In Heilbronn gibt es insgesamt 1150 Straßen. Unter Federführung des Stadtarchivs Heilbronn hat die NS-Spezialistin Dr. Susanne Wein in einer 223 Seiten umfassenden Studie die Verflechtungen bestimmter Straßennamensgeber mit dem Nationalsozialismus untersucht. Nach einem aktuellen Beschluss des Gemeinderats laufen nun für sieben Straßen Umbenennungsverfahren, wobei die Anwohner dabei gehört werden: Dühringstraße, August-Lämmle-Straße (Heilbronn-Ost), Damaschkestraße (Sontheim), Felix-Wankel-Straße (Biberach), Georg-Vogel-Straße (parallel zur Neckartalstraße), Ina-Seidel-Straße (Biberach) und Rombachstraße (Böckingen).
Straßen in Heilbronn werden wegen NS-Vergangenheit umbenannt: Anwohner äußern sich
Sieben Straßennamen in Heilbronn sollen bald neue Namen bekommen – darunter auch die Dühringstraße. Einige Anwohner reagieren überrascht, andere erleichtert.
Das Thema bringt Alexander Thomä zum Stirnrunzeln. „Ich finde das überhaupt nicht gut“, sagt er und schüttelt den Kopf. Der wortgewandte junge Herr wohnt am Ende der Dühringstraße. Diese und sechs weitere Straßen in Heilbronn sollen möglicherweise umbenannt werden.
Die Prüfungsverfahren laufen jetzt an. 27 weitere erhalten wohl ein Hinweisschild. Doch warum eigentlich? „Ja, das würde ich auch gerne wissen – für uns Anwohner ist das eine Belastung“, schimpft der junge Mann. Doch nach einer kurzen Erklärung ändert sich seine zunächst verärgerte Mimik.
NS-Ideologe Dühring als Namensgeber – Heilbronn plant Umbenennung von Straßen
Eugen Dühring, der von 1833 bis 1921 lebte, galt als NS-Ideologe und bezeichnete Juden als „Parasiten“, als „misslungendste Erzeugnisse der Natur“ und als eine „Rasse ohne jeden kulturellen Wert“. Die nach ihm benannte Straße liegt ausgerechnet in der Nähe des Jüdischen Friedhofs im Breitenloch.

„Ouh“, fährt es aus Alexander Thomä heraus, er muss kurz schlucken. Davon habe er bisher nichts gewusst – nur vom Vorhaben der Stadt, die Straße umzubenennen. „Das kann ich jetzt natürlich nachvollziehen“, räumt Thomä ein. „Man sollte niemanden ehren, der so eine Vergangenheit hat oder solche Dinge gesagt hat“, sagt der junge Mann überzeugt. „Allerdings würde ich sagen, dass es die meisten Leute gar nicht wissen – und dann ist es halt so eine Sache“, fährt er fort und zuckt mit den Schultern.
„Ich habe dafür plädiert“ – Stadt Heilbronn möchte Dühringstraße umbenennen
Damit liegt Thomä womöglich gar nicht falsch. Zwei weitere befragte Anwohner der Straße zeigen sich trotz ausführlicher Berichterstattung – auch über geplante Info-Maßnahmen der Stadt – überrascht. Sie wollen sich zunächst informieren oder möchten sich dazu gegenüber der Heilbronner Stimme nicht äußern. Anders Inge Meder-Marusic. „Ich habe dafür plädiert“, sagt die 78-Jährige. „Als ich aus Stuttgart hierher ins Elternhaus zurückgezogen bin, habe ich mich mit Dühring beschäftigt und war entsetzt“, erzählt sie.
Bereits 2012 will sie ihre Erkenntnisse Abgeordneten der Grünen und der SPD mitgeteilt haben. Doch sie stieß auf wenig bis kein Gehör. Über Umwege gelangten ihre Hinweise, so vermutet sie zumindest, schließlich in die NS-Studien des Stadtarchivs.
Von der Gröberstraße zur Dühringstraße – und bald wieder weg?
Den Ärger der betroffenen Anwohner über die Straßenumbenennungen kann Inge Meder-Marusic gut nachvollziehen. Ihre eigene Tochter hat an der Wohnadresse eine GmbH angemeldet – das Ummelden steht also doppelt an. „Naja, das ist halt wie bei einer Heirat, wenn man einen neuen Namen annimmt“, sagt sie. „Man hätte die Straße einfach direkt nach dem Krieg umbenennen müssen, aber darüber wurde damals nicht gesprochen“, kritisiert Meder-Marusic.
„Bis 1938 hieß diese Straße sogar Gröberstraße“, berichtet sie. Eine Rückbenennung ist allerdings ausgeschlossen – die Gröberstraße existiert inzwischen an anderer Stelle in Heilbronn. Einen anderen, passenderen Namen wird die Stadt sicher finden, meint die Rentnerin. „Es gibt genügend Menschen, denen man dankbar sein kann.“
Auch Lou Stenger wird wohl eine neue Adresse in sein Navigationssystem eingeben müssen. Der 19-Jährige, der gerade seine Ausbildung zum Pflegefachmann absolviert, betreut eine Kundin in der Straße. „Ich kann den Ärger wegen des ganzen Papierkrams verstehen“, sagt er. „Aber wer meint, der Name müsse aus Tradition oder kulturellen Gründen bleiben, liefert ein schwaches Argument“, findet er.
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Kommentare
Raphael Benner am 25.04.2025 07:46 Uhr
Unglaublich- haben die in der Stadt keine anderen Sorgen? Wer übernimmt die Kosten der Ummeldung, neue Briefbögen, Visitenkarten, KFZ Ummeldung, ändern des Personalausweises und Reisepasses u.s.w. Eine Umbenennung der Strasse hat negative Auswirkungen auf den Schufa -Score ( zählt als Umzug)