Stacheldraht und Stahl: Neues Gedenkkonzept für KZ Neckargartach
Mit einem neuen Gedenkkonzept soll ein fast vergessenes Kapitel Heilbronner Stadtgeschichte stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt werden: Das ehemalige Konzentrationslager Neckargartach.

Ein fast vergessenes Kapitel Geschichte soll mit modernen Elementen, vorwiegend aus Cortenstahl, stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt werden: Das ehemalige Konzentrationslager (KZ) Neckargartach, von den Nazis Steinbock genannt. Es war eine Außenstelle des KZ Natzweiler-Struthof im Elsass. Bevor das aus einem Dutzend Barracken bestehenden Arbeitslager am 1. April 1945 vor den aus Westen vorrückenden alliierten Befreiern geräumt wurde, starben dort seit Sommer 1944 über 300 Zwangsarbeiter. Neckargartacher Bürger hatten ihre Überreste nach dem Krieg in einem Massengrab oberhalb der Böllinger Straße entdeckt und für sie einen kleinen Friedhof mit Mahnmal angelegt: aus Steinen der von den Nazis in die Luft gesprengten Neckarbrücke. Vom Lager selbst ist heute nichts mehr übrig.

Der Impuls zur Aufwertung des Gedenkortes ist in einer Koordinationsgruppe bei Oberbürgermeister Harry Mergel unter Beteiligung der Initiative Gedenkstätte KZ-Heilbronn-Neckargartach entstanden. Die Initiative um Dr. Heinz Risel, dessen Buch zum KZ bald mit dem Stadtarchiv aufgelegt wird, Ex-DGB-Chef Bernhard Löffler und Ortskartellsprecher Uwe Mettendorf, ist Mitglied im Verbund der Gedenkstätten im ehemaligen KZ-Komplex Natzweiler e.V. (VGKN.eu), zu dem auch die Gedenkorte Kochendorf und Neckarelz gehören. Das auf 162.000 Euro bezifferte Gestaltungskonzept wurde vom Grünflächenamt und der Gruppe Sepia entworfen. Diese Woche wurde es durch Oliver Toellner und Cornelia Lutz vom Grünflächenamt dem Verwaltungsausschuss des Gemeinderats vorgestellt. Die Bauarbeiten sollen im Februar beginnen und laut Rathaus-Sprecherin Suse Bucher-Pinell „noch im 80. Jubiläumsjahr fertiggestellt sein“.
Cortenstahlwände und Stacheldraht-Muster auf der Straße
Der KZ-Friedhof selbst wird nicht angetastet, aber sein Umfeld. So bekommt der unscheinbare Fußweg mit schiefer Treppe von der Böllinger Straße her ein großes Portal, das wie andere ähnliche Elemente aus Cortenstahl ist. Eine ähnliche Wand wird am Friedhofeingang installiert, zu dem künftig vom Wohngebiet Falter her ein zweiter, besserer Fußweg führen wird.
Das KZ selbst lag an der Ecke Böllinger Straße / Mosbacher Straße, also nördlich des alten VfL-Sportplatzes im heutigen Industriegebiet. Hier sollen ebenfalls Cortenstahlelemente, aber auch große Stacheldrahtmuster mitten auf der Straße die Barracken und Zaunanlagen andeuten und deren Dimension erahnen lassen.
Auf den Wandelementen sind eine kurze Erläuterung und Zitate von Zeitzeugen zu lesen. QR-Codes führen auf eine Homepage des Stadtarchivs, auf der die Geschichte ausführlich aufgearbeitet sein wird mit Zeitzeugenberichten, Scans von Dokumenten und Fotos. Übersichtslagepläne und eine Stele zeigen die Lage sowie den Bezug zu anderen Natzweiler-Außenlagern im Neckartal.
Konstruktive Ratsdebatte mit Seitenhieb gegen AfD und gegen Russland
Stadträte begrüßten das Konzept, die von Mergel forcierte Erinnerungskultur und das bürgerschaftliche Engagement ausdrücklich. Mit Blick auf die für April geplante Gedenkfeier regte Verena Schmidt (CDU) an, Jugendliche in die Thematik einzubinden. Wie wichtig solche Bildungsarbeit sei, zeigten nicht zuletzt „kranke Hirne“ wie Alice Weidel, die Hitler als Kommunisten bezeichneten, sagte Rainer Hinderer (SPD). Raphael Benner (AfD) verteidigte seine Parteichefin, schließlich habe die NSDAP „Sozialismus“ im Namen getragen.
Ferdi Filiz (Grüne) regte an, das KZ in interaktive Internet-Karten zu integrieren und am Friedhof eine Sitzbank aufzustellen. Dass er anfangs ob der Kosten skeptisch gewesen sei, gab Herbert Burkhardt (FWV) zu, um so mehr lobe er nun den OB und die „kleine Gruppe, die großes angestoßen“ habe. Stacheldraht und Stahl gäben förmlich den „Anstoß zum Nachdenken“, befand Marion Rathgeber-Roth (UfHN). Für eine Zivilgesellschaft sei eine angemessene Erinnerungskultur unverzichtbar, auch, „damit sich solches Leid nicht wiederholt“, sagte Nico Weinmann (FDP). Alfred Dagenbach (Pro) sah die Vorbilder der KZs, die „eine Schande für das deutsche Volk“ seien, in sowjetischen Gulags, die es in Russland und China heute noch gebe.
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