Jörg Hübner ist 1962 in Krefeld geboren. Im Jahr 2002 hat Hübner zum Thema „Globalisierung – Herausforderung für Theologie und Kirche. Perspektiven für eine menschengerechte Weltwirtschaft“ habilitiert. Von 2013 bis 2023 war er Direktor der Evangelischen Akademie Bad Boll. Danach wechselte er nach Künzelsau, wo er nach dem Ausscheiden des Dekans Friedemann Richert Administrator des Kirchenbezirks war. Inzwischen ist das Dekanat im neu entstandenen Kirchenbezirk Hohenlohe aufgegangen. Jetzt ist Hübner Pfarrer in Künzelsau.
Jörg Hübner aus Künzelsau: Im Krieg braucht man „andere Formen“ als christlichen Pazifismus
Der Künzelsauer Pfarrer und Ethiker Jörg Hübner ist einer der Autoren der Friedensdenkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland. Im Interview spricht er über Pazifismus, Waffenlieferungen, Atomwaffen und wie man die Friedensdenkschrift verstehen kann.

Knapp vier Jahre nach dem Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) eine Friedensdenkschrift herausgegeben. Der Künzelsauer Pfarrer und Wirtschaftsethiker Professor Jörg Hübner ist einer der Autoren im 14-köpfigen Redaktionsteam. Die Denkschrift setzt einen neuen Schwerpunkt beim Begriff „Gerechter Frieden“, der in der letzten Denkschrift von 2007 eingeführt wurde: Der sogenannten Dimension „Schutz vor Gewalt“ wird eine übergeordnete Rolle zugeschrieben. Diese sei Voraussetzung um die anderen drei Dimensionen – „Förderung von Freiheit“, „Abbau von Ungleichheit“ und „friedensfördernder Umgang mit Pluralität“ – überhaupt zu realisieren.
Die Denkschrift sagt, es könne ethisch vertretbar sein, Waffen zu liefern: zum Schutz vor Gewalt. Welche Rolle spielt da noch das Gebot „Du sollst nicht töten“?
Jörg Hübner: Das Gebot „Du sollst nicht töten“ und das Gebot Jesu der Feindesliebe, der Gewaltfreiheit, ist das, was das Gewissen eines jeden Christen bindet. Wir sprechen das Gewissen eines jeden Menschen an. Das ist typisch protestantisch. Diese Friedensorientierung ist das, was den gerechten Frieden weiterhin durchzieht. Aber zugleich sehen wir ja, wie die Konkretionen des Bösen in der Welt, darf man sagen, fast überhandnehmen. Die Art und Weise, wie in Butscha (in der Ukraine, Anmerkung der Redaktion) Menschen hingerichtet worden sind, das ist nichts anderes als die Konkretion des Bösen. In der Ukraine stehen wir vor neuen Abwägungsproblemen. Es geht da rein um die Frage des basalen Schutzes vor Gewalt.
Muss man nicht sehr prinzipientreu sein, um den Einsatz von Gewalt mit einem durch ein Gebot gebundenes Gewissen abzuwägen?
Hübner: Ja, es setzt natürlich einigermaßen rational denkende Menschen voraus. Und wir schreiben ja auch, dass wir auf die Rationalität des Menschen immer noch hoffen und dass wir die Fähigkeit zur Vernunft nicht ganz in Abrede stellen. Und so brauchen wir ein gewisses Zutrauen.
Sie schreiben gleichzeitig, christlicher Pazifismus sei keine legitime politische Ethik. Kann der dann überhaupt noch eine Rolle spielen?
Hübner: Der christliche Pazifismus der absoluten Gewaltfreiheit hat eine ganz besondere Bedeutung für unsere Kirchen und für uns persönlich als Impuls für das Handeln. Diese Perspektive darf nie – nie – aus unseren Köpfen verschwinden. Aber als ethisch-politische Haltung können wir diese Position nicht einnehmen. Eine Gewaltfreiheit spielt gewiss eine große Rolle, wenn es um inner-gesellschaftliche Konflikte geht – das sagen ja auch Studien. Wenn aber Geopolitik betrieben wird, wenn einer unrechtmäßig und völkerrechtswidrig ein souveränes Land angreift und sich bestimmte Landstriche vereinnahmt, dann wird ein solches Handeln nicht mehr funktionieren können. An der Stelle braucht man andere Formen.
Das wird auf die Spitze getrieben in der Frage nach nuklearen Waffen. Diese dürften einerseits nie angewendet werden – eine Frage des Gewissens. Aber sie seien nötig als Abschreckung. Muss das wirklich sein?
Hübner: Wir sehen das ja im Fall des damaligen Abkommens zwischen der Ukraine und Russland. Die Ukrainer haben Waffen abgegeben, verbunden mit Sicherheitsgarantien. Ob Russland so angegriffen hätte, wenn sie noch Atomwaffen gehabt hätten, weiß man nicht. Es könnte sein, dass sie eine Abschreckungswirkung gehabt hätten. Das ist ein Dilemma natürlich, wie wir ja schreiben. Auf der einen Seite nicht nutzen, auch nicht als ultima ratio. Aber diese Frage nach dem Besitz selbst schreckt möglicherweise ab, ein Land anzugreifen. Aber das stand gar nicht so im Fokus unserer Beratungen.
Was stand denn im Fokus?
Hübner: Zum Beispiel das Thema Dienstpflicht, da haben wir uns viel Mühe gemacht. Wir reden mit den verschiedenen Dimensionen des gerechten Friedens eben nicht vom Wehrdienst allein, sondern von der Dienstpflicht. Es geht um Friedenstauglichkeit. Um eine Verteidigungsfähigkeit in einem umfassenden Sinne. Der Dienst im Militär, und der, der im Krankenhaus oder bei einem unterstützenden Infrastrukturdienst geschieht, das ist ein gemeinsamer Dienst im Sinne von Resilienz der Gesellschaft.
Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), also des Verbunds von 20 protestantischen Landeskirchen und zwei weiteren Gemeinschaften, hat das Werk zur Denkschrift erhoben. Es ist die höchste Qualität einer Veröffentlichung des Rates der EKD.Die Friedensdenkschrift soll die evangelische Friedensethik beschreiben. Diese Denkschrift sei erstmals nicht von einer Kammer alleine verfasst worden, sondern im ständigen Dialog mit friedensethischen Netzwerken sowie mit Experten während mehrerer Akademietagungen entstanden, sagt Hübner. Sie baut auf den vorherigen Friedensdenkschriften auf, aktualisiert aber die Ethik im Angesicht des Zeitgeschehens.
Gerade in diesem Kapitel merkt man: Manche Thesen richten sich an Politiker, manche an Pfarrer, manche an Christen in der Gemeinde. Das macht es schwer, die Denkschrift zu lesen.
Hübner: Ja, das kann sein. Die Differenziertheit der Argumentation ist aber notwendig. Es ist kein irgendwie dahingeworfenes, sondern sehr wohl durchdachtes und ein differenziertes Argumentieren. Ich gebe zu, man muss sich in der Tat reinfuchsen. Es liest sich nicht im Bett oder so. Da muss ich mich schon hinsetzen und nachdenken. Aber so ist es in unseren Zeiten. Wir müssen uns hinsetzen und nachdenken, wie es weitergeht. Und das lässt sich nur mit differenzierten Argumenten ermessen.
An wen ist diese Denkschrift denn gerichtet?
Hübner: Im Grunde an jede und jeden, der mitten in der Welt lebt und sich Gedanken macht über Krieg und Frieden. Gehen Sie in eine x-beliebige Bahnhofsbuchhandlung. Mindestens ein Drittel der Sachbücher, die dort ausliegen, beschäftigen sich mit der Frage von Krieg und Frieden. Das ist das Thema, mit dem wir wirklich im Tiefsten beschäftigt sind.
Befürchten Sie nicht, dass die Denkschrift in den Gemeinden verpufft, weil sie schwierig zu lesen ist?
Hübner: In Berlin wurde ich von einem Friedensforscher gefragt: „Wo sind die Fußnoten?“ Es gibt einen weiteren Band, ein Friedensethisches Lesebuch. Da kommen Expertinnen und Experten zu Wort mit verschiedenen Perspektiven. Aber gerade für die Arbeit in den Gemeinden wird es noch didaktische Materialien geben. Und es gibt einen Podcast der EKD mit verschiedenen Interviewpartnern. Ich bin da auch dabei mit dem Thema „Ökonomie des Krieges“.
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