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Vor 80 Jahren 

31. März 1946: Wie 1000 Ungarndeutsche in Heilbronn ankamen und neu starteten

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Aus Vertreibung wird Integration: Trotz Not und Wiederaufbau finden 1000 Vertriebene aus dem ungarischen Etyek eine neue Heimat im Raum Heilbronn. Was der 31. März 1946 bis heute als Botschaft bereithält.


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„Der Strom der Evakuierten und Ausgewiesenen“, lautete eine Überschrift auf Seite 3 der Heilbronner Stimme vom 6. April 1946. Am gerade einmal fünften Erscheinungstag der Zeitung ist dort ein bemerkenswerter Appell zu den Ostflüchtlingen – oder „Ausgewiesenen“ zu finden, wie der Redakteur als treffendere Bezeichnung damals vorschlägt. „Wir müssen sie aufnehmen unter uns, nicht in Turnhallen und Lagern, sondern in unser Herz.“

Die Zwangsumsiedlung war im Jargon der Alliierten keine Strafmaßnahme

Knapp eine Woche zuvor, am 31. März 1946, also exakt vor 80 Jahren, ist ein Zug mit Viehwaggons im Heilbronner Hauptbahnhof eingefahren. Darin eingepfercht sind jedoch Menschen. Rund 1000. Sie stammen aus Etyek, einem damals 4000 Einwohner zählenden Dorf rund 30 Kilometer westlich von Budapest gelegen. Sie sind Ungarndeutsche. Vertrieben aus ihrer Heimat. Auf Grundlage des Potsdamer Abkommens, das die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs 1945 geschlossen hatten. Darin wird die „Ausweisung Deutscher aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn“ angeordnet.

„Diese Verfügung ist keine Strafmaßnahme den deutschen Einwohnern gegenüber, sie kehren ja nach ihr eigentliches Heimatland, zu ihren Rassenbrüder, in den Verwandtenkreis zurück, wo für ihren Lebensunterhalt gesorgt wurde“, heißt es in der offiziellen Bekanntmachung.

Mehr als 30.000 Flüchtlinge kommen in nur einem Monat in Nordwürttemberg an

Doch so unproblematisch stellt sich die Situation keineswegs dar. Allein zwischen dem 15. Februar und dem 15. März 1946 seien in Nordwürttemberg 34.430 Flüchtlinge angekommen berichtet die Stimme. In ein kriegsverwüstetes Nordwürttemberg wohlgemerkt, in dem die Menschen in bitterer Not leben.

Ein Zugtransport mit Ungarndeutschen aus St. Peter (ungarisch Sajószentpéter) vor der Abfahrt im Frühjahr 1946, unter anderem mit der Aufschrift "Mit Gottes Hilfe fahren wir."
Ein Zugtransport mit Ungarndeutschen aus St. Peter (ungarisch Sajószentpéter) vor der Abfahrt im Frühjahr 1946, unter anderem mit der Aufschrift "Mit Gottes Hilfe fahren wir."  Foto: Alternativer Fotograf

„Die Nazis haben durch diesen Krieg diese innerdeutsche Völkerwanderung mehr oder minder notwendig gemacht“, lässt die Stimme keinen Zweifel an den Verantwortlichen und stellt später klar: „Die Schuld der anderen enthebt uns nicht der Menschenpflicht, unsere Brüder auch in einem verkleinerten, teils kriegsverwüsteten Lebensraum bei uns aufzunehmen und einzufügen in unser verarmtes Dasein.“

Manche Vertriebene ließen ihre Koffer jahrelang unausgepackt

Für die angekommenen Ungarndeutschen bedeutete die Deportation den Verlust ihrer Heimat, ihrer Besitztümer, ihres Landes. „Es wird berichtet, dass manche Familie bis 1951 die Truhe mit ihren Habseligkeiten nicht ausgepackt habe, weil sie dachte, bald wieder in die Heimat zurückkehren zu können“, schrieb Susanna Karly-Berger 1987 in „Unsere Post“, der bis heute existierenden Zeitschrift der Ungarndeutschen.

Mehr als 200.000 Menschen teilten das Schicksal der 1000 nach Heilbronn Deportierten. „Wir durften nur das Nötigste zusammenpacken, Lebensmittel für 14 Tage, Kleider, Geschirr“, erinnert sich Maria Ganski an die Zeit, die sie als Siebenjährige miterlebte. „1 Kilo Fett, 2 Kilo Fleisch, 7 Kilo Mehl, Brot oder Teigwaren, 2 Kilo Hülsenfrucht, 8 Kilo Erdäpfel“ – das war die erlaubte Verpflegung, die jede Person auf die dreiwöchige Zugfahrt mitnehmen durfte.

Neuauflage des vergriffenen Etyek-Buchs als E-Book

In Heilbronn angekommen, wurden die Vertriebenen in den folgenden Tagen einzelnen Landkreisgemeinden zugeteilt. „In diesen Gebieten gab es, bedingt durch die Kriegseinwirkungen, starke Zerstörungen und damit Arbeit beim Wiederaufbau“, heißt es im Buch „Etyek-Edeck – Deutsche Siedler in einem ungarischen Dorf“, das 2025 in einer Neuauflage als E-Book herausgegeben worden ist.

Zum 40. Gedenktag an die Vertreibung war am 26. März 1986 ein Gedenkstein auf dem Lauffener Parkfriedhof eingeweiht worden. Eingeschlossen im Stein ist die Urne mit den Namen der Gestorbenen und Gefallenen.
Zum 40. Gedenktag an die Vertreibung war am 26. März 1986 ein Gedenkstein auf dem Lauffener Parkfriedhof eingeweiht worden. Eingeschlossen im Stein ist die Urne mit den Namen der Gestorbenen und Gefallenen.  Foto: Lina Bihr

„Wir erhalten immer wieder Anfragen zu Familienangehörigen aus der Enkel-Generation. Das ursprüngliche Werk von Irmhild Günther und Otfried Kies ist jedoch schon lange vergriffen“, sagt Axel Koster. Daher entschied sich der Lauffener Stadtarchivar zusammen mit seiner Güglinger Kollegin Emma Koska dazu, das Werk für Interessierte in digitaler Form zur Verfügung zu stellen.

Tugenden wie Fleiß, Sparsamkeit und Hilfsbereitschaft erleichtern die Eingliederung 

Bemerkenswert ist die darin enthaltene vollständige Personenliste jenes Zugs, der am 31. März 1946 Heilbronn erreichte. „Durch einen Luftschlitz sah ich alles wie im Kino vor mir ablaufen“, erinnert sich Zeitzeugin Ganski an die Ankunft, der Ruf „Endstation!“ klingt ihr noch im Ohr.

Doch es war vielmehr ein neuer Anfang, der den Ungarndeutschen bevorstand. „Durch Fleiß, Sparsamkeit und die Bereitschaft, einander zu helfen, fielen unsere Landsleute bei den einheimischen Freunden bald auf und wurden geachtet“, schreibt der 1989 verstorbene Fleiner Josef Toth im „Etyek“-Buch und führt zur Eingliederung in die Stadtgesellschaft weiter aus: „Über die ganze Palette des Vereinslebens führte der Weg recht bald zur Verantwortung in öffentlichen Ämtern. Als Stadt-, Gemeinde- und Kirchengemeinderäte engagieren sich unsere Etyeker Landsleute.“

Etyeker-Kirchweih wird 40 Jahre lang in Lauffen gefeiert

Gleichzeitig bewahren die Etyeker die Bräuche ihrer Heimat. Beispielhaft dafür ist die bereits 1953 in Lauffen am Neckar erstmals begangene Kirchweih. Bis ins Jahr 1992 wurde sie immer am ersten Juli-Wochenende gefeiert, ehe sie 1993 wieder nach Etyek zurückkehrte. Georg Hemmerlein betonte als langjähriger Vorsitzender des Etyeker-Heimatvereins im Jahr 2002, dass nie „revanchistische Gedanken“ vorherrschten, sondern immer „die Brückenverbindung zwischen uns und den ungarischen Bewohnern in der Heimatgemeinde“ im Mittelpunkt gestanden hätten.

Die donauschwäbische Tanzgruppe Schwaigern sorgt für eine volkstümliche Einlage beim Etyeker Kirchweihfest in Lauffen im Jahr 1992.
Die donauschwäbische Tanzgruppe Schwaigern sorgt für eine volkstümliche Einlage beim Etyeker Kirchweihfest in Lauffen im Jahr 1992.  Foto: Claudia Wachter

Beim Welttreffen der Etyeker im Jahr 1993 erhielten die Teilnehmer eine Urkunde mit dem Bekenntnis, „die schon bestehenden Verbindungen der von ihrer ehemaligen Heimat getrennten Bürger im Sinne des sich herausbildenden neuen Geistes Europas weiter zu vertiefen, neue Beziehungen zu knüpfen und damit zu einem noch besseren, gegenseitigen Verständnis beizutragen“.

Wie Leid und Unrecht überwunden werden können 

Viele Konflikte in der Welt beruhen auf der niemals enden wollenden Zuführung gegenseitigen Leids. Ressentiments verhindern eine Aussöhnung, Revanchismus-Begierden vergiften Friedensgesuche, Unrecht wird verleugnet statt anerkannt. Der 31. März 1946 hätte für Heilbronn und seine Umgebung das Potenzial besessen, eine solche Endlos-Konfrontation hervorzurufen. Doch trotz allen Leids, aller Ungerechtigkeiten und aller Verluste ist aus diesem schicksalhaften Tag Verbundenheit, Verständnis und Wertschätzung erwachsen.

Das ist die Geschichte, die mit diesem Datum in Erinnerung bleiben sollte.




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