Stimme+
Prozess in Heilbronn
Zur Merkliste Lesezeichen setzen

Oma um halbe Million Euro betrogen? Enkel spricht von Spielsucht

   | 
Lesezeit  2 Min
Erfolgreich kopiert!

Ein 35-jähriger aus Heilbronn steht vor Gericht: Er soll seine eigene Großmutter um über 528.000 Euro betrogen haben. Am Tag des Prozessauftakts stirbt die 89-Jährige – sie war die wichtigste Zeugin.


Externer Inhalt

Dieser externe Inhalt wird von einem Drittanbieter bereit gestellt. Aufgrund einer möglichen Datenübermittlung wird dieser Inhalt nicht dargestellt. Mehr Informationen finden Sie hierzu in der Datenschutzerklärung.

Der Prozess gegen einen 35-jährigen Mann, der seine eigene Großmutter um mehr als eine halbe Million Euro betrogen haben soll, beginnt am Donnerstagmorgen mit einer traurigen Nachricht: Die 89-jährige Frau, die als Hauptzeugin geladen war, ist wenige Stunden vor Prozessbeginn gestorben.

Das Versterben der Geschädigten werde das Verfahren „in extrem bedauerlicherweise Weise prägen“, sagt der Vorsitzende Richter Frank Haberzettl. Ob ihr Versterben mit der Anspannung zu tun habe, sei nur eine Spekulation.

Die Tochter vermutet im Gespräch mit unserer Zeitung als Todesursache die Hitze und den Stress rund um die Verhandlung. „Ob es überhaupt sinnvoll gewesen wäre, dass sie aussagt, weiß ich nicht“, sagt sie. Ihre Mutter sei zunehmend dement gewesen.

Landgericht Heilbronn: Oma stirbt am Tag des Prozessauftakts 

Noch im vergangenen Jahr hat die betagte Dame gegenüber der Heilbronner Stimme erklärt: „Er war mein Lieblingsenkel.“ Umso erschütternder ist der Vorwurf: Der Enkel soll zwischen Juli 2021 und Februar 2022 rund 130 Mal Geld vom Konto seiner Großmutter abgehoben oder auf sein eigenes Konto überwiesen haben – insgesamt mehr als eine halbe Million Euro.

Prozessauftakt am Landgericht Heilbronn: Ein 35-jähriger Mann soll seine Oma um viel Geld gebracht haben.
Prozessauftakt am Landgericht Heilbronn: Ein 35-jähriger Mann soll seine Oma um viel Geld gebracht haben.  Foto: Berger, Mario

Über viele Minuten verliest der Staatsanwalt die Anklage, die rund 130 einzelne Abhebungen listet – teilweise mehrmals täglich, sogar im Minutentakt. Mal ein paar Hundert, mal mehrere Tausend Euro. Abgehoben wurde unter anderem in Heilbronn, Bad Rappenau und Heilbronn-Neckargartach – am Bankschalter oder Geldautomaten.

Angeklagter aus Heilbronn: „Ich bin spielsüchtig“ – Nicht mal Ehefrau soll davon gewusst haben

Vor Gericht räumt der Angeklagte, der mehrmals in Tränen ausbricht, ein: „Ich bin spielsüchtig seit etwa 2010.“ Das habe niemand gewusst, nicht mal seine Ehefrau, die beim Prozessauftakt ebenfalls im Zuschauerbereich sitzt. „Ich wollte mich bei meiner Oma entschuldigen“, sagt er. „Das kann ich jetzt leider nicht mehr.“

Einen Teil des Geldes habe er für Renovierungsarbeiten im Haus seiner Großeltern verwendet. Sie habe nicht im Seniorenheim bleiben, sondern nach Hause zurückkehren wollen. Das meiste Geld jedoch habe er fürs Lottospielen oder auch mal beim Zocken am Spielautomaten ausgegeben. Immer wieder habe er sich an dem Konto seiner Großmutter bedient – beziehungsweise das Geld aus einer Kiste in ihrem Kleiderschrank entnommen.

Richter ist skeptisch: „Sie präsentieren eine kaum nachvollziehbare Geschichte“

Der Enkel spricht außerdem von einem Plan der Großmutter, dass sie jedem ihrer fünf Enkelkinder am Geburtstag des Großvaters 90.000 Euro habe schenken wollen – solange sollte das Geld dort gelagert werden. Sie habe ihm dazu regelmäßig handgeschriebene Zettel mit Beträgen und Abhebehäufigkeit gegeben.

Doch Richter Frank Haberzettl zeigt sich skeptisch: „Sie präsentieren eine Geschichte, die kaum nachvollziehbar ist.“ Zehn Mal 1.000 Euro am Automaten statt einmal 10.000 Euro am Schalter abzuheben – das mache keinen Sinn. Auch, dass die Großmutter ihn zu all diesen Abhebungen angewiesen habe, hält der Richter am Heilbronner Landgericht für zweifelhaft.

Außerdem hält Haberzettl ihm die Aussage seiner Großmutter bei der Polizei vor, in der sie sich sichtlich geschockt geäußert hat, als sie von dem Betrug ihres Enkels erfahren hatte. Sie habe von einem Schlamassel gesprochen. Und davon, dass ihre Bank sie früher hätte informieren müssen, dass so oft so hohe Summen abgehoben worden seien.

Bank wird skeptisch, nachdem ganzes Konto fast leergeräumt wurde

Irgendwann bricht das Lügenkonstrukt aus Spielsucht und erschlichenem Enkel-Vertrauen offenbar zusammen. Ein Bankmitarbeiter hat die Großmutter angerufen und erklärt, dass ihr Konto fast leergeräumt worden sei. Dass eine halbe Millionen Euro gefehlt haben, habe sie nicht gewusst.

Die neue Version des Angeklagten und seine Einlassung bringt die Kammer zum zwangsläufigen Umdisponieren. Weil nun keine Untreue mehr, sondern Diebstahl im Raum stehen könnte. Man wolle sich nun beraten, ein paar Zeugen wurden deshalb auf den nächsten Verhandlungstag, Freitag, 4. Juli, verschoben.




Kommentare öffnen
Nach oben  Nach oben