Neue Chancen für junge Straftäter: Sozialtrainings in der Region Heilbronn
In der Region Heilbronn helfen Sozialtrainings und spezielle Wohngruppen dabei, straffällige Jugendliche zurück auf den richtigen Weg zu bringen. Pflichtkurse, neue Lebensumfelder und intensive Betreuung sollen Rückfällen vorbeugen.
Ralf Mandel kennt sich mit kriminellen Jugendlichen aus. Der 61-Jährige ist Jugend- und Heimerzieher bei der Diakonischen Jugendhilfe in der Region Heilbronn. Er leitet seit vielen Jahren Soziale Trainingskurse für minderjährige Straftäter. Die nennen es „abrippen“, wenn sie jemanden das Handy klauen oder Geld erpressen. „In anderen Fällen artet eine Rangelei aus und die Fäuste fliegen, sagt Mandel. Er hat es auch schon mal mit einer Wodka trinkenden 14-Jährigen zu tun, die einen Polizisten angegriffen hat.
Soziales Training in der Region Heilbronn: Pflicht-Teilnahme für junge Straftäter
Üblicherweise ordnet ein Richter ein solches Training an. Die Teilnahme ist Pflicht. Die Teilnehmer sind überwiegend männlich. Viele sind Mehrfachtäter. Sie sind dazu verdonnert, im Kurs mitzuwirken. „Absitzen ist nicht“, sagt Mandel. Das Programm umfasst zehn Abende und zwei Wochenendveranstaltungen. Fehlt einer zwei Mal, erhält das Gericht eine Information und es entscheidet dann über einen Arrest.

Die Teilnehmer sind aufgefordert, sich selbst zu organisieren, erklärt Mandel. Kommt einer aus Kirchardt, muss er zusehen, wie er es zum Kurs nach Heilbronn schafft. Viele junge Straftäter haben Mandel zufolge keinen Bildungsabschluss. Im Schnitt halten 30 Prozent den Kurs nicht bis zum Ende durch.
Heilbronner Jugend- und Heimerzieher: „Mich haut nichts vom Hocker“
Im Sozial-Training sollen die Täter reflektieren, an welchem Punkt sie aus einer Situation nicht mehr herausfinden und eine Straftat begehen. Es geht um Normen und Werte, um die Biografien der Täter, um eigene Grenzen und darum, wie sie sich selbst wahrnehmen und wie andere sie sehen. Sie formulieren Ziele. Eine Teilnehmerin besuche die siebte Klasse, erzählt Mandel. Ihr drohe der Rauswurf. Nicht von der Schule zu fliegen, könne ein Ziel sein. „Wir gucken nicht nur nach hinten, sondern nach vorn.“
Oft sind die Teilnehmer um die 17 Jahre alt. „Derzeit ist es aber so, dass die Jüngeren kommen“, stellt Mandel fest. Der Kurs sei für Jugendliche eine einmalige Chance. Wird jemand danach noch mal straffällig, „gibt es kein Pardon“. Es droht das Jugendgefängnis.
„Ihr müsst lernen, euch abzugrenzen“, sagt Mandel den jungen Leuten. Ziel des Trainings: Mit der Gefahr, wieder straffällig zu werden, umzugehen. „Nein zum Dealer sagen“, nennt Mandel ein Beispiel. Nach jahrelanger professioneller Arbeit mit Jugendlichen wirkt Mandel abgeklärt. „Mich haut nichts vom Hocker.“
Straffällige Jugendliche kommen in Wohngruppen außerhalb der Region Heilbronn
Kriminelle Kinder und Jugendliche können nicht nur zu einem solchen Training oder zu Sozialstunden verpflichtet werden. Für einige heißt es: Raus aus der eigenen Familie, rein in eine Wohngruppe. Träger von Wohngruppen sind neben der Diakonischen Jugendhilfe Region Heilbronn die Evangelische Jugendhilfe Friedenshort und die St. Josefspflege Mulfingen im Hohenlohekreis. In der Praxis sei es üblich, Wohngruppen für straffällig gewordene Jugendliche zu wählen, die nicht im Stadtgebiet liegen, teilt Claudia Küpper, Sprecherin der Stadt Heilbronn, mit. Dahinter stecke die Absicht, Jugendlichen ein anderes Umfeld zu bieten und Rückfällen vorzubeugen. Kriminelle Minderjährige kommen beispielsweise in eine Einrichtung in Abensberg in Bayern oder in Stutensee. Dort gibt es spezielle Gruppen für Jugendliche, die sonst in Untersuchungshaft kämen.
Sozialpädagogin Sabine Haid: Junge Straftäter versuchen, ihr Selbstwertgefühl aufzupolieren
„Wir haben einen bunten Strauß an Delinquenten“, sagt Sabine Haid. Die 46-jährige Diplom-Sozialpädagogin leitet den Bereich „Vermeidung von Untersuchungshaft“ im Schloss Stutensee. Häufig seien junge Täter schon als strafunmündige Kinder auffällig gewesen und in der Schule nicht zurechtgekommen. Sie hätten null Struktur im Alltag. „Sie hängen ab, chillen.“ Sehr häufig stammten sie aus problematischen Elternhäusern. Stichwort häusliche Gewalt oder Drogenkonsum der Eltern. Natürlich gebe es auch tolle Mütter und Väter und das Kind begeht trotzdem eine Straftat.
Was kriminelle Jugendliche eint: „Es geht immer um Selbstwert“, sagt Haid. „Mit einer Straftat versuchen sie, ihr Selbstwertgefühl aufzupolieren.“ Plötzlich erfahren die, die sich außenstehend fühlen, dass sie in der eigenen Gruppe wer sind. „Da werden sie gesehen.“
Täter bleiben bis zur Gerichtsverhandlung in der Jugendhilfeeinrichtung
In der Jugendhilfeeinrichtung bleiben die Täter bis zur Gerichtsverhandlung. Im Schnitt vier Monate, sagt Haid. In der Zeit werde geschaut, welche Ressourcen ein Jugendlicher habe und welche konkreten Hilfen er benötige. Ein Plan wird erstellt. Dazu kann es gehören, den Jugendlichen in einer betreuten Wohngruppe unterzubringen, weil es mit den Eltern zu Hause nicht klappt. Es wird gegebenenfalls eine Schule gesucht, die den Minderjährigen aufnimmt, oder ein Platz in einer Drogentherapie.
Die erforderlichen Hilfen in jedem Einzelfall zu benennen, ist Haid zufolge kein Problem. Sind sie auf den Weg gebracht, steigen die Chancen des Jugendlichen, mit einer Bewährungsstrafe davonzukommen. Problematisch sei, dass die benötigten Plätze belegt seien. Dann müsse jemand beispielsweise doch zurück in die Familie gehen. Oder statt ihn in einer Wohngruppe fern der gewohnten Umgebung unterzubringen, finde man nur in der Heimatstadt einen Platz. Dabei sei es gerade für Jugendliche schwer, „sich aus dem alten Setting zu lösen“. Die Gefahr, in alte Verhaltensmuster zurückzufallen, sei dann eben groß.
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