Prozess in Heilbronn: Schuss aus Polizeiwaffe beendete Bedrohung bei Untermünkheim
Warum er am 26. Mai 2024 Menschen bei Untermünkheim mit einem Messer bedroht hat? Der 67-Jährige, der im Rollstuhl in den Gerichtssaal gebracht wird, kann sich nicht erinnern. Wohl aber daran, dass er am Tag zuvor seine Frau endgültig in ein Pflegeheim geben musste.
Nur dumpf ist der Schuss zu hören. Dann nur noch das Tik-tok der Blinkanlage eines Autos. Ein Mann atmet schwer. Abgesehen vom grünen Licht der Armaturen ist es dunkel. Beklommene Stille auch im Saal des Heilbronner Landgerichts. Hier wurden die Zuschauer gerade einige Minuten Zeuge dessen, was sich am Abend des 26. Mai 2024 auf der Westumgehung bei Untermünkheim abgespielt hat.
Sie sahen Szenen, die man sich nicht vorstellen kann beim Anblick des Angeklagten heute, knapp ein Jahr später: Im Rollstuhl wird der 67-Jährige von seiner Familie ins Gericht gebracht. Das Bein, das seit dem Schuss aus der Polizeiwaffe behandelt und womöglich noch amputiert werden muss, waagrecht nach vorne gelagert. Erschreckend dünn ist der Mann geworden. Die Haare weiß.
Schuss aus Polizeipistole beendet Geiselnahme bei Untermünkheim
Geiselnahme und Widerstand gegen Polizeibeamte wird ihm vorgeworfen. Wie ein Krimi klingt, was Staatsanwalt Joachim Müller-Kapteina vor der 9. Großen Strafkammer verliest: Erst der Schuss eines Polizeibeamten in das Bein des Angeklagten beendete das Spektakel an jenem Sonntagabend auf der Kreisstraße bei Untermünkheim.
Nachdem der Mann andere Verkehrsteilnehmer gefährdet habe, weil er ihnen frontal entgegen fuhr, sei er ausgestiegen und habe eine Fahrerin bedroht. Er soll Flaschen auf die Straße gestellt und behauptet haben, es handele sich um Bomben. Danach, so der Staatsanwalt, habe er sich durch ein Fenster in ein Auto gebeugt und dem Zeugen S. ein Messer mit einer etwa neun Zentimeter langen Klinge vorgehalten. Er habe begonnen, den Sicherheitsgurt durchzuschneiden und gedroht, den Mann „abzustechen“. Der Mann sollte die Lichthupe und Hupe seines Autos betätigen.

Polizeieinsatz in Untermünkheim: Schuss aus Polizeipistole wurde gefilmt
Einem weiteren Zeugen M. habe der Angeklagte durch das Fenster gegen den Kopf geschlagen. Gegenüber dem Zeugen H., der deeskalieren wollte, habe der Angeklagte die Drohungen bekräftigt. H. war es, der die Szene filmte, wie der Angeklagte schließlich gegen 21.55 Uhr auf die eintreffenden Polizeibeamten zuging.
Man sieht einen stattlichen Mann in grünem Pullover und hellgrauer Hose. Er dreht sich dem Filmenden und wohl auch den beiden Polizeibeamten zu. Er solle das Messer weglegen, rufen die Beamten. Der Mann, hier noch kräftig und mit grauen Haaren, bewegt sich weiter auf die Kamera zu. Die Situation ist undurchsichtig, aufgeheizt. Die Polizeibeamtin setzt das Pfefferspray ein. Folgenlos. Ihr Kollege feuert den Schuss ab. Dann ist nur noch das Tik-tok zu hören.
Schuss aus Polizeipistole setzt Endpunkt – Zeugen sprechen von Todesangst
Die ersten Zeugen sind die Männer und Frauen in den Autos, die der Angeklagte angehalten und bedroht hat. Sie alle sprechen im Zeugenstand von Angst. Todesangst. Davon, dass der Mann den Eindruck gemacht habe, sich in einem Ausnahmezustand zu befinden. Alle schütteln den Kopf bei der Frage nach Drogen oder Alkohol. Ein CT vom Kopf soll angefertigt werden.
Der Angeklagte entschuldigt sich bei den Zeugen, die er erschreckt hat. Seine Stimme bricht. Beim letzten Zeugen lässt er seine Anwältin Sophie Bechdolf-Reif sein Bedauern übermitteln. Sie ist es auch, die seine Erklärung verliest. Die lässt einen Mann erkennen, der in Heilbronn aufgewachsen ist, eine Lehre zum KfZ-Mechaniker machte und 1976 seine „einzige und große Liebe“ heiratete, mit der er zwei Kinder hat. Zweimal musste er nach betriebsbedingten Kündigungen eine neue Stelle suchen. Dann machte ihn eine lange Schulterverletzung arbeitslos.
Schuss aus Polizeipistole beendet Ausraster
Schon 1989 sei bei seiner Frau Multiple Sklerose diagnostiziert worden. Die Krankheit wurde in Schüben schlimmer. Sie habe die Sprache verloren, sei dement geworden, habe stündlich umgelagert werden müssen, schildert die Anwältin den Alltag ihres Mandanten. Im Mai vergangenen Jahres habe sich der Zustand der Frau massiv verschlechtert. In ein Hospiz wollte er sie auf keinen Fall geben. Nach einem weiteren Notarzteinsatz blieb aber nur noch der Weg in ein Pflegeheim. Das war der 25. Mai. Der Tag vor seinem Ausrasten bei Untermünkheim.
Wie er dort hin kam? Er weiß es nicht. Hat keinen Bezug dazu. Auf die Untersuchungshaft folgt eine Unterbringung im Zentrum für Psychiatrie in Weinsberg. Nach seiner Entlassung dort konnte er sich noch von seiner Frau verabschieden. Sie ist am 22. Dezember gestorben.
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