Cem Özdemir stellt sich in Hohenlohe vor die Landwirte – kritisiert wird er dennoch
Landwirtschaftsminister Cem Özdemir ergreift beim Hohenloher Bauerntag in Schwäbisch Hall die Partei der Landwirte, doch nicht jeder hört ihm zu. Auch am Asyl-Thema kommt der Grünen-Politiker nicht vorbei.
Die umstrittene Abstimmung zum Zustrom-Begrenzungsgesetz am Freitag steckt noch einigen in den Knochen, allen voran den Politikern aus dem Bundestag. Christian von Stetten (CDU) etwa, der Friedrich Merz nahesteht. Und Harald Ebner (Grüne), der sich mit seiner Fraktion vehement dagegen gestellt hat. Beide sitzen zwei Tage später nebeneinander. So ist die Sitzordnung an Lichtmess in der Mehrzweckhalle Wolpertshausen, wo die Bäuerliche Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall ihren Hohenloher Bauerntag feiert – mit Linsen und Spätzle und dem Musikverein Fronrot. Die Ereignisse seit Mittwoch auf politischer Ebene, der Riss zwischen den Politikern, zwischen den mehr als 1000 Besuchern, ist auch in Wolpertshausen intensiv spürbar.
Grünen-Politiker Cem Özdemir stellt sich vor die Landwirte – Kritik gibt's dennoch
Wie weit dieser spaltet, wird deutlich am Hauptredner. Cem Özdemir steht da als schwäbelnder Grünenpolitiker mit migrantischen Wurzeln, der mit diesen Attributen als Erzfeind mancher Rechtskonservativer dienen könnte. Er ist Bundeslandwirtschaftsminister, seit geplatzter Koalition zudem Bundesbildungsminister, will 2026 Ministerpräsident werden. Natürlich weiß er, dass er viele im Saal nicht erreichen wird. Er stellt sich an diesem Sonntag dennoch demonstrativ vor die Landwirte – so, wie er es bereits bei den Bauernprotesten gemacht und so manchen von sich überzeugt hat.
Was etwa die Fleischhaltung angeht, der große Markt der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft, ist Özdemir überzeugt, dass es ohne Tierhaltung keine Kreislaufwirtschaft geben kann – das sage er auch als Vegetarier. Die Branche durchlebe aber einen Wandel. Flexitarier würden weniger und bewusster Fleisch konsumieren, dafür höhere Qualität fordern. Kritik äußert der 59-Jährige am Kunden. „Wir sind Weltmeister, wenn es um Tierwohl geht, um Klimaschutz“, nach guten Worten jedenfalls. Der Inhalt des Einkaufswagens spreche dann aber eine andere Sprache. Die Bäuerliche Erzeugergemeinschaft könne als Vorbild dienen, weil sie auf Tierwohl, Qualität und faire Erlöse achte. Für ihn ein Zukunftsmodell.

Agrarpolitiker Özdemir beim Bauerntag in Schwäbisch Hall – Kritik an seinen Vorgängern kritisiert
Zum Wahlkampf gehört die Kritik. Bei Özdemir ist diese an politische Vorgänger der CDU im Bund adressiert. Die Landwirtschaft denke nicht in Legislaturperioden, sondern in Generationen. Etliche gute Ideen seien damals liegengeblieben, die er jetzt umsetze, oder versuche. Die staatliche Tierhaltungskennzeichnung komme 2025. Erfolgreich habe er Mittel verteidigt, damit die Altersvorsorge der Bauern nicht noch weiter schrumpft. „Seit den 90ern beschäftigen wir uns mit dem Düngerecht.“ Lösungen seien im letzten Moment von den Konservativen blockiert worden. Özdemir: „Ein Vorschlag wird nicht deshalb schlecht, weil ein Grüner einen Vorschlag von den Schwarzen übernommen hat.“ Ein Zitat, das so ähnlich ein anderer Politiker vergangene Woche genutzt hat.
Özdemir bekommt viel Applaus, hört aber vieles vom Gegrummel nicht, das an Tischen gesprochen wird. Manche würdigen ihn keines Blickes. Auf der anderen Seite wird er mit euphorischer Zustimmung bedacht. Besonders zu spüren ist das, als er den Saal verlässt – oder eben dies versucht. Seine Personenschützer kommen kaum voran. Immer wieder bilden sich Trauben um den Spitzenpolitiker, der Selfies mit Anhängern macht, der zustimmende Worte und kleine Präsente wie eine Packung Mon Chéri mitnimmt. Aber einige konfrontieren ihn auch wild gestikulierend mit Vorwürfen.
Wie eine CDU-Abgeordnete ihren grünen Vorredner Özdemir kontert
So geht die Rede der CDU-Landtagsabgeordneten Sarah Schweizer aus Göppingen zunächst unter. Özdemir sei „wie immer rhetorisch stark“ unterwegs, sagt die 41-Jährige in Tracht. Der Vorredner nenne „das Kind beim Namen, weiß, wo der Schuh drückt“. Das war’s dann aber auch mit lobenden Worten der selbsternannten Politik-Newcomerin. „Ich habe ihn gefragt: Wie lange muss man Berufspolitiker sein, dass man es schafft, sich in jedem zweiten Satz zu widersprechen.“ Und: „Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, ob ich so überhaupt werden will.“ Sie bezieht sich unter anderem auf Özdemirs Kritik, dass seine Forderungen an der CDU scheiterten, nur weil er ein grüner Minister sei. Schweizer gibt zurück, dass Rot-Grün dann doch im Bundestag nach dieser Theorie auch dem Zustrombegrenzungsgesetz hätte zustimmen können.
An jenem Thema kommt in diesen Tagen keiner vorbei. Auch Özdemir nicht, der damit sogar eingestiegen war, der Änderungen befürworte, aber eben anders als die CDU. Das Grundgesetz gewähre ein Recht auf Asyl. „Es steht aber nicht drin, dass jeder das bekommt, dass wer schwerkriminell ist, hier bleiben darf.“ Was Wirtschaft und Landwirtschaft betrifft, sei Deutschland auf Fachkräfte angewiesen, die von außen kommen.
Forderung: Unternehmen müssen für Umweltschäden bezahlen
Der Chef der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft, Rudolf Bühler, fordert in seiner Rede, dass das Verursacherprinzip wieder gelten müsse. Schäden in der Natur müssten eingepreist und im Gegenzug Bauern für klimaresiliente Leistungen entlohnt werden. Die rechtlichen Rahmenbedingungen böten aktuell eine gute Chance, das voranzutreiben. „Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern sind seit 2025 verpflichtet, neben ihrer Kapitalbilanz eine Nachhaltigkeitsbilanz aufzustellen und parallel beim Finanzamt einzureichen.“ Bühler fordert: Emittenten müssten für verursachte Umweltschäden bezahlen. „Diese können nicht länger durch Steuergelder behoben werden.“ Bauern, die auf einem guten Weg seien, könnten hingegen durch Klimazertifikate vergütetet werden.
Was den Krieg im Osten angeht, fordert der BESH-Chef „dringendst Waffenstillstand und Verhandlungen“, ohne die Ukraine und Russland beim Namen zu nennen. „Wer für den Frieden eintritt, wird von den Medien und der Politik kritisch beäugt, bestenfalls als naiv angefeindet oder gleich als rechts stehend. Dies muss ins Gegenteil umgekehrt werden.“
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