Kesselfelder Dorfkirche soll möglicherweise ins Hohenloher Freilandmuseum umziehen
Die Verlagerung der Maria-Magdalena-Kirche aus Kesselfeld ins Hohenloher Freilandmuseum Wackershofen wird bei einer Infoveranstaltung kontrovers diskutiert – für viele ist das Gotteshaus identitätsstiftend.

Sie weint. Schnurstracks war die junge Frau im blauen Hosenanzug auf die Empore geschritten und hat sich auf den Platz ganz links in der vorderen Reihe gesetzt. Dort gibt sie sich offenbar alle Mühe, ihr Schluchzen zu unterdrücken, in der Kirche ihres Heimatdorfes Kesselfeld, dem Grund ihres Bangens.
Die Frau ist zu einer Veranstaltung mit dem Titel „Was wird aus unserer Maria-Magdalena-Kirche? Informationsabend zu Entwicklungen“ gekommen. In der Diskussion prallen zwei Äußerungen aus dem Publikum aufeinander, die zwei Dilemmas zeigen. Die Frau auf der Empore sagt: „Was ist unser Dorf denn noch, wenn die Kirche weg ist?“ Ein Kirchengemeinderat (KGR) sagt: „Unsere Aufgabe ist es nicht, Gebäude zu erhalten, sondern das Wort Gottes zu verkündigen.“ Beide Beiträge ernten Applaus.
Hohenloher Freilandmuseum Wackershofen fehlt eine Kirche
Hinter dem Veranstaltungstitel verbirgt sich eine außergewöhnliche Idee des Kirchengemeinderats: Die Kesselfelder Kirche könnte dem Freilandmuseum in Wackershofen gegeben werden und dort das Hohenloher Dorf ergänzen, dem bisher eine evangelische Kirche fehlt – und das, obwohl weite Teile der Region evangelisch geprägt sind. Dementsprechend ist neben Kirchenvertretern Bernd Beck da, ein Mitarbeiter des Hohenloher Freilandmuseums Wackershofen.
„Wir wollen nichts übers Knie brechen“, betont der Neuensteiner Pfarrer Dioraci Vieiria Machado. Die Bevölkerung solle mit ins Boot geholt werden, sagt Machado. Die Zuhörer werden aufgefordert, „andere langfristige und nachhaltige Ideen“ vorzuschlagen, betont der Vorsitzende des KGR Reiner Schmiedt. Denn selbst nach einer möglichen Entscheidung für die Translozierung – also das Versetzen der Kirche – gebe es viele Unsicherheiten. Beck erläutert: Unter anderem bedarf es der Genehmigung durch das Denkmalamt. Alles müsse untersucht, geplant und finanziert werden. Schmiedt betont: „Wir sind beim Interesse von Wackershofen auf Platz eins.“
Der Neuensteiner KGR ist früh dran mit den Überlegungen. Derzeit warten die Verantwortlichen in der evangelischen Kirche auf die Ergebnisse der Oikos-Studie, die der Heilbronner Prälat Ralf Albrecht, Mitglied der Leitung der Landeskirche, anspricht, der auch auf dem Podium in der Kirche sitzt. Dabei geht es um alle Gebäude der Kirche: auch die Gotteshäuser, Pfarrhäuser und Gemeindehäuser. „Sie wird hinterfragen, was die Kirche in den künftigen Jahrzehnten finanziell stemmen kann.“ Und auf dieser Grundlage müssen die Kirchenbezirke entscheiden, welche Immobilien behalten werden, welche abgegeben werden sollen und bei welchen die Instandhaltung gefördert wird. Die Frage zur Zukunft wird „zu allen Dorfkirchen gestellt werden müssen“, sagt Albrecht.
Kirchen in Neuenstein: Zahl der Pfarrer nimmt ab
Vor 14 Jahren sah die Situation noch anders aus in Neuenstein: Für die vier Kirchen in Neuenstein und den Teilorten gab es drei Kirchengemeinden mit nominell vier Pfarrstellen. Die Zahl der Kirchen ist gleich geblieben, aber jetzt ist es nur noch eine Kirchengemeinde mit zwei Pfarrern. Und nun kommen die Jahre, in denen viele evangelische Geistliche in Pension gehen werden, trägt Schmiedt vor. Mitgliederzahlen und Kirchensteuereinnahmen sinken – Trends, die in absehbarer Zeit nicht gestoppt werden. Gleichzeitig gebe es immer wieder große Ausgaben, wie der KGR Volker Ludwig sagt: Spontane und geplante Sanierungen haben Millionen Euro gekostet.
Nur zwei Gottesdienste im Jahr in Neuenstein-Kesselfeld
Warum aber nun Kesselfeld? Hier gibt es – neben Familienfeiern – jährlich nur zwei Gottesdienste, sagt Schmiedt. Die seien immer gut besucht, betont ein Zuhörer. Beck erklärt: Sie sei eine für die Region typische evangelische Kirche und „diese Größe fügt sich in das Hohenloher Dorf ein“. Auch wenn die Eschelbacher ebenso selten genutzt werde: Sie und die anderen Neuensteiner Kirchen seien zu groß. Machado ergänzt: „Im Freilandmuseum wird die Kirche von vielen besucht und wieder genutzt.“
Mancher Kesselfelder bangt nun um das Ortsbild. Für die Frage, was stattdessen dort hinkommen könne, seien die Überlegungen zu jung, sagt Machado. „Warum hat der Kirchengemeinderat keine anderen Vorschläge?“, fragt ein Zuhörer in harschem Ton. Man habe sich viele Gedanken gemacht, sagt KGR Ute Karle, die im Publikum sitzt. Sie verstehe, „wenn so eine Kirche weggeht, geht etwas im Dorf verloren. Ich wünsche mir, dass sich die Wut verwandelt“, für kreative und angemessene Lösungen für die Kirche.
Kirche in Kesselfeld: Alternativen als Überlegungen
Albrecht nennt Alternativen: Kirche behalten, aber nicht investieren, „dann kommt irgendwann der Bauzaun drumherum“. Die öffentliche Hand könne sie übernehmen. Oder ein Dorfverein gründet sich für den Erhalt. „Oder Sie haben viel Glück, jemand mit unglaublich viel Geld verliebt sich“.
Der auch anwesende Bürgermeister Karl Michael Nicklas wird aus dem Publikum noch nach einem Statement gefragt. Die Übernahme durch die Stadt schließt er aus – auch Kommunen fehle das Geld. Er betont aber, es liege auch an der Bevölkerung, die Kirche mit Leben zu füllen – zu zeigen, dass sich die Investition in die Kirche lohne.
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