Wie Ehrenamt bei der Heilbronner Tafel Leben verändert – „jeder ist willkommen“
Bei der Heilbronner Tafel engagieren sich über 300 Ehrenamtliche – viele mit bewegenden Geschichten. Drei von ihnen erzählen, warum sie seit Jahren dabei sind.
Rund 300 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer sowie zwölf Hauptamtliche arbeiten bei der Heilbronner Tafel. Außerdem gibt es zehn Plätze für Menschen, die dort ihre Sozialstunden ableisten. Einer von ihnen war einst Robert Schmidt – heute gehört er seit sechseinhalb Jahren fest zum Team, verkauft Obst und Gemüse, aber wird auch überall sonst noch eingespannt, wo Hilfe gebraucht wird. „Ich musste damals 80 Sozialstunden leisten, weil ich eine Geldstrafe nicht bezahlt hatte“, erzählt der 57-Jährige. „Ich war so schnell fertig, dass selbst die Staatsanwaltschaft überrascht war.“
Doch anstatt danach wieder zu gehen, blieb er. „Es hat mir von Anfang an so gut gefallen – und heute noch mehr“, sagt er. Seine Motivation: anderen Menschen zu helfen und Gutes zu tun und Teil eines Teams zu sein, in dem Herkunft oder Hautfarbe keine Rolle spielen. „Hier herrscht kein Rassismus. Jeder ist willkommen.“
„Vereinsamung ist ein großes Thema“: Helfer geben Einblick in ihr Ehrenamt bei der Heilbronner Tafel
Dass er seine Aufgabe mit Herzblut erfüllt, zeigt sich im Alltag: „Wenn ich sehe, dass jemand jeden Cent zweimal umdreht, gebe ich auch mal eine Tomate extra. Oder ich frage bei der Betriebsleitung, ob die Person den Sack Kartoffeln trotzdem bekommen kann. Wir sind ein sozialer Laden – hier wird das Soziale gelebt.“

Auch abseits seines Engagements denkt er weiter: Derzeit überlegt er, wie sich das Konzept einer Tafel auch für Tierbesitzer umsetzen ließe. „Vereinsamung ist ein großes Thema“, sagt er. „Ich habe eine Seniorin als Nachbarin – ihr Kater ist ihr Ein und Alles. Aber die Unterhaltungskosten, etwa für Futter oder Versicherung, sind so hoch, dass sie kaum über die Runden kommt.“ Tiere seien für viele Menschen ein wichtiger Halt, oft sogar eine Art Liebesersatz.
Gemeinsam statt gegeneinander: Integration gelingt im Alltag der Heilbronner Tafel
Emotional berührend sei für ihn auch, die Entwicklung ukrainischer Geflüchteter mitzuerleben. „Vor zwei Jahren konnten sie kaum Deutsch, heute kann man sich mit ihnen schon unterhalten. Sie sind sehr dankbar und geben sich große Mühe.“ Auch im Team habe sich das gezeigt, ergänzt Johanna Schöpp, die seit 15 Jahren dabei ist: „Einige von uns haben sogar ein paar russische oder ukrainische Wörter gelernt – zum Beispiel Milch, Reis oder Mehl.“
Die 72-Jährige bezeichnet sich lachend als „Mädchen für alles“. Ihre Hauptaufgabe sei es, für Ordnung zu sorgen und die Regale zu füllen. „Aber je länger man hier ist, desto mehr kennt man die Abläufe – und hilft, wo man gebraucht wird.“
Ehrenamtliche wünschen sich mehr Spenden: „Sind darauf angewiesen“
Seit 20 Jahren ist Schöpp verwitwet, ihre Kinder sind aus dem Haus. „Was soll ich allein daheim rumsitzen? Wenn ich frei habe, weiß ich manchmal nichts mit dem Tag anzufangen. Hier werde ich gebraucht, das tut gut.“
Sorgen bereitet ihr nur eines: die Spendenlage. „Wir sind auf Spenden angewiesen, und volle Regale kann man nicht immer garantieren“, sagt sie. „Ich wünsche mir manchmal, dass mehr gespendet wird – einfach, um der Nachfrage gerecht zu werden.“ Trotzdem versuche sie, jedem Einkaufenden ein Lächeln mitzugeben. „Wenn es etwas Bestimmtes nicht gibt, biete ich Alternativen an, meistens klappt das.“
„Ohne so viele Helfer gäbe es die Tafel gar nicht“
Auch David Baumgärtner ist längst fester Bestandteil des Teams, obwohl er ursprünglich ebenfalls nur Sozialstunden ableisten wollte. „Ich sag ehrlich: Ich will gar nicht mehr gehen, seit ich hier bin“, sagt er mit einem Schmunzeln. Baumgärtner kümmert sich um die Logistik – darum, dass die Ware gerecht verteilt und pünktlich an die richtigen Stellen geliefert wird. Denn zur Heilbronner Tafel gehören auch die Ausgabestellen in Eppingen, Bad Friedrichshall, Neckarsulm und Brackenheim.
„Ohne die Tafel wäre es furchtbar“, sagt er. „Der Laden ist für so viele armutsbetroffene Menschen eine wichtige Anlaufstelle.“ Baumgärtner weiß selbst, wie es ist, Fehler zu machen. „Ich war früher auch mal in Haft und hatte Drogenprobleme“, erzählt er offen. Deshalb nehme er andere, die ihre Stunden hier ableisten müssen, oftmals unter seine Fittiche.
Für Marco Schönberger, Gesamtleiter der Tafel Heilbronner Land, ist genau das entscheidend: „Es ist wichtig, Menschen eine zweite Chance zu geben. Jeder trägt sein Päckchen mit sich. Wir sind wie eine Familie – mit Höhen und Tiefen. Ohne das Netzwerk und all die Menschen, die hier mithelfen, gäbe es die Tafel gar nicht.“
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