wenn man schon einmal einen Sympathieträger und Botschafter quasi vor der eigenen Haustür hat, liegt es auf der Hand, potenzielle Nachwuchs-Astronauten neugierig zu machen. "Wir wollen das Thema Gerst am Köcheln halten", sagt der Stadthistoriker und Kurator der Ausstellung Stefan Kraut. Dafür bietet die Stadt unter anderem in den Sommerferien die Space days für Kinder an - in Zusammenarbeit mit der Experimenta und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR).
Ein perfekter Tag im Juni
Doch die Sommerferien sind noch in weiter Ferne, an diesem Freitag mitten im Juni. Es ist ein wunderbarer Tag: Die Sonne lacht, die Menschen halten ein Schwätzchen auf dem Wochenmarkt, viele sitzen draußen in den Cafés, oder gönnen sich ein Eis. Das Leben hat eine angenehm gemächliche Geschwindigkeit.
Das Alte Rathaus ein Schmuckstück

Nichts erinnert mehr an die Nacht vom 29. auf den 30. Mai 2016, als sich aus dem unscheinbaren Künsbach in wenigen Minuten eine Sturzflut ergoss, die neben dem Schlamm auch hohe Schäden hinterließ. "Dieses Ereignis hat einen großen Zusammenhalt in der Stadt bewirkt", sagt Pressesprecherin Elke Sturm.
Das Alte Rathaus, heute Sitz der Stadtbücherei, ist eines der Schmuckstücke der Stadt, doch das Wasser nahm darauf keine Rücksicht. Der unter der Hauptstraße verdolte Künsbach rauschte mitten durch das 1522 erbaute Fachwerkgebäude, in dem bis 1989 die Stadtverwaltung untergebracht war. 1,3 Millionen Euro haben die Sanierung samt Umbau gekostet, seit Dezember 2019 hat die Bücherei wieder geöffnet: Mit lichtdurchfluteten Räumen, einem Aufzug, einem Bürgertreff für Vereine, Ratsfraktionen oder anderen Gruppen und einem kleinen Café.
Vesperstube als Treffpunkt im Ort
Tobias Rößler und Bernhard Heck sitzen auf der Terrasse des Alten Rathauses. "Wir treffen uns einmal in der Woche und pflegen unsere Freundschaft." Die beiden haben sich im Herbst in der Vesperstube kennengelernt. Das ist ein ökumenisches Projekt der Künzelsauer Ehrenamtsbörse. Die Vesperstube im inzwischen verkauften Elternhaus von Alexander Gerst in der Schnurgasse dient montags mittags als Treffpunkt im Ort. Seit der Coronakrise hat sie jedoch geschlossen, deshalb trinken die neuen Freunde ihren Kaffee nun hier und plaudern über Gott und die Welt.
Auf der Hochebene und im Tal

Dreieinhalb Minuten reichen aus, um Künzelsau aus einer anderen Perspektive zu sehen. So lange dauert die Fahrt mit der Bergbahn aus der Talstadt auf die Hochebene ins 50 Hektar große Neubaugebiet Taläcker. Die 1034 Meter lange Strecke überwindet einen Höhenunterschied von 170 Meter. Die Bahn ist keine touristische. Sie ist an den öffentlichen Nahverkehr angeschlossen, denn hier oben leben bald 3500 Menschen. Der Stadtwald grenzt an den Bereich, und einen Trimm-Dich-Pfad gibt es ebenfalls. Auch drei Schulen liegen hier oben. Bald wird noch ein Mehrgenerationenhaus mit einem Café das Spektrum erweitern. "Die Aufenthaltsqualität soll dadurch ausgebaut werden", sagt Betriebsleiter Günter Kantenwein.
Die Realisierung der Standseilbahn mit gegenläufigem Pendelbetrieb hat in den 90er Jahren einen langen Atem und viel Energie bedurft. Wegen der Tragweite der Entscheidung hatte der Gemeinderat die Bürger darüber entscheiden lassen. Mit 51 Prozent fiel die Zustimmung 1996 knapp aus. Am 3. Oktober 1999 nahm die Bahn ihren Betrieb auf. Heute ist sie ein Erfolgsmodell. Kantenwein: "Durchschnittlich haben wir 600 000 Fahrgäste im Jahr. Außerdem ist die Bahn ein umweltfreundliches Verkehrsmittel."
Mit und ohne Handicap
Wieder zurück im Herzen der Altstadt wirkt der Komplex rund um das Hotel-Restaurant Anne-Sophie mit dem Innenhof des Tagungsgebäudes und dem Café Auszeit wie eine Einladung. Das Konzept, bei dem behinderte und nicht-behinderte Menschen gemeinsam arbeiten, geht auf Carmen Würth zurück. Die Erfahrung mit ihrem behinderten Sohn Markus, der lange Zeit seinen Platz in dieser Gesellschaft nicht fand, führte dazu, dass sie ihren Mann Reinhold Würth von ihrer Idee überzeugte. Danach soll dies ein Ort sein, "der Menschen mit und ohne Handicap einen Raum bietet für ihre Stärken und Schwächen, für ihre Wünsche und Abneigungen, für ihre Eigenheiten und Besonderheiten - direkt in unserer Mitte", erklärt sie.
Der Komplex besteht heute aus 49 Hotelzimmern, zwei Restaurants, einem Café, einer Bar, fünf Tagungsräumen und einem Ladengeschäft. Hier arbeiten rund 100 Menschen, davon aktuell 27 mit Handicap. Hoteldirektor Christian Helferich möchte seinen Job nicht tauschen: "Wenn Sie hier arbeiten, ist das wie ein Sechser im Lotto", sagt der 51-Jährige. Selbstverständlich werde es in der Küche auch mal laut. "Aber wenn dort geschrien wird, liegt es daran, dass ein Mitarbeiter schwerhörig ist." Wer hier beschäftigt ist, muss gut mit Menschen können. Denn es gehe immer mal etwas schief. "Und dann brauchen die Mitarbeiter mit Behinderung keine Kritik, sondern Betreuung." Die Angestellten haben sogar einen eigenen Chor mit einem Dutzend Sängern auf die Beine gestellt. Helferich: "Ich habe hier meinen Platz gefunden."
Auszeit wie im Märchen

Eine weitere Besonderheit, die Künzelsau auszeichnet, ist das Kulturhaus Würth mit der 2017 eröffneten Bibliothek Frau Holle. Auch hier setzte, was die Welt der Bücher betrifft, Carmen Würth den Impuls. Sie machte der Öffentlichkeit ihre Privatbibliothek mit 8000 Büchern frei zugänglich. Vom Sachbuch bis zur Belletristik dürfen es sich Leseratten hier gemütlich machen. "Das gibt es kein zweites Mal", sagt Kulturhausleiter Tobias Frank-Fleck. Hinzu kommen Veranstaltungen wie Lesungen, Poetry-Slam oder Kindertheater. Die Idee von Carmen Würth: "Dieses Haus soll lebendig bleiben und einen behaglichen Platz bieten. Auch die Bücher sollen lebendig bleiben." Uta und Hans Oschmann sind oft hier. "Ich komme wegen der Gedichtbände", erzählt er. Und Uta Oschmann meint: "Ich denke, dass sich die Bibliothek auch für Leute anbietet, die keinen Platz für Bücher haben. Außerdem kann man eine Auszeit erleben."
Über den Autor
Friedhelm Römer ist Redakteur und hat im Rahmen der Aktion "50 Wochen - 50 Orte" das Los für den Ortsspaziergang in Künzelsau gezogen. Hintergrund ist ein anderer Blick auf den Ort. Zuständig für Künzelsau ist Redakteur Thomas Zimmermann.
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