Ein Böckinger Altmeister an Kamm und Schere
Seit 75 Jahren ist Rudi Baier Friseur und kein bisschen müde: Er arbeitet mit fast 90 Jahren immer noch in seinem Böckinger Salon. Der Handwerksmeister ist selbst im hohen Alter ein erstaunliches Energiebündel. Wie bekommt er das hin?

Rudi Baier ist fast ein biologisches Wunder. Er ist 89 Jahre alt, arbeitet seit 75 Jahren in seinem Friseursalon Baier in Böckingen und schneidet den Kunden die Haare. Von Verschleiß oder Alterserscheinungen kaum eine Spur. Der Handwerksmeister ist auch in seinem hohen Alter immer noch ein Energiebündel, ein selbstbewusster Mann, der einem fest in die Augen schaut, wenn er mit einem redet. Was ist das Geheimnis seiner ewigen Jugend? "Ich mache alles, was ich mache, gerne. Das macht mich glücklich, wenn ich mich abends ins Bett lege, bin ich zufrieden."
Rudi Baier wollte eigentlich Ingenieur werden
Dabei wollte Rudi Baier gar kein Friseur werden, sondern Ingenieur. Doch als er nach der Schule eine Ausbildungsstätte suchte, war der Zweite Weltkrieg noch nicht ganz zu Ende, alles lag in Schutt und Asche. Der 89-Jährige bewarb sich damals sogar bei drei Schlossereibetrieben um eine Lehrlingsstelle - vergeblich. "Dann wirst du halt Friseur wie ich", hatte sein Vater gesagt, der den Salon 1928 gegründet hatte. 1936 entstand das Haus in der Hans-Multscher-Straße in Neu-Böckingen, wo der Betrieb noch ansässig ist und wo Rudi Baier bis heute arbeitet und wohnt.
Manchen mag es verwundern, dass zu (Nach-)Kriegszeiten Ingenieure und Schlosser weniger gesucht waren als Friseure. Rudi Baier erklärt, warum das so war: "Damals hatte man noch Geld für den Friseur. Es gab Männer, die kamen jede Woche zum Haare schneiden. Zu dieser Zeit hat man noch Wert auf sein Äußeres gelegt." Wenn die Leute früher aus dem Haus gegangen sind, "dann waren die gestriegelt und gebügelt". Männer hätten Stock und Hut getragen. Das sei heute anders, bedauert der Altmeister an Kamm und Schere sehr. Heutzutage würden viele Frauen die Haare einfach glatt und lang tragen.
Die Schnitte, die aktuell bei Männern in Mode seien, nennt der Böckinger "Kappenfrisuren". Davon hält er gar nichts. Das sei auch eine Mentalitätsfrage, glaubt Rudi Baier: "In Italien geht man noch öfter zum Friseur." Aber in unserer Zeit wolle man es ja mehr locker und leger. Eine Zeitgeisterscheinung.
Dabei habe sich der Job im Kern in 75 Jahren nicht groß geändert. "Generell wollen alle Wellen, Locken oder glatt. Die Männer etwas kürzer, es soll ja drei, vier Wochen halten. In dieser Form spielt sich alles ab." Die Kunst des Friseurs sei, die Haare fließend schneiden zu können, das heißt, ohne dass man die Schnittstufen sieht. Dazu brauche man viel Erfahrung und eine ruhige Hand, und die hat Rudi Baier mit seinen 89 Jahren nach wie vor.
Der 89-Jährige hat vor nichts mehr Angst
Ihn bringt so schnell nichts mehr aus der Fassung. Er ruht in sich. Kein Wunder. Schon mit 22 Jahren musste er den Salon von seinem Vater übernehmen, der einen Hirnschlag erlitt und danach gesundheitlich eingeschränkt war. So früh Chef zu werden, Verantwortung für bis zu sieben Angestellte zu übernehmen, davor war Rudi Baier überhaupt nicht bange. "Ich habe fünf Bombenangriffe überlebt. Ich habe vor nichts mehr Angst."
Die Tochter leitet seit 1995 das Geschäft. Die Zusammenarbeit sei sehr gut. "Ich bin seit 25 Jahren Rentner", sagt der ungewöhnlich agile 89-Jährige mit einem Schmunzeln. Der Großteil der Kundschaft kommt schon seit vielen Jahren. Rudi Baier ist sich über die lange Zeit hinweg immer treu geblieben. "Wenn ich etwas sage, stehe ich dazu. Ich bin jemand, der keine Show abziehen muss." Was ihm ein Kunde erzählt, wird nicht weitererzählt. Diskretion ist Ehrensache. Manchen schneidet er schon in vierter Generation die Haare. Die persönliche Beziehung von Mensch zu Mensch ist Rudi Baier sehr wichtig. "Die geht heute immer mehr verloren, das beschäftigt mich kolossal."
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