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Zeugin im Niedernhaller Mordprozess: Werde die Schreie der Eltern nicht mehr los

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Im Prozess gegen einen 18 Jahre alten Angeklagten wegen Mordes an einem Zwölfjährigen auf dem Edeka-Parkplatz in Niedernhall sagte am  Mittwoch unter anderem die Notfallärztin aus. Für den Jungen kam jede Hilfe zu spät.


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Zum vierten Verhandlungstag des Niedernhaller Mordprozesses sind die Eltern des getöteten Jungen nicht gekommen. „Das war eine bewusste Entscheidung“, sagte Sophie Bechdolf-Reif, die die beiden Nebenkläger als Anwältin in diesem Prozess vertritt. Denn auf der Zeugenliste für Mittwoch stand unter anderem die Notfallärztin, die sich am 11. September 2025 ihr überfahrenes Kind angeschaut und dessen Tod festgestellt hat.

Beim Eintreffen der Einsatzkräfte sei für den zwölfjährigen Jungen jede Hilfe zu spät gekommen. „Ich habe keine Vitalzeichen wahrgenommen“, sagte die Ärztin. Stattdessen habe sie eine Reihe schwerster Verletzungen festgestellt. „Jede für sich hätte gereicht, dass der Tod eintritt“, sagte die Zeugin. „Es war klar, dass das Kind tot ist, so wie es da lag.“ Den Totenschein hatte sie um 20.38 Uhr ausgestellt. Also acht Minuten nach ihrem Eintreffen.

Der 18 Jahre alte Angeklagte soll in Niedernhall einen zwölfjährigen Jungen ermordet haben. Er muss sich vor dem Landgericht verantworten.
Der 18 Jahre alte Angeklagte soll in Niedernhall einen zwölfjährigen Jungen ermordet haben. Er muss sich vor dem Landgericht verantworten.  Foto: Berger, Mario

Ob sie über den Zustand des Opfers vor Gericht aussagen würde, hatte ihr zuvor der Vorsitzende Richter der 15. Großen Jugendkammer, Thilo Kurz, freigestellt. Rein formal liege ja keine Schweigepflichtentbindung vor. Die Ärztin brauchte nicht lange zu überlegen. „Ich denke, dass es zur Aufklärung der Tat beiträgt“, sagte sie.

Niedernhaller Mordprozess: Angeklagter entbindet Notfallärztin nicht von ihrer Schweigepflicht

Keine Auskünfte konnte sie dagegen über den Zustand des Angeklagten geben. Der 18-Jährige entband die Notfallärztin ebenso wenig von ihrer Schweigepflicht wie die leitende Notfallsanitäterin vor Ort.

Auch die leitende Notfallsanitäterin vom Hohenloher Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes wurde schnell darüber informiert, dass keine Rettungsmaßnahmen am Geschädigten vorgenommen würden. Beim Ausrollen der Materialdecke habe sie der knieenden Ärztin über die Schulter geschaut. „Ich habe schon viele schlimme Dinge gesehen“, sagte sie. Was diesen Abend auf dem Edeka-Parkplatz betrifft, habe sie aber regelrechte Erinnerungslücken. „Weil ich von dem Einsatz traumatisiert bin.“

Viele Menschen seien auf dem Parkplatz gewesen. Die Notfallsanitäterin sprach von einer dynamischen Situation. Jederzeit konnte sich offenbar der Gesundheitszustand von Anwesenden verändern. Sie habe ihr Team aufgeteilt. Später kam noch eine fünfköpfige Mannschaft von der Psychosozialen Notfallversorgung dazu.

Notfallsanitäterin ist seit dem Einsatz in Niedernhall in psychologischer Behandlung

Schließlich seien die Eltern des toten Jungen zum Tatort gekommen. „Wir haben sie nicht beruhigt bekommen.“ Sie hätten sich auf dem Boden gewälzt. Wollten zu ihrem Kind. „Wir konnten tun, was wir wollten, sie hörten nicht auf zu schreien.“ Über ihren Einsatz an diesem Abend mag sie sich mit ihren Kollegen am liebsten gar nicht unterhalten, sagte die Sanitäterin. Sie selbst sei jetzt einmal wöchentlich in psychologischer Behandlung. „Ich werde die Schreie der Eltern nicht mehr los.“

Der getötete Junge war an diesem Abend mit seinem 13 Jahre alten Freund auf dem Parkplatz. Über dessen Vernehmung berichtete am Mittwoch eine Polizistin. Dabei habe er von einem Streit zwischen seinem Freund und dem 16 Jahre alten Begleiter des mutmaßlichen Todesfahrers berichtet. Worum es dabei gegangen sei, habe er nur am Rande mitbekommen.

Schließlich hätten die beiden Jungs nach Hause fahren wollen. Daraufhin sei der Angeklagte mit quietschenden Reifen losgefahren und habe zunächst ihn, also den 13-Jährigen, verfolgt. Als er auf eine Wiese geflüchtet sei, sei der 18-Jährige nach rechts abgebogen und hätte seinen Freund verfolgt. Der habe nicht schnell genug davonfahren können. Er habe gesehen wie das Auto auf das Fahrrad seines Freundes draufgefahren ist. Danach habe er nur noch das Fahrrad gesehen.

Staatsanwältin wirft Angeklagten niederträchtigen Racheplan vor

Laut der Polizistin soll die Mutter des 13-Jährigen nach dessen Vernehmung einen Brief an die Polizei geschickt haben, in dem sie geschrieben habe, dass der Zwölfjährige den Freund des Angeklagten beleidigt habe. Das Wort „Downsyndrom“ soll gefallen sein. Und eine Rundschraube habe der Zwölfjährige gehabt. Im Gegenzug habe der Angeklagte gesagt, er habe ein Messer im Auto.

Staatsanwältin Kathrin Rührich wirft dem Angeklagten Mord vor. Er soll am Abend des 11. September 2025 aufdem Edeka-Parkplatz in Niedernhall einen „niederträchtigen Racheplan“ in die Tat umgesetzt haben. Er habe den zwölfjährigen Jungen auf dem Fahrrad mit dem Auto angefahren und 26 Meter mitgeschleift. Das Kind starb vor Ort.




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