20 Jahre jüdische Gemeinde Heilbronn: Wie alles begann
1945 lebte in Heilbronn kein Jude mehr, in den 1950ern siedelten sich wieder jüdische Bürger an. Erst 2002 gründeten sie eine eigene Gemeinde. Warum? Vorsteherin Avital Toren erinnert sich gut.

Das Klingelschildchen ist kaum zu entziffern, das Treppenhaus karg. Im ersten Stock bleibt der Blick an einem Schaukasten hängen. "Shalom" steht da auf einem Tuch, daneben ein siebenarmiger Kerzenleuchter, die Menora, und ein vergilbtes Bild. Es zeigt die ehemalige Heilbronner Synagoge. Die Tür öffnet sich. Avital Toren tritt hervor, Gründerin, Integrationsfigur und Motivatorin der neuen jüdischen Gemeinde von Heilbronn. Sie nimmt uns mit in ihre Gebetsräume, in die noch junge Geschichte ihrer Gemeinde.
Wer waren nach dem Zweiten Weltkrieg die ersten Juden in Heilbronn, woher und wann kamen sie?
Toren: Mein Mann Moishe gehörte wohl zu den ersten. Er stammte aus Polen und kam nach dem Krieg über Israel durch einen Freund aus Stuttgart in die Gegend. In Heilbronn hatten sich ab den 1950ern einzelne Juden angesiedelt, von Latasch bis Shapira, alles polnische Namen.
Ach, Latasch, der legendäre Imbissbetreiber im Rotlichtviertel an der Sontheimer Straße.
Toren: Ja, genau. Die meisten waren in der Gastronomie tätig, in Bars, Kneipen, auch mein Mann, er war Geschäftsführer vom Café Eden an der Sontheimer Straße, Ecke Charlottenstraße.
War ihr Mann praktizierender Jude?
Toren: Die Feiertage hat er eingehalten und begangen, in Stuttgart oder in der Familie zuhause, auch an Sabbath. Manchmal kamen andere jüdische Familien hinzu, später Freunde unserer Tochter, wir waren da immer offen. Man hat sich auch sonst getroffen, etwa zum Kartenspiel oder hie und da zum Essen.
Man hat sich also über den Glauben definiert, in den Aufbaujahren als Heilbronner Jude.
Toren: Durchaus. Gerade diese polnischen Juden, die hatten keine Freunde in der Stadt, außer sich gegenseitig. Das war so ein kleiner Kreis.
Durch Sie, Frau Toren, hat die jüdische Gemeinschaft, die Pflege ihrer Religion in Heilbronn eine neue Qualität bekommen. Dabei waren Sie früher Christin. Warum sind Sie jüdisch geworden?
Toren: Als wir in Stuttgart die jüdische Gemeinde besuchten, habe ich mich dort sehr wohl gefühlt. Später hat unsere Tochter Religionsunterricht genommen, mit anderen Kindern. Das spielte sich bei uns Zuhause ab, bis wir Klassenzimmer zur Verfügung gestellt bekamen. Schließlich habe ich zu Rabbi Joel Berger gesagt: Ich möchte zum jüdischen Glauben übertreten. Daraufhin sagte er: Ja, ich weiß, du machst viel hier, engagierst dich, bist interessiert. Aber überlege es dir in Ruhe, das ist gar nicht leicht. Eine Woche später habe ich ihm gesagt: Ich will es trotzdem. Von da an haben er und seine Frau mit mir gelernt, fast drei Jahre lang.
Und am Ende kam das Examen. Waren Sie danach automatisch Jüdin?
Toren: Erst nach der Hochzeit mit meinem jüdischen Mann. Ich nahm dann den Namen Avital an, mein Geburtsname war Waltraud Woßniak.
Wie leben Sie in der Gemeinde Ihren Glauben?
Toren: Am Sabbath oder bei anderen jüdischen Feiertagen kommen die Mitglieder und der Rabbi aus Stuttgart in unsere Gebetsräume. Weil wir nicht so gut Hebräisch können, haben wir zweisprachige Gebetsbücher, also auf Hebräisch und Deutsch oder Russisch. Auf der einen Seite die Männer, auf der anderen die Frauen. Das ist einfach traditionell so, das hat nichts mit Frauendiskriminierung tu tun. Wir hatten hier auch schon eine Beschneidung, eine Brit Mila, feierten Bar Mizwa für Jungen und Bat Mizwa für Mädchen, also gleichsam Kommunion oder Konfirmation.
Wie kam es denn zur Gründung Ihrer Gemeinde hier, die wie alle anderen eine Zweiggemeinde der IRGW ist, der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg, die 3000 Mitglieder hat.
Toren: Vor 20 Jahren sagte der Geschäftsführer der IRGW: Suche bitte in Heilbronn einen eigenen Raum. Hintergrund war der Zuzug etlicher Juden aus Russland.
Also Kontingentflüchtlinge aus Staaten der ehemaligen Sowjetunion. In den 1990ern kamen so über 200 000 Juden nach Deutschland, davon etwa 150 nach Heilbronn. Zum Vergleich: 1975 waren in der Stadt 22 Bürger jüdischen Glaubens gemeldet.
Toren: Ja. Hier gab es einen aus Indien stammenden Juden, Moses Samson. Über ihn konnten wir zunähst Räume der Freimaurerloge an der Moltkestraße nutzen. Tatsächlich wären damals auch Räume über dem ehemaligen Universum-Kino an der Allee frei gewesen, genau da, wo einst die Synagoge gestanden hatte. Aber da hätte man so viel investieren müssen. Dann war das Wilhelm-Busch-Gemeindehaus frei. Aber vom Zuschnitt hat das nicht gepasst. Schließlich wusste eine Jüdin aus Lauffen, dass an der Allee diese Räume hier frei waren.
Mussten sie viel umbauen?
Toren: Eine Wand musste raus, damit wir Platz gewinnen. Der Freundeskreis der Synagoge und einzelne seiner Mitglieder haben uns sehr geholfen, auch bei der Einrichtung. Thora, Schrank, die Bima, Leuchter, alle Sakralgegenstände wurden über Spenden und Basare finanziert.
Sie hatten mal den Traum einer neuen Synagoge.
Toren: Ja, aber ein jüdisches Gotteshaus darf nie außerhalb stehen, damit jeder Gläubige zu Fuß oder per Bus und Bahn kommen kann. Doch in der Heilbronner Innenstadt sehe ich keinen entsprechenden Standort. Ich habe das ja versucht, habe viel nachgefragt, auch im Rathaus. Ich habe den Traum aufgegeben. Ein solches Gebäude müsste ja auch finanziert werden.
Wie viele Gläubige sind Sie?
Toren: Anfangs, also 2002, waren wir 120, heute vielleicht noch 80 bis 90. Vor allem die jungen Leute fehlen uns. Die kamen einst als Kinder mit der Familie hier her, gingen zur Schule, machten ihr Abitur und gingen dann fort zum Studium.
Zurück zieht es nach dem Studium keinen?
Toren: In Städten mit Synagoge ist das anders. Aber nach Heilbronn kommt kaum jemand zurück. Die russischen Juden trauen sich im Alltag nicht mal zu sagen, welchen Glaubens sie sind.
Ist das mit ein Grund, dass man sich im öffentlichen Leben kaum sehen lässt? Als öffentliche Feier fällt mir nur Chanukka ein, also das Lichterfest.
Toren: Mag sein, dass unsere Mitglieder scheu sind. Aber die Synagoge ist für jede Begegnung offen. Von Führungen mit Schulklassen, bei denen ich Gegenstände, Riten Gebete, Feiertage erkläre, bis hin zum interreligiösen Dialog mit Vertretern der Kirchen oder anderer Glaubensgemeinschaften. Was mich leitet ist: Miteinander reden, nicht übereinander.
Zur Person Avital Toren
Avital Toren (80) kam in Preußen zur Welt. Im Zweiten Weltkrieg verschlug es sie nach Heilbronn. Über ihren Mann Moishe Toren fand sie zum jüdischen Glauben. Ab 2002 baute sie eine neue jüdische Gemeinde auf und richtete mit Unterstützung des Freundeskreises der Synagoge Gebetsräume ein: an der Allee, gegenüber des 1938 zerstörten Gotteshauses. Das komplette Interview findet sich in dem neuen Buch "Jüdisches Leben in Heilbronn".
Kommentare öffnen

Stimme.de
Kommentare