Stimme+
Heilbronn

Friseur im Alter von 91: "Wenn jemand wortkarg ist, stelle ich das Reden ein"

   | 
Lesezeit  5 Min
Erfolgreich kopiert!

Friseurmeister Rudi Baier hat mit seinen fast 91 Jahren viel erlebt und arbeitet auch weiterhin munter in seinem Böckinger Salon. Was eine gute Unterhaltung mit fremden und vertrauten Personen ausmacht, erzählt er im Interview.

von Annika Heffter
Als Friseurmeister hat Rudi Baier auch gelernt, Menschen einzuschätzen und ihre Reaktionen zu deuten. Foto: Andreas Veigel
Als Friseurmeister hat Rudi Baier auch gelernt, Menschen einzuschätzen und ihre Reaktionen zu deuten. Foto: Andreas Veigel  Foto: Veigel, Andreas

Mit der Energie eines Mannes, der halb so alt ist wie er, wirbelt Rudi Baier durch seinen Friseursalon, schiebt schwere Stühle umher und erzählt lebhaft von seinen Erfahrungen und Erkenntnissen aus dem Leben. Der fast 91-jährige Ur-Böckinger schneidet auch heute noch Haare und erfährt nebenbei, was in seinem Stadtteil so alles los ist.

Eigentlich ist ein Gespräch mit ihm auf Hochdeutsch fast undenkbar. "Ich schwätz wie ich schwätz", würde der Handwerksmeister vermutlich entgegnen, versuchte man, ihm den Dialekt abzugewöhnen. Im Interview erzählt Rudi Baier von der Kunst, eine gute Unterhaltung zu führen.

Herr Baier, sind Sie als langjähriger Friseur ein guter Menschenkenner?

Rudi Baier: Oh ja, mein Beruf ist wie ein Psychologiestudium. Sobald jemand zur Tür hereinkommt, kann ich die Persönlichkeit schon ein wenig einschätzen. Und je länger man das macht, desto mehr fällt einem auf: Bewegt sich die Person selbstbewusst oder ist die Körperhaltung eher lummelig? Schaut sie umher oder hat sie einen festen Blick, der nicht ausweicht? Ich habe da einen Spruch: Schau mir in die Augen und reich mir deine Hand, und du gewährst mir einen Einblick in deine Seele.


Viele plaudern gerne im Salon. Sprechen Sie mit Ihren Kunden häufig über Persönliches, Sorgen oder Probleme?

Baier: Ganz Privates versuche ich zu vermeiden. Diese Dinge gehen mich nichts an. In erster Linie kommen die Leute ja zu mir für eine Leistung, das Haareschneiden. Da ist eine gewisse Distanz wichtig. Es gibt auch nur ganz wenige Kunden, mit denen ich per Du bin. Natürlich muss hier aber auch eine gute Atmosphäre herrschen, ein persönliches Verhältnis, das ich auch pflege. Das kommt meistens zustande, wenn ich mich mit den Menschen unterhalte.


Was sind gute Plauder-Themen?

Baier: Das kommt ganz auf mein Gegenüber an. Ich habe zum Beispiel einen jungen Mann als langjährigen Kunden, der in der Papierbranche arbeitet. Vor Kurzem habe ich einen Artikel in einer Zeitschrift gefunden, in dem es um Veränderungen in der Papierproduktion ging. Da hat es mich gereizt, dem jungen Mann diesen Beitrag zu zeigen und mit ihm darüber zu diskutieren. Für ihn ist ja entscheidend zu wissen, wie sich seine Branche entwickelt. Allgemein rede ich gerne über technische Themen, Autos und Mechatronik, aber auch viele andere Dinge, die mich ansprechen, ich gesehen oder erlebt habe.


Wie merkt man, wer überhaupt reden will?

Baier: Wenn jemand, den ich anspreche, wortkarg ist oder nicht wirklich reagiert, stelle ich das Reden ein. Dann weiß ich: Wir sind entweder nicht auf der gleichen Ebene oder die Person will einfach gerade nicht. Daraus ziehe ich meine Konsequenz und halte mich zurück.


Mehr zum Thema

Stimme+
Heilbronn
Hinzugefügt. Zur Merkliste Lesezeichen setzen

Ein Böckinger Altmeister an Kamm und Schere



Sind Sie bei Freunden und Familie eher der Zuhörer oder der Erzähler?

Baier: Ich habe eine schnelle Auffassungsgabe. Wenn mir Freunde oder Familienmitglieder etwas erzählen, fällt mir sofort etwas ein, wie das gelöst oder gemacht werden könnte. Oft reagiere ich dann auch schnell. Mein Sohn sagt manchmal "Jetzt lass mich doch erst einmal ausreden". Dann muss ich mich zusammennehmen, damit ich das Gespräch nicht durcheinanderbringe.


Wie vermeidet man es, andere in so einer Situation vor den Kopf zu stoßen?

Baier: Als Friseur lernt man viele Menschen und ihre Reaktionen kennen. Mein Grundsatz ist: Ich streite mit niemandem. Der Intelligentere gibt nach, auch wenn er dadurch in dem Moment Nachteile hat. Jeder hat seine Ansichten, und wenn diese meinen nicht entsprechen, ist das eben so. Jeder Mensch ist anders.


Gibt es Gespräche, die Ihnen nachgehen?

Baier: Ja. Nach dem Kriegsende kam einmal eine Frau in den Salon, die mir erzählt hat, dass sie gerade vom Rechtsanwalt kommt und eine Scheidung hinter sich hat. Sie war sehr niedergeschlagen. Ich habe ihr die Frisur eingedreht und sie unter die Trockenhaube gesetzt. Als ich die Haube heruntergenommen habe, hat sie nicht mehr mit mir geredet, gar nicht mehr. Das musste ich so akzeptieren, ich dachte sie ist mit ihren Gedanken beschäftigt. Am nächsten Tag erfuhr ich, dass sie danach auf ein Eisenbahngleis gegangen ist und einer Lokomotive entgegengelaufen ist. Wenn ich gewusst hätte, dass sie so etwas im Kopf hat, hätte ich natürlich versucht, auf sie Einfluss zu nehmen. Das hat mich furchtbar beschäftigt, beschäftigt mich heute noch.


Würden Sie heute etwas anders machen?

Baier: Nein. Man weiß nie, was im Herzen eines Menschen vor sich geht. Ich respektiere jeden, wie er ist. Und wenn jemand mir gegenüber kaum Antwort gibt, dann habe ich das Gefühl, dass er auch nicht den Kontakt zu mir sucht. Dann dränge ich mich nicht auf. Wie offen ein Mensch ist, hängt hauptsächlich von zwei Dingen ab: Sympathie und Vertrauen. Wenn man mir nicht traut oder mich nicht sympathisch findet, muss ich damit klarkommen, da bringt dann alles nichts.


Wie fängt man ein erfolgreiches Gespräch mit fremden Menschen an?

Baier: Manchmal ergibt sich etwas aus der Situation heraus, dass man zum Beispiel jemandem den Stuhl hinschiebt oder man offen angeschaut und angelächelt wird. Dann kann ein angenehmes Gespräch ganz natürlich beginnen. Und ich versuche, viel vom Guten zu sprechen. Ich habe immer eine positive Grundeinstellung. Vieles hängt aber auch vom Gegenüber ab. Wenn ich Ihnen in die Augen schaue, habe ich das Gefühl, Sie hören mir zu. Auch das ist wichtig, dass man sich direkt anschaut. Es hilft, eine Verbindung aufzubauen. Aber die Gesellschaft hat sich in dieser Hinsicht über die Jahre insgesamt eher zum Negativen verändert.


Inwiefern?

Baier: Die Menschen suchen weniger den persönlichen Kontakt, der Egoismus ist größer geworden. Jeder versucht, das meiste zu haben. Das Neidpotenzial ist riesig geworden. Man redet nicht mehr miteinander, schaut nur noch aufs Handy. Es gelingt mir fast nicht mehr, in ein Geschäft zu gehen, in dem ich jemanden kenne oder einen konkreten Ansprechpartner habe. Jemanden, der sich auskennt, auch bei Fachfragen. Die Digitalisierung und Automatisierung haben alles sehr unpersönlich gemacht, das finde ich fürchterlich.


Haben Sie Tipps für die jüngere Generation, wie sie ihre Gesprächskultur verbessern könnte?

Baier: Sie sollten nicht so viel aufs Handy, sondern den Menschen in die Augen schauen und sich auf der Straße grüßen. Wir brauchen mehr soziale Gemeinschaft, keine Egoisten. Heutzutage ist auch das Wort Freiheit anders besetzt als früher. Als ich ein Bub war, 14 Jahre alt, mussten wir einmal in der Friedrichstraße antreten, statt in die Schule zu gehen. Dann kamen Leute und haben gesagt, wie viele von uns sie brauchen. Zwei, drei oder vier von uns sind dann zu diesen Leuten hin und haben ihre Dächer gedeckt, ohne Gerüst am Haus. Ich war 14, ein Kind, kein Dachdecker. Die Einschränkungen, die wir damals erlebt haben, haben mich geprägt und mir eine ganz andere Vorstellung von Freiheit gegeben als das, was viele heute darunter verstehen.


Wird sich die Corona-Pandemie nachhaltig auf unsere Gesprächskultur auswirken?

Baier: Ich denke ja, die Gewohnheit ist im Moment auf jeden Fall, dass man mehr Distanz wahrt. Vielleicht, hoffentlich, werden sich die Menschen auf längere Sicht aber auch wieder ein bisschen annähern.

 

Anfang Juni wird Rudi Baier aus Heilbronn-Böckingen 91 Jahre alt. Seit 76 Jahren ist er Friseur. Schon im Alter von 22 Jahren übernahm er den Friseursalon seines Vaters. Dieser gründete das Geschäft 1928. Seit 1936 befindet sich der Salon in der Hans-Multscher-Straße, wo Rudi Baier auch heute noch arbeitet und wohnt. Das Geschäft leitet mittlerweile seit mehr als 25 Jahren seine Tochter.

Kommentare öffnen
Nach oben  Nach oben