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Lehrer hängen nach Referendariat in der Luft – „hatten nie eine solche Situation“

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Fast 80 Referendare an Gymnasien hofften nach der Ausbildungszeit in Heilbronn, an einem allgemeinbildenden Gymnasium unterzukommen. Die Situation ist ernüchternd, die Arbeitslosigkeit psychisch belastend.


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Endlich nicht mehr Referendar sein, sondern Lehrerin: Eigentlich könnten Stefanie Ritter und Tamara Schmitt schwärmen, haben sie doch Studium und Ausbildungszeit für ihren Traumberuf geschafft.

Die beiden Ausbildungspersonalräte, die kürzlich ihr sogenanntes Ref abgeschlossen haben, wechseln aber nicht an Gymnasien. Es gibt kaum Stellen, selbst wer sich landesweit für ein allgemeinbildendes Gymnasium interessiert habe, bekam mitunter Absagen.

Kaum Chancen auf Stellen an Gymnasien – selbst landesweite Bewerbungen oft erfolglos

„Wir hatten noch nie eine solche Situation“, sagt Martina Geiger, die das in Heilbronn das Ausbildungsseminar für angehende Lehrer an Gymnasien leitet. „An den Schulen gibt es genug Ideen, wie sie zusätzliche Lehrer einsetzen könnten.“

Eine Situation, wie sie die Seminar-Leitung so nicht kennt: Referendare für Gymnasien finden an allgemeinbildenden Gymnasien keinen Job (von links): Tamara Schmitt, Martina Geiger, Karsten Wiese und Stefanie Ritter.
Eine Situation, wie sie die Seminar-Leitung so nicht kennt: Referendare für Gymnasien finden an allgemeinbildenden Gymnasien keinen Job (von links): Tamara Schmitt, Martina Geiger, Karsten Wiese und Stefanie Ritter.  Foto: Gajer, Simon

Plan A wird nichts, mittlerweile spricht so mancher hinter vorgehaltener Hand sogar schon von einem Plan Z, den man nun umsetzen wolle. Fast 80 Referendare haben kürzlich in Heilbronn ihre Zeugnisse erhalten, wenige haben eine Stelle an einem allgemeinbildenden Gymnasium wie erhofft.

Nach dem Referendariat an einem Gymnasium in der Region Heilbronn: So geht es für viele weiter

Mancher geht nach Bayern, andere werden in Rheinland-Pfalz, Sachsen oder Thüringen genommen. „Die Bundesländer freuen sich“, weiß Martina Geiger. Einige gingen an ein berufliches Gymnasium, so Karsten Wiese, der am Ausbildungsseminar in Heilbronn unter anderem für Naturwissenschaften zuständig ist. 

Eine Zeitlang seien Junglehrer außerdem an Privatschulen gegangen. Selbst die seien allerdings voll, sagt Martina Geiger.

Lehrer fürs Gymnasium bilden sich weiter für Unterricht an Grundschulen

Stefanie Ritter könnte Deutsch und Geographie an einem Gymnasium unterrichten, Tamara Schmitt Deutsch und Englisch. Beide haben zusätzliche Fortbildungen gemeistert, von denen es am Ausbildungsseminar in Heilbronn einige gibt. Deutsch als Fremdsprache können sie vorweisen, geholfen hat es nichts. „Wir können viel Gutes für die Schulen mitbringen“, sagt Stefanie Ritter, „aber ohne Stellen ist das schwierig.“

Tamara Schmitt ist für ein Jahr befristet an einem Gymnasium im Landkreis als Krankheitsvertretung angestellt, verdiene auch weniger als verbeamtete Lehrer. Landesweit wäre sie bereit gewesen, eine feste Stelle an einem allgemeinbildenden Gymnasium anzutreten. „Ich habe nichts bekommen.“

Grundschule ist für junge Lehrerin ein „guter Plan B“

Stefanie Ritter geht nach den Sommerferien an eine Grundschule im Landkreis, für sie ein „guter Plan B“. Sie braucht dafür allerdings noch Fortbildungen, die nur in Nürtingen angeboten werden. Dass sie diesen Job überhaupt bekommen konnte, bezeichnet sie als einen Kampf. Obwohl gerade die Förderung in den ersten Schuljahren intensiviert werden soll, gebe es diese Stelle nur, weil kürzlich landesweit Hunderte Stellen entdeckt wurden, die seit 20 Jahren angewachsen waren. Durch eine IT-Panne blieben sie unbesetzt.

An ein Gymnasien zu gehen, wenn es denn Stellen gäbe, das könnten beide. Nach vier Jahren müsse außerdem das Land beispielsweise Stefanie Ritter ein Angebot machen – allerdings nur für einen Job, für den Gymnasiallehrer benötigt werden. Auf eine Gemeinschaftsschule könne es deshalb genauso hinauslaufen wie auf ein berufliches Gymnasium, sagt sie. 

Für junge Lehrer ohne Job ist die Situation „psychisch belastend“

Zum Halbjahr hätten die Referendare geahnt, dass es mit dem Traumjob sehr schwierig werden dürfte, erzählen die beiden Ausbildungspersonalräte. „Psychisch belastend“ sei die Situation, sagt Stefanie Ritter. Weil sie mit einem Partner zusammenwohne, der die Miete finanzieren könne, bekomme sie nicht einmal Bürgergeld. Viele Referendare stünden unter Druck. „Man muss etwas machen, sonst hat man gar nichts“, so Tamara Schmitt.

Ähnlich sehe es bei den Referendaren aus, die nach den Sommerferien ihr letztes Ausbildungsjahr beginnen. Viele seien demotiviert und hätten Angst. „Die Stimmung ist ernüchternd“, weiß Stefanie Ritter.

Hintergrund der Einstellungssituation ist die Umstellung auf das Abitur nach neun Jahren an Gymnasien im Land. Nach den Sommerferien haben die Fünft- und Sechstklässler mehr Zeit bis zu ihren Abschlussprüfungen, die Älteren machen wie bislang auch nach acht Jahren an einem Gymnasium ihr Abitur.

Die Situation in den Lehrerzimmern an Gymnasien werde sich in den nächsten Jahren noch zuspitzen. Davon geht Martina Geiger aus. „Die Studierendenzahlen sind rückläufig“, sagt sie. „Das ist abzusehen.“




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