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Heilbronner Polizisten berichten: „Gefährlichkeit unseres Berufs geht im Alltag manchmal unter“

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Dass Gewalt Teil ihres Jobs sein wird, war den Polizisten Matthias und Tobias vom Revier Heilbronn von vornherein klar. Das Ausmaß allerdings erschreckt sie manchmal.

Immer wieder werden Polizisten im Dienst angegriffen.
Immer wieder werden Polizisten im Dienst angegriffen.  Foto: dpa

Den Heilbronner Polizisten Matthias und Tobias ist bei der Berufswahl klar, dass Gewalt Teil ihres Jobs sein wird. Trotzdem wundern sie sich und sind manchmal erschrocken, wie hemmungslos sie zuweilen attackiert werden. Ein Gespräch über die Normalität von Angriffen.

Wann waren Sie in einer Situation, in der es zur Sache ging?

Matthias: Bei mir war es vor etwa zwei Wochen. Ein Mann klaute Gegenstände aus unverschlossenen Autos. Bei seiner Festnahme leistete er Widerstand. Ich wurde leicht am Ellenbogen verletzt, hatte eine Prellung und eine Schürfwunde.

Tobias: Bei mir war es ein Fall von häuslicher Gewalt auf offener Straße. Bei der Festnahme kam es zu massiven Widerstandshandlungen des Mannes. Mehrere Kollegen wurden verletzt. Das ist jetzt vier Jahre her. Natürlich kam es seitdem immer wieder zu ähnlichen Situationen, auch zu tätlichen Angriffen. Aber dieser Fall ist mir nachhaltig in Erinnerung geblieben.

Wieso?

Tobias: Der Fall war extrem, was die Gewalt und die Gewaltbereitschaft von dem Herrn anging.

Haben Sie sich das so vorgestellt, als sie den Job angefangen haben?

Matthias: Die Polizei hat das Gewaltmonopol des Staates und übt es als Exekutive aus. Mir war klar, dass ich mit Gewalt in Berührung komme und dass ich selbst Zwang oder Gewalt ausüben muss. Das tatsächlich zu erleben, weicht aber von der Vorstellung ab, die man so als 18-jähriger Schulabgänger hat. Ich sehe auch, dass meine Kollegen auf der Dienststelle zum Teil erhebliche Verletzungen erleiden. Dann denkt man: Das hätte ich sein können.

Hatten Sie bei der Berufswahl die Gewalt gegen sich so deutlich vor Augen?

Tobias: Ich war mir des Themas bewusst. Definitiv. Ich wundere mich aber und bin manchmal auch erschrocken, wegen welchen Nichtigkeiten solche Situationen teilweise entstehen. Ruhestörungen zum Beispiel. Das sind nicht mal Straftaten, sondern nur Ordnungsstörungen. Und trotzdem kann es zu Gewalt gegen uns kommen.

Was macht das mit Ihnen?

Matthias: Es wäre vermessen zu sagen, solche Erfahrungen verändern einen nicht. Die zahlreichen kleineren Fälle bleiben nicht im Gedächtnis. Sie sind Normalität. Wenn ich aber an Mannheim denke, wo ein Polizist getötet wurde, dann erhöht das mein Bewusstsein für Sicherheit. Die Gefährlichkeit unseres Berufs geht im Alltag manchmal unter.

Tobias: Eine gewisse Angst, gerade wenn einem Kollegen so etwas wie in Mannheim widerfährt, läuft mit.

Zur Person

Die Polizisten möchten namentlich unerkannt bleiben, um sich und ihre Familien zu schützen. Es komme vor, dass Tatverdächtige etwas sagten wie: „Wir wissen, wo deine Kinder auf den Spielplatz gehen.“ Zur besseren Unterscheidung haben wir ihnen Vornamen gegeben. Matthias (34) ist Polizeihauptkommissar, seit 13 Jahren im Dienst und seit zehn Jahren im Revier Heilbronn tätig. Tobias (28) ist Polizeioberkommissar, seit neun Jahren Polizist, davon fünf Jahre im Revier Heilbronn. 

Polizist: „Bin dankbar für mein persönliches Umfeld, Freunde, Familie“

Hat sich Ihr Menschenbild dadurch verändert?

Matthias: Ja, in manchen Punkten zum Positiven. Gute Menschen weiß ich viel mehr zu schätzen, weil ich Menschen, die sich schlecht verhalten, kennenlerne. Ich bin dankbar für mein eigenes persönliches Umfeld, Freunde, Familie. Manchmal stellt sich mir schon die Frage: Was ist eigentlich mit den Leuten los?

Haben Sie darauf eine Antwort?

Tobias: Ein Aspekt ist auf jeden Fall Gruppendynamik. Ein Einzelner mag gar nicht zu Gewalt neigen, möchte sich dann aber vor der Gruppe profilieren.

Matthias: Was ich vermehrt beobachte, ist die Solidarisierung Außenstehender mit einem ihnen Unbekannten, weil sie meinen, die Polizei tut dem Unrecht. Ein Kollege nahm neulich in der Heilbronner Innenstadt einen mutmaßlichen Händler von Betäubungsmitteln fest. Der Tatverdächtige lag auf dem Boden. Unbeteiligte stießen den Polizisten von dem Festgenommenen herunter. So eine Lage, die vorher gut zu bewältigen war, wird plötzlich gefährlich und unberechenbar. 

Wo sollte man ansetzen, um Gewalt und Respektlosigkeiten zu begegnen? 

Tobias: Gäbe es eine Wunschliste, würde ich draufschreiben: mehr Personal. Wenn wir die Möglichkeit haben, in größerer Personalstärke zum Einsatz zu fahren und entsprechend aufzutreten, verhindert das manche Eskalation. Wenn es trotzdem eskaliert, lässt sich die Lage viel besser in den Griff bekommen, ohne dass jemand verletzt wird.

Matthias: Wenn eine Streife sagt, sie braucht Unterstützung, ist das im Stadtgebiet viel leichter zu machen als im ländlichen Raum. Wenn ich in Lampoldshausen, Jagsthausen oder sonst irgendwo einen Widerstand habe, dauert es natürlich viel länger, bis dort weitere Streifen ankommen.

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Fühlen Sie sich manchmal alleingelassen?

Tobias: Das trifft nicht das Gefühl. Wir sind manchmal einer erhöhten Gefahr ausgesetzt und umso höher ist das Risiko, verletzt zu werden. Oftmals überlegen sich Betroffene zweimal, ob sich ein Widerstand tatsächlich lohnt, wenn da sechs statt nur zwei Polizisten stehen.

Was sind das überhaupt für Menschen, die gewalttätig werden?

Matthias: Jugendliche, Erwachsene, Senioren, Männer, Frauen. Einer mit den bösesten Tätowierungen und dicksten Oberarmen kann der liebste Kerl sein. Und bei einer schmächtigen Person braucht man bei der Festnahme Gewalt, weil sie unter dem Einfluss von Betäubungsmitteln kein Schmerzempfinden hat. Es ist der Akademiker, der betrunken Auto fährt und sich wehrt, weil er Angst um seinen Führerschein hat. Es ist der Täter mit einem Aggressionspotential bei häuslicher Gewalt. Es ist alles dabei.




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