Stadt Heilbronn legt nachts die Rahmer Mühle still
Anwohner aus den Heilbronner Stadtteilen Sontheim und Horkheim beklagen sich über Lärm von der Rahmer Mühle. Die Bauverwaltung hat jetzt reagiert, doch die Fronten sind verhärtet. Die Mühle hat finanzielle Einbrüche und hat bereits Mitarbeiter entlassen.

Müllermeister Dieter Rahmer (71) zieht vom Leder, dass es nur so kracht. Adressat seines übergroßen Unmuts ist das Planungs- und Baurechtsamt der Stadt Heilbronn. Es ist gut, dass in dem Augenblick niemand vom Amt dabei ist und die Beschimpfungen über sich ergehen lassen muss.
Nachts ist es in den Gebäuden bitter kalt
Grund seiner Empörung ist, dass ihm die Bauverwaltung den Betrieb seines Mahlwerks an der Schozach zwischen 22 und 6 Uhr sowie sonntags untersagt hat. Weil das kleine Blockheizkraftwerk während dieser Zeit ebenfalls nicht betrieben werden darf, sind die darüber mit Wärme versorgten Heizungen in den Gebäuden aus.
"Es ist bitter kalt nachts", sagt Rahmer. Gesorgt haben für diese Situation mehrere Nachbarn. Sie hatten sich vor allem über Lärm aus der Mühle beklagt. Jetzt sprechen die Anwälte.
Sorge um das Lebenswerk
"Seit 1949, der Wiederinbetriebnahme nach dem Zweiten Weltkrieg, läuft die 1774 entstandene Mühle an sieben Tagen rund um die Uhr. Und nun das. Das Planungs- und Baurechtsamt zerstört mein Lebenswerk und die berufliche Zukunft meines Sohnes", ist Rahmer den Tränen nahe. Der Mann wie ein Bär ist verzweifelt: "Ich weiß nicht, was ich machen soll. Auf jeden Fall werde ich so nicht weitermachen. Der Böhmer hat sowieso was gegen uns. Der würde uns am liebsten mit dem Radiergummi ausradieren", redet er sich in Rage.
Christoph Böhmer, Leiter des Planungs- und Baurechtsamts, nimmt auf Anfrage dazu keine Stellung. Er lässt Volker Schoch reden. Der stellvertretende Amtsleiter geht auf die Vorwürfe gegenüber seinem Chef nicht ein. Er konzentriert sich auf Fakten. Er spricht von mehreren begründeten Beschwerden: "Die letzte ist am 2. Dezember eingegangen." Schoch spricht von "diffizilen, mehrschichtigen baurechtlichen und umweltrelevanten Fragen", die jetzt beantwortet werden: "Das tun wir. Wir schauen, dass die Rahmenbedingungen eingehalten werden. Wir sind mitten im Verfahren."
40 Prozent der Mahlkapazität ist weggebrochen
Aufgrund der zeitlichen Begrenzung der Mühlenlaufzeit fallen dem Betrieb unterhalb der Neckartalstraße derzeit etwa 40 Prozent der Mahlkapazität weg. Zehn von 60 Mitarbeitern wurde aus diesem Grund bereits gekündigt. "Wir liefern unser Mehl von Passau bis Hamburg. Es ist Vorweihnachtszeit, unsere Kunden warten", beschreibt Rahmer die Situation aus seiner Sicht. Hinzu kämen Verträge mit Weizenlieferanten: "Wir müssen die Ware abnehmen oder eine hohe Konventionalstrafe bezahlen", erwähnt er ein weiteres Problem.
1774 hatte die Familie Rahmer die baufällige Mühle übernommen. Die noch erhaltenen Reste der alten Mühle sowie die denkmalgeschützten Wappensteine mit dem Mühlkanal gelten heute als Kulturdenkmal. Mitte des 18. Jahrhunderts meisterte die Familie die Industrialisierung - mit innovativer Technik wurden die Maschinen bestückt. Eine Woche vor Kriegsende bombardierten 1945 die Amerikaner die Mühle, die bis auf die Grundmauern niederbrannte. 1980 übergab Emil Rahmer seinem Sohn Dieter die Leitung der Mühle. Heute steht dessen Sohn Timo in der Verantwortung.
Momentan helfen sich die Rahmers dadurch, dass sie Mehl bei befreundeten Mühlen nachkaufen und mit ihrem Mehl mischen. "Auf Dauer", sagt Rahmer, "kann ich mit dem momentanen Mehlumsatz aber nicht leben." Finanziell über Wasser hält sich der Betrieb mit der Produktion von Vogelfutter.
Lärmgutachten steht noch aus
Den Vorwurf, das Mahlwerk sei zu laut, will die Familie Rahmer mit einem Gutachten entkräften. 6500 Euro setzt sie dafür. Drei Mal waren bis jetzt die Experten des Tüv tagsüber vor Ort - doch jedes Mal erfolglos. "Es stellte sich immer wieder heraus, dass der Pkw-Lärm von den umliegenden Straßen höher war als die Lautstärke des Mahlwerks", analysiert Dieter Rahmer die Ergebnis. Jetzt soll nachts gemessen werden: "Aber dafür muss die Mühle laufen", sieht er ein weiteres Problem auf sich zukommen.
Dass vom Blockheizkraftwerk, mit dessen Energie das Mahlwerk und die Heizungen betrieben werden, ein "gleichmäßiger Summton" ausgeht, stellt Rahmer nicht in Abrede. Er ist deshalb mit der Zeag Energie AG in Verhandlungen, dass eine entsprechend stark ausgelegte Stromleitung auf das Mühlengelände verlegt wird. "Dann", versichert Rahmer, "wird das Blockheizkraftwerk stillgelegt." 170.000 Euro muss er dafür bezahlen. Bis diese Arbeiten abgeschlossen sind, vergehen aber noch einige Monate.
Kommentar: Lösungen suchen
Von Joachim Friedl
Das ist wieder einmal so ein Fall, bei dem man für beide Seiten Verständnis aufbringen kann: Für die Müllerfamilie Rahmer, die sich um den Fortbestand ihrer 246 Jahre alten Mühle sorgt, und für jene Anwohner, die unter Lärmbelastung leiden und ein Anrecht auf Nachtruhe haben. Dazwischen steht das Planungs- und Baurechtsamt der Stadt. Eine Situation, bei der kein Mitarbeiter zu beneiden ist.
Immer wieder ist es in den letzten Jahren zu Ärger zwischen der Bauverwaltung und den Mühlenbesitzern gekommen. Dabei verhärteten sich die Fronten immer mehr. Normalität, so hat man den Eindruck von außen, ist zwischen beiden Seiten schon lange nicht mehr möglich.
Jetzt ist es an der Zeit, die über lange Zeit aufgestauten Probleme abzuarbeiten und zu überlegen, wie man was zum Positiven verändern kann. Die Parteien sollten das Gespräch suchen und unvoreingenommen aufeinander zugehen.
Der Bauverwaltung zu unterstellen, sie wolle die Mühle ins falsche Licht rücken, entbehrt jeder Grundlage. Die breitgefächerten Probleme müssen vielmehr aufgearbeitet werden. Dabei muss für den Mühlen-Standort eine Gesamtlösung gefunden werden, die rechtsstaatlichen Belangen Rechnung trägt. Ein weiter so darf es nicht geben.
Für die Rahmer Mühle heißt das, die gesetzlichen Bedingungen für Lärm- und Umweltschutz einzuhalten. Die gestressten Anwohner müssen im Gegenzug akzeptieren, dass für darüber hinausgehende Maßnahmen kein Platz ist. Schon in der Vergangenheit hat die Rahmer Mühle gezeigt, dass sie bei berechtigter Kritik handlungsfähig ist. Das sollte sie auch in diesem Fall sein.
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Stimme.de
Kommentare
am 06.12.2020 18:31 Uhr
Hallo,
wie schon berichtet hat wohl die Baubehörde die Wohngebiete einfach ohne Bestandsschutz der Mühle zu nah bei den Bebauungsplänen in der Historie genehmigt.
Im Übrigen ist seit der Nachkriegsinbetriebnahme eine gewerbliche Mühle und deren Existenz zu sichern und nicht das Lebenswerk eines Handwerkers zu zerstören.
Die Stadt möge dann doch auf Ihre Kosten Lärmschutzwände bauen, wenn schon das Wohngebiet ohne Bestandsschutz so nah an die Mühle genehmigt wurde.
Des Weiteren wurde ja auch vor Jahren die Umgehungsstraße zusätzlich gebaut und diese lässt den Lärm am Straßenwall zurück auf das Wohngebiet reflektieren.
Nicht weit weg ist ja auch eine Lackiererei direkt nah am Wohngebiet.
Dazu muss man nicht studiert haben um dies zusätzlich alles in die Waagschale werfen zu können und auch ein Lärmgutachten kann diese Fernprognose nur untermauern.
Die Versäumnisse der "Amstschimmel", vor allem wenn sich der Vorgesetzte noch vor Klarstellungen verdrückt, werden erneut per Amtsdiktat dann über Pressesprecher und Stellvertreter durchgesetzt.
Dies ist absolut keine Bürgernähe oder die Respektierung eines langjährigen Gewerbesteuerzahlers, der mit seinem harten Handwerk kein Mehl mit dem Steuerfirmensitz Sitz in Luxemurg oder Irrland nur versendet: sondern regional nah mahlen muss!
Die anderen Kriterien des Lesebriefschreibers sind ebenso zur Sachlage hifreich.
Möge doch das Verwaltungsgericht in STGT den Stadtvätern Ihre Versäumnisse rügen.
Des Weiteren ist hier eine Deeskalationsrunde sinnvoll.
Kann die Handwerkskammer mit Ihren Schiedstellen hier schlichten?
oder: Soll der Weihnachtsmann es richten; der Nikolaus kam ja heute schon mit der Rute des Stadtbauamtes
Grüße
Egon Seiß
Betriebswirt des Handwerks
Kalauer: Soll das regionale Mühlensterben anstatt nur durch den Marktpreisdruck jetzt durch die früheren Versäumnisse der Amtsbehörden erfolgen? weiter gehen?
am 05.12.2020 10:01 Uhr
Als unbeteiligter Leser frage ich mich wie es zu dieser Situation kam dazu finde ich leider keine Berichterstattung oder Hintergrundinformationen. Die Mühle scheint ja nicht vom Himmel gefallen zu sein sondern ist schon Jahrzehnte in der Nachkriegszeit in Betrieb. Mir fehlen folgende Informationen:
- lief die Mühle früher keine 24h
- wurden an der Mühle technische Änderungen vorgenommen
- hat sich die rechtliche Lage geändert
- ist die Wohnbebauung näher an die Mühle gerückt
Vielleicht kann der Auor dies noch nachreichen danke.