Kommentar: Homeoffice kann Leben retten

Wirtschaft  Wenn in den vergangenen Monaten über das Thema Homeoffice diskutiert wurde, standen weltanschauliche Fragen im Vordergrund. Beide Lager, Befürworter wie Gegner, hatten gute Argumente. Doch nun muss es um die Fakten gehen, kommentiert unsere Autorin.

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Wer dafür war, mehr mobiles Arbeiten zuzulassen, argumentierte mit dem Plus an Flexibilität und der Notwendigkeit, Familie und Beruf besser in Einklang bringen zu können. Verfechtern traditioneller Modelle ging es häufig um verbindliche Arbeitszeiten und bessere Kontrollmöglichkeiten gegenüber Mitarbeitern.

In Pandemiezeiten dürfen solche individuellen Einstellungen keine Rolle spielen. Jetzt geht es um Fakten. Und die sprechen eine deutliche Sprache: Homeoffice ist eine effektive Maßnahme, das Infektionsgeschehen einzudämmen, das hat ein Forscherteam der Universität Mannheim ermittelt. Laut der Gruppe um den Ökonomen Harald Fadinger könnte bereits ein Prozentpunkt mehr Arbeitnehmer im Homeoffice die Infektionsrate um bis zu 8 Prozent verringern.

Berechnungen von Ökonomen

Das klingt viel, deshalb hat der Bonner Wirtschaftsprofessor Hans-Martin von Gaudecker mit anderen Methoden nachgerechnet – und ist zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen. Nach seinen Berechnungen hätte es in Deutschland vor Weihnachten deutlich weniger Infektionen gegeben, wenn seit Anfang Oktober nur ein Prozent der arbeitenden Bevölkerung mehr im Homeoffice gewesen wäre. Es sei „ein Rieseneffekt“ über die Zeit, urteilt von Gaudecker auf Twitter.

Eine geringere Infektionsrate bedeutet auch: weniger schwere Verläufe und Tote. Homeoffice könnte also Tausende Leben retten. Gleichzeitig besagen Daten der Hans-Böckler-Stiftung vom Dezember 2020, dass sich die Anzahl der Menschen im Homeoffice im November 2020 fast halbiert hat im Vergleich zum April, von 27 auf 14 Prozent. Und das trotz aller Appelle der Politik an die Arbeitgeber, mobiles Arbeiten zu ermöglichen.

Nicht nur die Arbeit ist das Problem

Dabei birgt die Arbeit im Büro ja nicht nur Risiken durch den potenziellen Kontakt mit den Kollegen, denen man im Laufe eines Arbeitstags vielleicht doch mal über die Schulter schaut, ohne das Infektionsrisiko im Kopf zu haben. Es geht auch um den Weg zum Arbeitsplatz und die Kontakte, die dabei zwangsläufig in Bus und Bahn oder beim Warten an der Ampel entstehen. Es geht um den gemeinsamen Mittag im Pausenraum, denn Essen muss man ja im Laufe von acht Stunden.

Es geht darum, ob trotz der tiefen Temperaturen so regelmäßig und gründlich gelüftet wird, wie das nötig ist, um mit Viruspartikeln durchsetzte Aerosole aus dem Büro zu verbannen. Welcher Arbeitgeber kann schon garantieren, dass Sicherheitsmaßnahmen jeden Tag von allen Mitarbeitern so konsequent befolgt werden, wie das in dieser Lage notwendig ist?

Homeoffice-Pflicht als mildes Instrument

Angesichts der Faktenlage und der vielen Unsicherheiten, die am Arbeitsplatz bleiben, spricht Vieles dafür, Homeoffice für einen befristeten Zeitraum verbindlich zu machen, wo immer das möglich ist. Im Vergleich zu vielen Einschränkungen, die der Staat den Bürgern gerade zumutet, wäre eine Homeoffice-Pflicht ein vergleichsweise mildes Instrument. Es darf ja weitergearbeitet werden – ganz im Gegensatz zu Branchen wie der Gastronomie oder dem Frisörgewerbe, für die faktisch ein Berufsverbot gilt.

Und ungenutztes Potenzial für Arbeiten von zu Hause gibt es, das hat eine Umfrage von Bitkom ergeben: 55 Prozent der Teilnehmenden gaben an, sie könnten ihre Arbeit ganz oder teilweise im Homeoffice erledigen – aber nur 45 Prozent tun es auch.

 


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Valerie Blass

Valerie Blass

Autorin

Valerie Blass ist Autorin im Politik-Team. Ihr besonderes Interesse gilt Themen aus dem Bereich Gesundheit.

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