Nach jahrelangem Zwist: Rahmer Mühle verlagert Mehlproduktion
Ab Oktober produziert die Rahmer Mühle in Heilbronn kein Mehl mehr. Die Herstellung übernimmt die Frießinger Mühle in Bad Wimpfen. Damit reagiert die Rahmer Mühle auf eine Anordnung der Stadt, aus Lärmgründen zwischen 22 und 6 Uhr die Produktion einzustellen. Vorausgegangen war ein jahrelanger Disput - mit zum Teil hässlichen Beschimpfungen.

Die Rahmer Mühle in Heilbronn-Sontheim kapituliert vor den Lärmschutzauflagen der Stadt Heilbronn. Zum 30. September verlagert das mittelständische Unternehmen die kommerzielle Mehlproduktion mit etwa 8000 bis 10.000 Tonnen Getreide nach Bad Wimpfen, wodurch etwa ein Drittel des Umsatzes wegbricht.
Gemahlen werden ab diesem Zeitpunkt die Rahmer-Produkte wie Pizza-, Spätzle-, Weizen- oder Dinkelmehl in der Frießinger Mühle. Die Verpackungen tragen weiter das Etikett mit der Aufschrift Rahmer Mühle. "An der Qualität des Mehls ändert sich nichts", versichert Geschäftsführer Timo Rahmer.
Disput mit vielen Hässlichkeiten
Damit endet ein mehrjähriger Disput mit zum Teil hässlichen Beschimpfungen, Unterstellungen, Beleidigungen sowie polizeilichen und behördlichen Kontrollen, der im Laufe des vergangenen Jahres seinen Höhepunkt im Herbst erreicht hatte. Anwohner hatten sich seinerzeit über zu viel Lärm aus der Mühle, in der rund um die Uhr gemahlen wurde, bei der Stadt beschwert. Daraufhin hatte das städtische Planungs- und Baurechtsamt die Anordnung erlassen, dass nachts zwischen 22 und 6 Uhr der Mühlenbetrieb ruhen muss.
Heftige Kritik an der Bauverwaltung
"Mit dieser Entscheidung wurde mein Lebenswerk zerstört", klagt Seniorchef Dieter Rahmer. Der 71-jährige Müllermeister hat den Glauben an die Verwaltung verloren: "Uns wurden nur Prügel in den Weg gelegt." Den Hauptschuldigen sieht er in Bürgermeister Wilfried Hajek: "Vor Jahren hat er uns vor Zeugen zugesagt, dass das Mühlen-Areal von einem sogenannten privilegierten Außenbereich in ein Mischgebiet umgewandelt wird. Das hätte den Vorteil gehabt, dass die Anforderungen an den Lärmschutz nicht so hoch gewesen wären. Hätte Hajek Wort gehalten, hätten wir heute die ganzen Probleme nicht."
Rathaus verhält sich diplomatisch
"Das Planungs- und Baurechtsamt steht in sehr engem Austausch mit der Rahmer Mühle und arbeitet zusammen mit dieser und einem Ingenieurbüro an Lösungen, damit die Mühle den Weiterbetrieb unter Einhaltung der immissionsschutzrechtlichen Grenzwerte gewährleisten kann", teilte auf Anfrage Rathaus-Sprecherin Claudia Küpper mit. Wenn die Mühle zum Oktober einen Teil des Betriebs verlagere, sei dies vor allem eine unternehmerische Entscheidung. "Grundsätzlich ist die Stadt immer bereit, mit einem Unternehmen an guten Lösungen für einen Verbleib am Standort zu arbeiten", bekräftigte zudem Erster Bürgermeister Martin Diepgen.
Das Blockheizkraftwerk wird stillgelegt, der Hofladen bleibt geöffnet

Neben der Verlagerung der Mehlherstellung der Hausmarke "Käthchen-Gold" in die Frießinger Mühle sollen nach den Worten von Timo Rahmer zudem folgende Betriebsteile am Standort in Sontheim nicht weiterbetrieben werden: Mehlabsackung, Zwischen- und Versandlager von Mehl und Lkw-Beladung für den Versand. Stillgelegt werden soll auch das Blockheizkraftwerk auf dem Gelände. "Der Anschluss an das Zeag-Stromnetz kostet uns locker 200.000 Euro", hat Dieter Rahmer ausgerechnet.
Bestehen bleiben der Umschlag und Handel von Getreide, die maschinellen Einrichtungen zur Eigenproduktion von Futtermehlen, von Vogelfutter sowie für die Entwicklung von Spezialprodukten wie Maismehl. Gedacht ist hier an einen stundenweisen Betrieb tagsüber. Geöffnet bleibt wie bisher auch der Hofladen.
Standorte in Ungarn werden ausgebaut
Aufgrund der jetzt eingetretenen Situation wollen die Rahmers ihre beiden Standorte in Györ in Ungarn weiter ausbauen. Dies geschieht, wie Dieter Rahmer erklärte, auch vor dem Hintergrund, dass der Bau einer neuen Mühle in Sontheim oder an anderer Stelle drei bis vier Millionen Euro kosten würde.
Geschichte
Bei der Mühle handelt es sich um eine ehemalige Deutschordens Mühle aus dem 16. Jahrhundert. 1774 übernahm die Familie Rahmer die Mühle. 1936 war sie im Besitz von Otto und Katherina Rahmer. Im Mai 1945 bombardierten die Amerikaner die Gebäude - sie brannten bis auf die Grundmauern nieder. In den Nachkriegsjahren bauten Emil und Hilde Rahmer die Mühle wieder auf. 1980 übergab Emil Rahmer die Leitung an seinen Sohn Dieter. 1994 kam ein Großteil der Sonnenblumen für die Vogelfutterproduktion aus Györ in Ungarn. 2011 stieg Timo Rahmer in den Betrieb mit ein.


Stimme.de
Kommentare
am 03.09.2021 21:21 Uhr
Seit nahezu 250 Jahren wird an diesem Standort Mehl gemahlen. Ich habe Verständnis für beide Seiten. Einen Familienbetrieb aber nach Generationen auszulagern hinterläßt tiefe Spuren. Hoffentlich kommen nie wieder so schlechte Zeiten, dass die Menschen ihr Getreide selbst anbauen müssen und froh wären ihre kümmerliche Ernte in der nahegelegenen Mühle mahlen lassen zu können.
Sind wir mal ehrlich, es gibt Unternehmer denen stehen in Heilbronn alle Amtsstubentüren offen. Man kann hinbauen wie man will und was man will. Nur der Müller hat keine Lobby. Es gibt ja noch andere Mühlen welche Regale füllen - in den Lebensmittelndiscountern unserer Stadt.
Erbärmlich.....
Jürgen Mosthaf