Alexander Gerst aus Künzelsau studierte Geophysik und Vulkanologie in Karlsruhe und Wellington. 2009 schloss er seine Ausbildung am Europäischen Astronautenzentrum (EAC) in Köln ab. 2014 war er bei der Weltraum-Mission Blue Dot und 2018 bei der Mission Horizons an Bord der ISS, auf der er als erster Deutscher für drei Monate das Kommando hatte.
Wie Alexander Gersts Liebe zum Weltraum in Hohenlohe geweckt wurde
Der Hohenloher Alexander Gerst könnte als erster Deutscher auf den Mond fliegen – als Teil des Artemis-Programms. Seine Faszination entwickelte Astro-Alex bereits in der Kindheit in Künzelsau.
Der Künzelsauer Alexander Gerst könnte als erster Deutscher Richtung Mond aufbrechen – als Teil des Mond-Programms „Artemis“. Die Vorbereitung begann für den ESA-Astronauten aber früh – als Sechsjähriger in seiner Heimat Hohenlohe. In und um Künzelsau herum hat er gelernt, an die eigenen Träume zu glauben – und das wünscht er sich auch für die jüngere Generation.
Herr Gerst, auch wenn es noch nicht feststeht: Sie könnten in wenigen Jahren als erster Deutscher zum Mond aufbrechen. Wie viel Anteil hat ihre Heimatstadt Künzelsau an ihrem Weg ins All?
Alexander Gerst: Einen großen Anteil. Da wo man aufwächst, bekommt man seine Wurzeln und seine Flügel, das gilt für jeden Menschen. Beides habe ich in Hohenlohe bekommen.
Diese Flügel haben Sie schon zwei Mal fast 400 Kilometer weit in den Orbit getragen, zur ISS. Das qualifiziert Sie nun für die vielleicht wichtigste Forschungsaufgabe des 21. Jahrhunderts. Wie blickt man aus dieser Entfernung auf seine Wurzeln – Ihre Heimat, Ihr Elternhaus?
Gerst: Als Astronaut oder Astronautin versucht man am Anfang immer erst einmal, seine Heimat zu fotografieren. Es war gar nicht so einfach, Hohenlohe aus dem Orbit zu finden. Ich musste erst einmal auf Google Earth schauen, um das überhaupt zu verorten. Witzigerweise ist der Heimatbegriff aber für Astronauten und Astronautinnen etwas, das sich mit der Zeit erweitert.
Was bedeutet das?
Gerst: In den ersten Tagen schaut man immer auf die Stadt, aus der man kommt. Dann realisiert man: Das Land darum herum ist ja auch meine Heimat. Irgendwann wird es der ganze Kontinent. Am Schluss, nach ein paar Monaten im Weltraum, freut man sich einfach, auf diesen Planeten zurückzukehren. Ich bin damals in Kasachstan gelandet, ein Ort, wo ich nie zuvor war, nicht einmal in der Nähe. Trotzdem hat es sich wie Nachhausekommen angefühlt. Mein Heimatbegriff ist gewachsen. Alles hat aber in Hohenlohe angefangen.
Gab es ein Schlüsselerlebnis, das Ihre Liebe zum Weltraum geweckt hat?
Gerst: Mein Großvater, der mich sehr unterstützt hat, war Funkamateur in Künzelsau. Einmal hat er meine Stimme auf den Mond geschickt: Er hat seine Funkantenne auf den Mond gerichtet, dann habe ich ins Funkgerät sprechen dürfen, und zweieinhalb Sekunden später war plötzlich meine Stimme wieder da – verzerrt im Funkgerät. Ich war damals vielleicht sechs Jahre alt – aber ich weiß noch, dass es mich unheimlich fasziniert hat, dass ein Teil von mir auf den Mond geflogen und wieder zurück gekommen ist. Als Kind habe ich das nicht genau verstanden. Im Nachhinein wusste ich, dass dadurch alle Atome auf der Oberfläche des Mondes im Rhythmus meiner Stimme vibriert haben, als die Stimme zurückreflektiert wurde. Ein Teil von mir war quasi schon als Kind auf dem Mond. Das war für mich wie ein Weckruf.
Und von da an wollten Sie ins All?
Gerst: Es war nicht so, dass ich danach sofort dachte: Jetzt will ich Astronaut werden. Es war eher ein Wachrütteln aus dem kleinen ins globale Denken. Das hat mich inspiriert, Wissenschaftler zu werden. Irgendwann habe ich aber gemerkt: Dich fasziniert am meisten das Große und Ganze. Weil meine Eltern mir ab einem gewissen Punkt nicht mehr genau erklären konnten, wie Blitze entstehen, und mich ihre kindgerechten Erklärungen nicht mehr zufriedengestellt haben, schenkten sie mir aus Verzweiflung wissenschaftliche Bücher. Die habe ich begeistert verschlungen. All diese Inspirationen habe ich in Künzelsau bekommen – von meinen Eltern, meiner Umgebung und der Region. Es war ein riesiges Privileg für mich, dass meine Eltern nie versucht haben, mir meine Träume auszureden. Sie haben schnell gemerkt, das bringt eh nichts – sie können das nur verstärken, indem sie mich unterstützen. Dieses Privileg haben ganz viele Kinder weltweit nicht. Deswegen ist es so wichtig, dass man etwas dafür tut, dass Kinder weltweit Chancen bekommen, ihre eigenen Träume zu realisieren.
Und mit welchen Gefühlen blicken Sie heutzutage an den Nachthimmel? Anfang Dezember gab es einen sogenannten Supermond, von der Erde aus so hell zu sehen wie bis 2042 nicht wieder.
Gerst: Ich finde es interessant, dass Menschen so viel Wert darauf legen, ob der Mond voll oder halb zu sehen ist, und in welcher Größe er sich zeigt. Das ist zum einen ein schönes Zeichen, denn es beweist, dass wir uns für unsere kosmische Umgebung interessieren. Dass es uns nicht egal ist, was da draußen ist. Aber aus Astronautensicht sieht man es von außen als Gesamtsystem Mond – Erde. Der Mond ist wie ein achter Kontinent. Es ist gar nicht wichtig, wie er aus einer einzigen, kleinen Perspektive vom Boden aus gesehen aussieht. Das Wichtige ist, dass er da ist. Dass er relevant für uns ist.
Also blicken Sie als Astronaut weniger romantisierend auf den Mond als die meisten. Warum ist er aus wissenschaftlicher Sicht relevant für uns?
Gerst: Wir sind ein Inselvolk im Kosmos, deswegen tun wir gut daran, unsere Umgebung und diese Insel mit ihrem kleinen Begleiter zu erforschen. Wie jedes Inselvolk müssen wir das Meer um uns herum verstehen – den schwarzen Kosmos. Denn es gibt nicht nur Chancen für uns da draußen, sondern auch Gefahren. Asteroiden, die uns nahekommen können und als Meteoriten bei uns einschlagen können, die ganze Länder zerstören können. Weltraumwetter, das unsere Satelliten ausknipsen kann. Sonnenstürme, die ganze Elektrizitätsnetzwerke ohne Vorwarnung ausschalten können. All das müssen wir verstehen.

Da verwundert es doch ein wenig, dass Nasa, Wissenschaft, Raumfahrt und Politik den Mond gefühlt jahrzehntelang nicht ernsthaft auf dem Radar hatten.
Gerst: Deswegen ergibt sich bei mir immer ein Fragezeichen, wenn ich an den Nachthimmel schaue. Ich denke mir: Ja, warum war da seit 60 Jahren niemand mehr? Es ist doch bizarr: Dieser Begleiter am Nachthimmel, den jeder von uns schon einmal gesehen hat, ist so nah – inzwischen nur noch drei Tage Reisezeit entfernt. Es kann doch wohl nicht sein, dass vor vielen Jahren ein paar Männer dort oben waren, eine Flagge aufgestellt und ein paar Steine aufgesammelt haben – und das war es dann. Wir Menschen sind doch Entdecker und Entdeckerinnen. Diese Umgebung zu erforschen, ist unsere Pflicht gegenüber den folgenden Generationen.
Dann war vor Jahrhunderten ein Christoph Kolumbus mutiger als wir heute?
Gerst: Auf alle Fälle. Wir haben sogar das Privileg, dass der Mond als Ziel am Himmel zu sehen ist. Die ersten Entdecker, die ein Schiff gebaut haben und über den Horizont hinausgesegelt sind, wussten nicht, ob sie jemals zurückkommen. Oder die Antarktis-Entdecker vor 100 Jahren, die oft zwei Jahre unterwegs waren und oft nicht mehr zurückkamen: Sie mussten ähnliche Vorbehalte ausräumen wie wir heute.
Welche meinen Sie?
Gerst: Damals hieß es auch: Was soll das, in der Antarktis ist doch nur Eis. Nichts, was uns hilft. Das ist nur eine Verschwendung von Ressourcen. Und jetzt, 100 Jahre später, stellt den Sinn niemand mehr infrage. Dort sind Forschungsstationen, die wichtige Klimadaten erfassen und uns künftig aus der Klemme helfen können. Wir haben eine deutsche Forschungsstation dort, die permanent besetzt ist. Es war extrem wichtig, dass Menschen diesen Schritt gegangen sind. Und genauso wird es mit dem Mond laufen.
Was wären denn die besten Nachrichten, die der Mond für Sie oder andere Astronauten bereithalten könnte?
Gerst: Die Meteoritenkrater des Monds erzählen uns sehr viel mehr über das Risiko eines Einschlags als die, die wir auf der Erde haben. Wir haben in Süddeutschland das Nördlinger Ries, ein Riesenkrater. 15 Kilometer breit, da passt ganz München rein. Der ist geologisch gesehen erst gestern entstanden, und das wird wieder passieren. Aber das können wir auf der Erde nicht richtig erforschen, weil die Spuren von Einschlägen durch Erosion ausgelöscht sind. Auf dem Mond gibt es diese Hinweise noch. Vom Mond aus können wir Meteoriten besser entdecken und vielleicht ein Abwehrsystem installieren. Für uns Menschen wird das möglicherweise irgendwann mal überlebenswichtig sein.
Der Mond als eine Art Geschichtsbuch der Erde?
Gerst: Ja. Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen vermuten zum Beispiel ein Archiv des Sonnenwindes im Mondstaub der letzten Jahrmilliarden. Das ist sehr interessant, weil es uns natürlich auch etwas über die Gefahr von Sonnenstürmen sagt. Es könnte auch sein, dass wir auf dem Mond Gestein von der Erde finden, das bei großen Meteoriteneinschlägen weggesprengt wurde und vielleicht Spuren von frühem irdischen Leben enthält. Spuren, die wir hier nicht mehr finden können.
Mit den Artemis-Missionen soll dieser Forscherdrang, der die vergangenen Jahrzehnte schlummerte, nun zurückkommen – und damit auch die Erkenntnisse.
Gerst: Es geht dabei nicht nur um den Mond. Es geht auch um Erkenntnisse im niedrigen Erdorbit, um Erdbeobachtung und Sicherheit im Weltraum, um Forschung, Technologie und Nachfolger für die ISS. Da hat sich Europa positiv aufgestellt und das ist wichtig. Dazu gehört, dass wir zum Mond fliegen. Denn er wird erforscht werden – weil er da ist, weil jetzt die technischen Möglichkeiten gegeben sind, zu interessanten Regionen des Mondes fliegen zu können. Nicht damals wie bei den Apollo-Missionen, wo Menschen nur entlang des Mondäquators landeten, nicht lange bleiben und viel mitbringen konnten. Die Voraussetzungen haben sich geändert, deswegen hat es eine Weile gedauert, bis es soweit war.
Auch wenn noch nicht ganz feststeht, ob Sie selbst oder Ihr ESA-Astronautenkollege Matthias Maurer 2028 die etwa 380.000 Kilometer in Richtung Mond reisen werden – war es für Sie die beste Nachricht des Jahres, dass deutsche ESA-Astronauten dabei sein werden und Sie einen Platz in der Mission bekommen können?
Gerst: Es geht nicht um uns, Herrn Maurer und mich, und die Frage, wer von uns fliegt. Die wirklich wichtige Nachricht ist, dass wir als Europa mit dabei sind. Dass wir autonom Entscheidungen treffen können, dass wir Schlüsseltechnologien behalten. Wir konnten uns aussuchen, ob wir mit dabei sein wollen, wenn dieser achte Kontinent entdeckt wird, oder nicht. Wir haben uns entschieden, mit dabei zu sein. Das ist die wohl beste Nachricht für Europa und Deutschland.

Die astronautischen Artemis-Missionen waren schon seit geraumer Zeit geplant, ebenso stand fest, dass drei ESA-Astronauten dabei sein würden. Deutschland hat mit 21 Prozent den größten Anteil an den 22,1 Milliarden Euro, auf die sich die 23 Mitgliedsstaaten als Raumfahrt-Budget für drei Jahre geeinigt haben. Völlig überraschend kamen diese „Good News“ für Sie also wahrscheinlich nicht.
Gerst: Die Nachricht war für uns tatsächlich neu. Davon wussten wir auch nicht, bis es verkündet wurde. Letztendlich haben wir uns gedacht, dass Deutschland bei den nächsten Missionen dabei ist. Einfach, weil Deutschland so ein starker Unterstützer der ESA ist. Aber es ist ein schönes Zeichen für Deutschland und Europa.
Wie geht es nun weiter?
Gerst: Wenn eine Mission mit europäischer Beteiligung steht, wird vom Generaldirektor der ESA entschieden, wer aus Europa mit an Bord ist. Bis dahin ist aber noch ein bisschen Zeit. Wir müssen jetzt erst einmal sehen, wie die Testmission Artemis 2 verläuft, wie überhaupt die nächste Mission designt wird. Jede Mission baut auf der vorherigen auf. Bis dahin kann man noch nicht sagen, was die nächste Mission ist, und ob Europäer mitfliegen.
Zum Mond aufschauen kann jeder Mensch auf der Erde – die Zukunft wird zeigen, ob Sie zu den Wenigen gehören, denen der umgekehrte Blick vergönnt ist. Immerhin haben Sie bereits aus großer Entfernung auf die Erde geblickt.
Gerst: Ja, schon auf der ISS wurde ich mit dieser Perspektive konfrontiert. Die Erde ist aber an der ISS noch sehr nah dran. 400 Kilometer versus 400.000 Kilometer Entfernung zum Mond sind nochmal ein Unterschied. Die Erde erscheint noch tausendmal kleiner. Meine Kollegen, die Apollo-Astronauten, sagen, man kann die Erde hinter dem Daumennagel verstecken, wenn man auf dem Mond steht.
Ist es auch wegen dieses fast existenziellen Perspektivenwechsels wichtig, dass die kommenden Artemis-Missionen astronautisch starten?
Gerst: Es gibt selbstverständlich viele Gründe für astronautische Missionen. Wir sind als Menschen effizientere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als Roboter allein. Wir müssen robotisch und astronautisch raus ins All gehen. Diese Synergie ist der richtige Weg. Trotzdem ist es wichtig, dass wir nicht nur Robotersonden dorthin schicken, die für uns Dinge analysieren und grob angeben, wie es dort aussieht. Menschen identifizieren sich mit anderen Menschen. Um eine Perspektive zu transportieren, interessiert uns, was diejenigen fühlen, wenn sie etwas sehen.
Also existiert bei Astronauten doch ein emotionaler Blick?
Gerst: Es ist ein Unterschied, ob man ein Satellitenbild anschaut oder ein Foto, das ein Mensch aufgenommen hat – selbst wenn es unter Umständen das gleiche Motiv zeigt. Wenn derjenige berichten kann: Das hat mich berührt. Das habe ich gedacht, während ich es aufgenommen habe. Diese Botschaft ist es, die die junge Generation inspirieren kann. So können wir ihr eine Perspektive geben, die besagt: Da draußen gibt es nicht nur Krieg und Umweltzerstörung. Sondern wir Menschen können fantastische Dinge erreichen, von denen niemand gedacht hat, dass wir sie schaffen können.
Erkundet das echte statt eines digitalen Universums, lautet die Botschaft?
Gerst: Meine wichtigste Nachricht an die nächste Generation: Wenn ich so etwas kann, als Alexander Gerst – ein ganz normaler Mensch, der genauso manchmal Schwierigkeiten in der Schule hatte wie ihr, der auch manchmal an seinen Entscheidungen gezweifelt hat – wenn ich das hinkriege, kriegt ihr das auch hin. Es ist in Deutschland möglich, sich diesen Traum zu erfüllen. Dafür muss man nicht in den USA oder anderswo wohnen, weil es dort angeblich viel bessere Möglichkeiten gibt. Nein. Auch hier in Deutschland gibt es Menschen, die abends nach Hause kommen und ihrer Tochter sagen: Mama hat heute an einem Raumschiff mitgebaut, das nächstes Jahr Menschen zum Mond fliegen wird. Das ist enorm wertvoll für Europa, für ein Hochtechnologieland wie Deutschland, für Baden-Württemberg und die Region. Vielleicht inspiriert man die nächste Generation so, über ihre Chancen nachzudenken.
Haben Sie denn als junger Mensch selbst schon so stark an sich geglaubt?
Gerst: Als ich als kleiner Bub irgendwo in Künzelsau saß und aus dem Fenster geschaut habe, bin ich nicht auf die Idee gekommen, dass ich selbst das Zeug dazu hätte. Ich dachte, alle Astronauten sind Supermänner und -frauen, und dass so ein Knirps aus Künzelsau das auch erreichen könnte, darauf kam ich einfach nicht
Deswegen haben Sie zunächst einmal Geologie und Vulkanologie studiert.
Gerst: Ich bin auch nach der Schulzeit nicht davon ausgegangen, dass ich tatsächlich Astronaut werden würde, allein schon wegen der statistischen Wahrscheinlichkeit. Also habe ich das gemacht, was mir Spaß macht. Geophysik, Geologie und Vulkanologie fand ich interessant, weil das eine junge Wissenschaft ist, in der man Sachen herausfinden kann, die Menschen konkret helfen. Das ist interessanterweise ganz ähnlich zu dem, was wir im Weltraum machen: Wir dringen vor in gefährliche, lebensfeindliche Umgebungen, um dort Erkenntnisse zu gewinnen, die Menschen hier auf der Erde nützen.
Das war vermutlich die richtige Entscheidung?
Gerst: Im Nachhinein sieht man immer die Punkte, die man verbinden kann im Zahlenpuzzle des Lebens. Entscheidungen, die mir den Weg hierher geebnet haben, ohne dass ich das damals wusste. Aber mir war immer klar: Ich schulde es meinem 90-jährigen Ich, mich einmal in meinem Leben als Astronaut zu bewerben. Ich wollte mir nicht irgendwann selbst vorwerfen, dass ich es nie probiert habe. Deswegen habe ich bis zu dieser Bewerbung alle meine Entscheidungen im Leben dahingehend überprüft, ob sie mir weiterhin diesen Weg zum Astronaut-Sein offen lassen. Glücklicherweise war alles, worauf ich Lust hatte, als Bewerbungshintergrund komplett in Ordnung.
Auch wenn nicht aus jedem ein Astronaut wird – wie wichtig ist es aus Ihrer Sicht, Dinge mit Abstand aus einer höheren Warte zu betrachten?
Gerst: Das halte ich für extrem wichtig. Wir können so manches Problem dadurch lösen, dass wir es aus der Entfernung betrachten. Ich glaube, das wissen auch die meisten. Im Alltag vergessen wir das aber manchmal. Das Gleiche gilt auch für die Erde. Wenn man sie von außen sieht, kommt es einem bizarr vor, dass wir uns darauf bekriegen, die Umwelt – unser kleines Raumschiff – zerstören. Alle Ressourcen sind begrenzt und endlich, das Raumschiff ist zerbrechlich. Das ist es, was ich weitergeben möchte.
Sind sie optimistisch, dass diese Botschaft die Gesellschaft zusammenrücken lässt?
Gerst: Wie bei den Apollo-Missionen, tut es uns Menschen gut, zusammen mal wieder etwas Unmögliches zu schaffen. Wir sollten uns lieber daran erinnern, wie wir alle zusammen vor dem Bildschirm saßen und die erste Mondlandung eines Europäers oder einer Europäerin verfolgten. Und nicht daran, wo wir waren, als die Türme des World Trade Center zusammenbrachen – das ist etwas, woran sich meine Generation erinnert. Wir schulden es aus meiner Sicht der nächsten Generation, zu zeigen: Wir können als Menschheit alle zusammen etwas Positives erreichen. Etwas, worauf wir stolz sein können.
Das Interview wurde zuerst im PROMAGAZIN (12/2025) veröffentlicht.
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