Mühlen arbeiten auf Hochtouren
Hamsterkäufe bei Mehl bringen Mühlenbetriebe an den Rand ihrer Leistungsgrenzen. Weizen ist noch genügend da. In den Hofläden stehen die Leute Schlange. Preise für Mehl wurden moderat angehoben.

Aus Angst vor dem Coronavirus horten derzeit viele Menschen Lebensmittel und lassen sich zu Hamsterkäufen verleiten - wie beispielsweise bei Mehl. Leere Regale in Supermärkten und Discountern gehören mittlerweile zum Alltagsbild eines Einkaufs. Dabei arbeiten die Mühlen im Großraum Heilbronn - aber auch landes- und bundesweit - auf Hochtouren. Dass es trotzdem zu Engpässen in Lebensmittelmärkten kommt, liegt an der nicht mithaltenden Logistik.
Unaufhörlich rieselt Mehl in die Verpackungen
"Das ist nicht mehr normal. Unsere Mühlräder laufen seit Tagen rund um die Uhr", weiß Dieter Rahmer, Seniorchef der Rahmer Mühle in Heilbronn-Horkheim, nicht mehr, wo ihm der Kopf steht. Zwei bis drei Lkw fahren Tag für Tag auf das Mühlengelände an der Horkheimer Straße. Sie liefern den Weizen, der von Landwirten aus einem Umkreis von bis zu 50 Kilometern stammt. An die 40 Tonnen verarbeiten die Maschinen der Mühle täglich. Unaufhörlich fließt das Mehl über die Abfüllstutzen in die Verpackungen - von der kleinen 500-Gramm-Packung bis zum großen Gebinde.
Sattelzüge warten auf Ware
Bis zu zehn Mitarbeiter sind aktuell im Mehleinsatz. "Wir haben Mitarbeiter von der Vogelfutterproduktion abgezogen", beschreibt Juniorchef Timo Rahmer die Personalsituation. Ihre Hauptaufgabe ist, Container mit Spätzles-, Bauernbrot oder Pizzamehl zu füllen. Gabelstapler warten nur darauf, diese Fracht anschließend in den ausharrenden Sattelzügen zu verstauen. Drei bis vier Zugmaschinen verlassen täglich das Mühlen-Areal.
Timo Rahmer: Wir liefern das, was wir können
Viele Supermarktketten, Discounter und Pizza-Großhändler, die sonst kein Rahmer-Mehl ordern, melden sich immer häufiger und geben Bestellungen auf. "Wir liefern das, was wir können", berichtet Timo Rahmer von einer neuen Erfahrung. Da geht es dann schon einmal ganz unkonventionell zu: "Als ein Anruf vom Handelshof in Ilsfeld kam, rief ich meinen Freund Franz Weis an. Der fuhr dann mit seinem Kleintransporter Mehl nach Ilsfeld. Binnen Minuten war alles vergriffen", erzählt Dieter Rahmer eine nicht alltägliche Begebenheit.
Online-Lieferungen dauern bis zu sieben Tage
Aber auch das Online-Geschäft boomt. "Innerhalb von fünf Tagen sind rund 1500 Bestellungen eingegangen", sagt Timo Rahmer. Fünf bis sieben Tage müssten Kunden dann auf ihre Ware warten. Einen wahren Boom erlebt auch der Hofladen: "200 bis 300 Leute kommen pro Tag, darunter Konsumenten aus dem Stuttgarter Raum, Heidelberg oder Ludwigsburg. Viele kaufen auf einen Schlag 200 Kilo Mehl. So etwas habe ich in 56 Berufsjahren noch nicht erlebt", zeigt sich Dieter Rahmer fassungslos.
Turbulent geht es in der Oettinger Mühle in Ilsfeld zu: "Wir laufen mehr als auf Hochtouren", heißt es dort. Auch in der Frießinger Mühle mit Sitz in Bad Wimpfen wird mit Hochdruck gearbeitet. Eine freundliche Mitarbeiterin stellte am Telefon nur vage eine Stellungnahme der Chefs in Aussicht.
Mühlen gewinnen an Stellenwert
Den hohen Stellenwert von Mühlen und von Mehl, der von vielen Menschen erst wieder in der aktuellen Corona-Krise erkannt werde, betont Achim Geßmann: "Bis vor Kurzem war das alles doch nichts wert." Der Juniorchef der gleichnamigen Mühle in Leingarten lässt sich von der ganzen Hysterie nicht anstecken: "Geld ist nicht alles. Das Leben und das meiner Mitarbeiter steht für mich nach wie vor im Mittelpunkt." Deshalb hat er auch keine Überstunden angeordnet: "Wir werden trotzdem nicht verhungern."
Treue wird belohnt
Vor dem Hintergrund, dass Weizen zuletzt etwas teurer wurde, klettern auch die Preise für Mehl. "Wir haben die Kilopreise moderat erhöht. Wir nutzen die Krise nicht aus", betont Timo Rahmer. Für seine Dauerkunden hat Geßmann die Preise für Mehl nicht erhöht. Mehr bezahlen müssen nur Neukunden.
Kommentare öffnen
Stimme.de
Kommentare