Versuchter Mord? Zeugen im Raser-Prozess konnten nur knapp ausweichen
Bei seiner Irrsinnsfahrt von Wüstenrot nach Heilbronn im Oktober 2024 soll ein damals 17-Jähriger aus dem Landkreis zehn Menschen gefährdet haben. Im Landgericht sagte der Angeklagte, er habe unter Drogeneinfluss gestanden.
„Wenn ich nicht drogenabhängig wäre, hätte ich nicht ständig Probleme mit der Justiz.“ Das ließ der Angeklagte im Prozess wegen versuchten zehnfachen Mordes am Dienstag seine Verteidigerin Peggy Eisele vor der zweiten Großen Jugendkammer des Heilbronner Landgerichts erklären.
Laut der Ersten Staatsanwältin Bettina Jörg soll der damals 17-Jährige am 13. Oktober 2024 in einem gestohlenem Mercedes von Wüstenrot nach Heilbronn gerast sein und dabei den Tod von zehn Menschen in Kauf genommen haben. Dabei habe er Verkehrsteilnehmer zum Ausweichen gezwungen und mehrere Polizeisperren durchbrochen. Am Ende sei er in Heilbronn auf nur noch drei Reifen 125 Stundenkilometer gefahren, habe dabei einen Unfall gebaut und sei anschließend geflohen.
500 PS-starken Mercedes in Wüstenrot gestohlen
Dass er zusammen mit einem Freund am 12. Oktober 2024 den 500 PS-starken Mercedes in Wüstenrot gestohlen hatte, räumte der Angeklagte ein. Der Freund, der sich derzeit offenbar in Tunesien aufhält, habe von dem Auto gewusst. So seien die beiden an den Schlüssel gekommen. Nach einer Tour hätten sie das Auto im Wald abgestellt und nach Wertsachen durchsucht. Den Schlüssel habe er anschließend mitgenommen.
Tags darauf habe er mit Freunden Wodka getrunken, Haschisch geraucht und „eine Linie Kokain“ gezogen. Sein Freund habe „noch etwas klar machen wollen“. Da sei er auf die Idee gekommen, zum Mercedes zu gehen.
Was darauf offenbar folgte, war eine Irrsinnsfahrt von Wüstenrot nach Heilbronn. Dabei habe er laut Bettina Jörg drei Menschen in einem Auto ebenso an Leib und Leben gefährdet wie anschließend mehrere Polizeibeamte. Die Anklage lautet unter anderem versuchter Mord in zehn Fällen.
Angeklagter erklärt: Wollte niemanden umfahren, sondern nur flüchten
„Ich fühlte mich berauscht und dachte, ich könnte alles machen“, ließ er seine Verteidigerin erklären. „Offene Augen“ habe er gehabt. Sein Gehirn sei aber nicht „am Platz“ gewesen. Weder habe er beschlossen, jemanden umzufahren noch einen Menschen zu töten. „Ich wollte nur flüchten.“
Schlangenlinien sei er gefahren, hat eine Zeugin beobachtet, die in dieser Nacht mit zwei Freunden in ihrem Opel Corsa zufällig hinter dem Angeklagten hergefahren sei. Und extrem langsam sei er gefahren. „Wir dachten, es könnte ein medizinischer Notfall sein. Oder der Fahrer könnte betrunken sein“, sagte die Zeugin. Weil sie der Meinung gewesen seien, dass er Hilfe brauchen könnte, überholte die Fahrerin den Mercedes und versuchten ihn auszubremsen.
Bereits dieses Fahrzeug soll der Angeklagte versucht haben, mit Vollgas zu rammen. Laut der Zeugin habe sie selbst einem Frontalzusammenstoß nur ausweichen können, indem sie mit Vollgas nach links in eine Abzweigung abgebogen sei. Einer ihrer Mitfahrer schilderte die konkrete Situation zwar ein wenig anders. Aber auch er war sicher: „Wenn wir nicht ausgewichen wären, wäre es zur Kollision gekommen.“ Die Fahrzeuginsassen setzten zwei Notrufe bei der Polizei ab.
Erste Polizeistreife versuchte den Fahrer bei Ellhofen zu stoppen
Ein Polizeibeamter, der zur Tatzeit beim Polizeirevier in Weinsberg gearbeitet hatte, machte sich nach dem Notruf mit seiner Streifenkollegin auf den Weg, um das Fahrzeug vor dem Ortseingang Ellhofen zu stoppen. Dafür hatte sie das Auto mit Blaulicht quer auf die Fahrbahn gestellt. Weil die Beamten wussten, dass der Mercedes tags zuvor als gestohlen gemeldet wurde, alarmierten sie weitere Streifen.
Laut dem Polizisten habe der Mercedes auch bei der Polizeisperre beschleunigt und sei direkt auf die Beamten zugefahren. Rund 50 Meter vor einer möglichen Kollision habe seine Kollegin das Polizeiauto gerade noch rechtzeitig zwei bis drei Meter nach hinten gesetzt. Noch in dieser Rückwärtsbewegung sei der Mercedes mit 80 bis 90 Stundenkilometern rund einen halben Meter vorne an ihrem Fahrzeug vorbeigerast.
„Hätten wir nicht zurückgesetzt, wäre es zur Kollision gekommen“, sagte der Polizeihauptmeister. Bis heute könne er sich nicht erklären, warum der Fahrer nicht umgedreht habe und geflüchtet sei. Schließlich hätten sie die Verfolgung aufgenommen und gesehen, wie der Mercedes eine rote Ampel überfahren habe.
Polizisten kommt herrenloser Pkw-Reifen entgegengerollt
In Heilbronn sei ihm dann ein herrenloser Pkw-Reifen entgegengerollt. „Es war wie in einem schlechten Film“, so der Polizeibeamte. Schließlich seien die Beamten am Unfallort in Heilbronn angekommen. „Ich habe mich gewundert, wie schnell jemand aus so einem Fahrzeug aussteigen und flüchten kann“, sagte der Beamte. Das gilt umso mehr, als der Angeklagte in seiner Einlassung hatte erklären lassen, dass er sich bei dem Unfall in Heilbronn ein Bein gebrochen habe.
Aufgegriffen wurde er schließlich am 5. November 2024 von der englischen Polizei in der Nähe von London. Am 4. September 2025 wurde er ausgeliefert und an die deutschen Behörden überstellt.
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