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Bauern im Burnout: „Jetzt muss sich etwas ändern" – Früherkennung ist wichtig

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Lebenskrisen früher erkennen und Betroffenen besser helfen? Die Ländliche Heimvolkshochschule Hohebuch nahm sich dem Thema einen ganzen Tag lang an. 

Strenge Auflagen, sinkende Preise, steigende Kosten, gewachsene Ansprüche, familiäre Konflikte: Es kann sich viel zusammenbrauen über gestressten Landwirten.
Strenge Auflagen, sinkende Preise, steigende Kosten, gewachsene Ansprüche, familiäre Konflikte: Es kann sich viel zusammenbrauen über gestressten Landwirten.  Foto: Harald Tittel

Immer mehr Landwirte sind so gestresst, dass sie psychisch krank werden. Die Folgen reichen von Burnout über Depression bis zu Selbstmord. Dass der Berufsstand eine hohe Suizidrate hat und Bauern besonders gefährdet sind, mental zu kapitulieren, ist schon länger bekannt. Doch erst jetzt, wo der Druck auf die Branche weiter gestiegen ist, kommt das gesamte Ausmaß langsam ans Tageslicht.

Bauern im Burnout: Neues Programm zur Früherkennung von Lebenskrisen

Früher wurden Familienkonflikte und Zukunftssorgen totgeschwiegen. Heute werden erste Bemühungen sichtbar, stärker hinzuschauen und öfter zuzuhören. Und vor allem: die Lebenskrisen viel früher zu erkennen und den Betroffenen beratend und helfend zur Seite zu stehen. Die Landespolitik sieht dabei alle Mitstreiter in der „Verantwortung“, deshalb hat das Ministerium für Ländlichen Raum 2025 einen gleichnamigen „Runden Tisch“ ins Leben gerufen. Das Ziel: ein Früherkennungsprogramm zu etablieren, das in der Fläche wirkt und von einem stabilen Netzwerk aus Kümmerern und Vertrauenspersonen getragen wird, die ihre Kontakte an der bäuerlichen Basis spielen lassen.

Diskussion in der Ländlichen Heimvolkshochschule Hohebuch (von links): Jürgen Maurer (Bauernverband), Katharina Meusener (Redakteurin Top Agrar), Hans-Peter Mack (Familienberater), Regina Eichinger-Schönberger (SVLFG), Katharina Hermann (Landjugend), Christine Niens (Thünen-Institut) und Gastgeberin Anika Bolten.
Diskussion in der Ländlichen Heimvolkshochschule Hohebuch (von links): Jürgen Maurer (Bauernverband), Katharina Meusener (Redakteurin Top Agrar), Hans-Peter Mack (Familienberater), Regina Eichinger-Schönberger (SVLFG), Katharina Hermann (Landjugend), Christine Niens (Thünen-Institut) und Gastgeberin Anika Bolten.  Foto: Reichert, Ralf

Allzu lange wurde über solche Fälle nur getuschelt, öffentlich waren sie kaum ein Thema. Denn dass man mit seinen psychischen Kräften am Ende ist, gehört schließlich nicht zum Selbstbild eines robusten Landwirts. Dann nahmen sich im Bodenseeraum in drei Monaten gleich drei Bauern das Leben. „Dies war der Auslöser zu sagen: Stopp. So geht es nicht weiter. Das ist nicht mehr akzeptabel und hinnehmbar“, erinnert sich Jürgen Maurer, Chef des Bauernverbands Schwäbisch Hall-Hohenlohe-Rems.

„Wege zu mehr Resilienz in der Landwirtschaft“

Er ist zu Gast beim „Hohebucher Agrargespräch“ der Ländlichen Heimvolkshochschule des Evangelischen Bauernwerks in Württemberg, das sich genau diesem Thema widmet. Einen ganzen Tag lang. Der Titel: „Wege zu mehr Resilienz in der Landwirtschaft.“ Also zu mehr Widerstandskraft, um Krisen und Belastungen zu meistern. Die Referenten: Experten aus allen Bereichen des Agrarsektors.

Der Betrieb kommt zuerst: Wo bleibt der Mensch?

Das Problem ist also angekommen im öffentlichen Diskurs. Nun soll es weiter verstärkt werden. Anika Bolten, Geschäftsführerin in Hohebuch, hat sich „an der Uni sehr viel mit Resilienz und Fehlbelastungen beschäftigt“. Entscheidend sei die „innere Haltung“. Dabei falle immer wieder derselbe Satz: „Der Betrieb kommt zuerst.“ Und der Mensch irgendwann unter ferner liefen. Allzu oft würden die eigenen Grenzen des Leistbaren hintangestellt. „Dabei läuft kein Hof, wenn es nicht Menschen gibt, die gesund sind und gesund bleiben, auch wenn der Betrieb an erster Stelle steht.“ 

Ministerialdirektorin Isabel Kling stellte die neuen Hilfsangebot des Landes vor.
Ministerialdirektorin Isabel Kling stellte die neuen Hilfsangebot des Landes vor.  Foto: Reichert, Ralf

Dass die Bauern oft an ihre Grenzen kommen, zeigen auch immer wieder die Bauernproteste aufgrund von politischen Entscheidungen und wirtschaftlichen Lagen. Erst im Dezember hat es Proteste gegen Lidl gegeben

Politik und Gesellschaft haben sich „zu wenig um die Menschen gekümmert"

Isabel Kling, Ministerialdirektorin im Ministerium für Ländlichen Raum, gibt zu: „Wir alle, Politik und Gesellschaft, haben uns zu wenig um die Menschen gekümmert.“ Auch sie nennt die „drei Suizide vom Bodensee, die uns tief bewegt“ und ihr Ministerium letztlich zum Handeln gezwungen haben. „Warum schauen wir weg und nicht hin?“ Diese Gretchenfrage kannte für sie nur eine Antwort: „Jetzt muss sich etwas ändern.“ Dringend. Im Sommer 2025 startete ein Runder Tisch mit Vertretern von Verbänden, Kirchen und Beratern. Der Name: „Gemeinsam Verantwortung übernehmen.“

Das Ziel: Ein Netzwerk zu bilden, das Landwirte in Notlagen „zuverlässig auffängt und ihnen koordinierte und professionelle Hilfsangebote an die Hand gibt“, verkündete das Ministerium damals. Und stellte 350 000 Euro bereit, um Vertrauenspersonen an Land zu ziehen, die den Berufsstand kennen. Sie sollen sich vor Ort um Betroffene kümmern.

Strenge Hofkontrollen setzen Landwirte extrem unter Druck

Parallel dazu soll die „Ausbildung der Veterinäre“ verbessert werden, erklärt Kling. Vor allem allzu strenge Hofkontrollen setzen Landwirte extrem unter Druck. Miteinander reden statt gegeneinander arbeiten: So ist die Idealvorstellung. Auch die Landwirtschaftsverwaltung soll stärker für psychische Belastungen in der Bauernschaft sensibilisiert werden. Der Mensch und die Familie sollen jetzt in den Mittelpunkt rücken. Und angehende Landwirte sollen in der Ausbildung lernen, Hilfe anzunehmen.

Oft „stecken keine wirtschaftlichen Probleme, sondern Generationen- und Paarkonflikte dahinter“

Hans-Peter Mack ist seit 13 Jahren Familienberater beim Bauernwerk und hat schon viele Streitfälle hautnah erlebt, die sich zu persönlichen Krisen ausgewachsen haben: „In den meisten Fällen stecken keine wirtschaftlichen Probleme, sondern Generationen- und Paarkonflikte dahinter.“ Zu vieles werde verdrängt, bleibe unausgesprochen und damit ungelöst. Das wichtigste sei, „die Kommunikation überhaupt erst einmal anzustoßen“. 

Weitere Infos zum Präventions- und Unterstützungsnetzwerk, das vom Land gemanagt wird, finden Betroffene unter www.inverantwortung.de. „Uns geht es darum, hinter Ihrer anspruchsvollen Arbeit nicht nur die Fakten zu sehen, sondern Sie als Mensch, Sie als Familie in den Mittelpunkt zustellen“, heißt es dort. Deshalb gibt es Unterstützer – sowie Vertrauenspersonen, die bei den Bauern- und Weinbauverbänden angesiedelt sind. Wer schnelle Hilfe benötigt, kann sich an die Krisenhotline der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau (SVLFG) wenden: rund um die Uhr unter Telefon 0561 785 10101, www.svlfg.de/krisenhotline.

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