Angriffe in Kliniken und Praxen – Sicherheitsdienste helfen in Heilbronn und Hohenlohe
Immer häufiger sind Kliniken mit aggressivem Verhalten konfrontiert. Auch Hausarzt-Teams werden immer öfter bedroht. Die Einrichtungen versuchen, mit einigen Maßnahmen, die Zahl zu senken – mit Erfolg.
Der Ton wird rauer gegenüber den Pflegekräften und Medizinern. Das bestätigen Vertreter des Hohenloher Krankenhauses in Öhringen, der SLK-Kliniken in Heilbronn und des Hausärzteverbands Baden-Württemberg. Im Hohenloher Krankenhaus habe es im Jahr 2024 „einige Zwischenfälle, bei denen Patienten oder Angehörige aggressiv und handgreiflich geworden sind“, gegeben, berichtet Wolf Bakaus, leitender Arzt der Zentralen Notaufnahme (ZNA). „Der überwiegende Teil richtet sich gegen Pflegekräfte.“
Zahl der Angriffe rückläufig durch Einsatz von Sicherheitspersonal
Eine genaue Zahl könne Wolf Bakaus nicht nennen, aber sie sei rückläufig, „seitdem wir Sicherheitspersonal einsetzen“. Dieser ist in Öhringen zeitweise vor Ort, „vor allem an Wochenenden oder Feiertagen, wenn größere Veranstaltungen in der Region anstehen“. Die Polizei werde in schwierigen Fällen dazugeholt, „wenn die Situation in der Notaufnahme zu eskalieren droht“, berichtet Bakaus.
Am Klinikum am Gesundbrunnen in Heilbronn gibt es einen 24-stündigen Sicherheitsdienst. Es komme „nicht selten vor“, dass dieser eingreife, teilt SLK-Pressesprecher Mathias Burkhardt mit. Am Gesundbrunnen müsse die Polizei demnach mehrmals wöchentlich gerufen werden.
SLK-Kliniken im Raum Heilbronn: Tägliche Beleidigungen „auch anstößiger Natur“
Betroffen seien in Heilbronn vor allem die ZNA am Klinikum und Gesundbrunnen sowie am Klinikum am Plattenwald. „Ebenso das Personal des Kreißsaals und der Kindernotaufnahme in der Kinderklinik. Generell sind aber alle Bereiche der Kliniken betroffen“, berichtet Burkhardt. In den Häusern des SLK-Verbands „spüren wir über die vergangenen Jahre gesehen eine Zunahme an verbaler Gewalt gegenüber unserem Personal – die Hemmschwelle ist gesunken“. Täglich gebe es Beleidigungen, „auch anstößiger Natur“ oder Drohungen, zum Teil mit Androhung rechtlicher Konsequenzen.

Alkohol, Drogen und Frustration sind Gründe für den Gewalt-Anstieg
Grund für die Aggression sei häufig „Alkohol, aber auch andere – vor allem aufputschende – Substanzen“, erklärt Bakaus. Oder „Frustration, gepaart mit Angst oder Sorge um einen Angehörigen“. Hintergrund sei, dass Patienten nicht nach der Reihenfolge behandelt werden, in der sie in der Notaufnahme eintreffen, sondern nach dem sogenannten Manchester-Triage-System: „Patienten mit lebensbedrohlichen oder schweren Erkrankungen werden immer vorgezogen.“ Das führe manchmal zu Unverständnis.
Bei Hausärzten in Baden-Württemberg sind tätliche Angriffe „die absolute Ausnahme“
In den Hausarztpraxen in Baden-Württemberg seien schwere körperliche Übergriffe „weiterhin die absolute Ausnahme“, sagt Dr. Susanne Bublitz, Vorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbands Baden-Württemberg aus Pfedelbach. Mit aggressivem Verhalten seien aber „nahezu alle Praxen“ im Lauf der Zeit zumindest einmal konfrontiert. Laut bundesweiten Umfragen haben 80 Prozent der Praxisteams bereits verbale Gewalt erlebt, berichtet Bublitz.
Starker Anstieg der Aggressivität – nur wenige Patienten verantwortlich
Demnach habe es in den vergangenen fünf Jahren einen spürbaren Anstieg der Aggressivität gegeben. „Oft ist dieses Verhalten Ausdruck einer gestiegenen Anspruchshaltung sowie des Unmuts über strukturelle Probleme im Gesundheitssystem, der sich an den Praxisteams entlädt.“ Das treffe aber nur auf einen „sehr kleinen Teil der Patientinnen und Patienten zu“.
Die Zahl der Vorfälle werde nicht systematisch erfasst. Ein Unterschied zwischen Praxen im ländlichen und im städtischen Raum oder zwischen Teilen des Landes lasse sich aus den Rückmeldungen der Praxen nicht erkennen, teilt Bublitz mit.
Vereinzelt werde in Praxen Sicherheitspersonal eingesetzt. „Insbesondere in besonderen Risikosituationen oder zeitlich begrenzt.“ Häufiger werden zum Schutz der Praxisteams bauliche und organisatorische Maßnahmen eingesetzt: So werden die Sprechzimmer so angeordnet, dass Fluchtwege frei bleiben, Rückzugsmöglichkeiten für die Mitarbeitenden eingerichtet und Abläufe und Signale für mögliche Bedrohungssituationen abgesprochen und trainiert.
Schulungen für das Personal im Hohenloher Krankenhaus in Öhringen
Sowohl für das Klinik-Personal wie auch für die Praxen gibt es Schulungen zum Umgang mit Aggression und zur Deeskalation, von den Kliniken selbst, mit Trainern, wie auch von Verbänden. Nach den Zwischenfällen im Jahr 2024 im Hohenloher Krankenhaus in Öhringen sei „ein großer Teil der Pflegekräfte“ geschult worden, berichtet Bakaus. „Wichtig sind vor allem praxisnahe Kommunikationstechniken, Strategien zur Deeskalation sowie das Erkennen potenziell gefährlicher Situationen“, findet Bublitz. Burkhardt ergänzt für die SLK-Kliniken: „In manchen Fällen kann auch die Klinikseelsorge als ,dritte Partei’ ein wichtiger Faktor sein, um den Konflikt friedlich zu lösen.“
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