Beim Heilbronner Weindorf, das seit 1971 stets Anfang September stattfindet, greifen schon seit Jahren bestimmte Sicherheitsmaßnahmen, die wegen Terrorattacken auf anderen Großveranstaltungen immer wieder strenger und nach dem Angriff auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt 2024 weiter verschärft werden mussten. Wichtigste neue Maßnahme sind 70 Zufahrtssperren, die einem Frontalangriff von 7,2 Tonnen mit einem Wucht von 48 Kilometer/Stunde standhalten müssen. Die bisher aufgestellten, teils getarnten Betonblöcke seien zu schwach, heißt es. Die Kameras wurden diesen Sommer unabhängig vom Fest installiert, weil der Marktplatz zu bestimmten Zeiten als Kriminalitätsschwerpunkt gilt.
Weindorf-Gäste sehen Videokameras gelassen: „Weingenuss kein Straftatbestand“
Marktplatz im Visier: Besucher üben kaum Kritik an der Videoüberwachung im Heilbronner Weindorf. Die Polizei versichert: „Wir wollen nicht überwachen, sondern schützen.“
Die robusten Anti-Terror-Zufahrtssperren und die vielen Polizisten sorgen dieser Weindorf-Tage rund ums Rathaus für Aufsehen und teils für Kritik. Gelassener sehen die meisten Besucher und Beschicker indes die kürzlich installierten Video-Überwachungskameras. Björn Heinrich, der auf dem Marktplatz Wein ausschenkt, spricht für viele: „Ich bin da relativ entspannt, unsere Gäste auch. Wenn sowas hilft, Kriminelle zu stellen, ist das okay. Als normaler Bürger hast du eh nichts zu verbergen.“ So auch Michael Bahmer vom Wein-Villa-Stand, der vielen als „Buddy“ bekannt ist. „Das ist doch okay. Soviel ich weiß, wird das Video nach ein paar Tagen gelöscht. Wer nichts zu verheimlichen hat, hat auch nichts zu befürchten.“
Ähnlich sieht es Steffen Schoch von der Heilbronn Marketing GmbH (HMG): „Ich gehe davon aus, dass Menschen, die zu uns aufs Fest kommen, nichts zu verbergen haben, sondern im Gegenteil zum geselligen Austausch, zum Genießen und zum Vergnügen da sind, nicht um etwas anzustellen oder Rabatz zu machen.“ Und: „Weingenuss ist im Übrigen kein Straftatbestand“, fügt er süffisant hinzu.
Videokameras auf dem Heilbronner Marktplatz sind nicht immer in Betrieb
Schoch hat sich vor dem Fest rückversichert, dass die Kameras während der Weindorftage nicht abgeschaltet werden, also zu den üblichen Zeiten das Treiben auf dem Marktplatz aufzeichnen: Montag bis Freitag im Zeitraum 14 Uhr bis 21 Uhr sowie an Samstagen zwischen 20 Uhr und 2 Uhr. Der HMG-Schoch geht außerdem davon aus, dass gutbürgerliche Feste wie das Weindorf auch einen gewissen Verdrängungseffekt haben und „gerade Leute, die sich sonst hier aufhalten und negativ auffallen“ das Festgelände in dieser Zeit meiden.

Aufnahmen vom Heilbronner Marktplatz werden 72 Stunden gespeichert und in der Regel dann gelöscht
Lena Gurrath vom Weingut Albrecht-Gurrath kennt sich nicht nur mit Wein aus, sondern auch mit Sicherheitsmaßnahmen. Im Hauptberuf ist sie Oberkommissarin. Das Treiben auf dem Marktplatz werde via Videokamera tatsächlich live am Bildschirm von einem Kollegen im Polizeipräsidium mitverfolgt. „Wenn was passiert, funkt er eine Streife an, die schnell eingreifen kann“.
Die Aufnahmen würden 72 Stunden gespeichert, dann gelöscht, sofern sie nicht als Beweismittel zur Verfolgung einschlägiger Straftaten erforderlich seien, erklärt Gurrath. Sie selbst sei im Weindorf Streife gelaufen und habe den Eindruck, dass die meisten Festbesucher die verstärkten Sicherheitsmaßnahmen begrüßen.
Warum die Ausweitung der Überwachungszeiten in Heilbronn nicht einfach möglich ist
Dies bestätigt Polizei-Pressesprecher Moritz Banholzer. „Im Grunde wollen wir die Weindorf-Gäste ja nicht überwachen, sondern schützen“, betont er. „Wir haben viele positive Rückmeldungen, so begrüßen Gastronomen am Marktplatz die Kameras ausdrücklich“ und wünschten sich sogar eine zeitliche Ausweitung, was aber aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht möglich sei. Die Kameras dürften nur zu den Zeiten laufen, in denen die meisten Straftaten, wie Straßenkriminalität, Körperverletzungen und Betäubungsmitteldelikte, registriert wurden. Für den Betrieb sei die Polizei zuständig, die Stadt habe die technischen Voraussetzungen geschaffen, erklärt Rathaussprecherin Suse Bucher-Pinell.
Wengerter auf Heilbronner Weindorf: „Aufpassen, dass das Flair nicht leidet“
Jürgen Willy von der Privatkellerei Willy drückt sich vorsichtig aus. „Wir freuen uns ja, dass alles für die Sicherheit unserer Gäste getan wird. Gleichzeitig aber muss man aufpassen, dass das Flair nicht leidet.“ Er sieht die Gefahr, dass die vielen unübersehbaren Sicherheitsmaßnahmen wie Zufahrtssperren, hohe Polizei- und Security-Präsenz sowie Videoüberwachung manche Besucher „nicht so recht in den Festmodus kommen lässt“. „Aber das ist wie mit allem: Die einen sehen das so, die anderen so.“
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