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Chirurgische Operationen auf See
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„Unterschätzt, wie krass es einen trifft“: Heilbronnerin über Schicksale auf Klinik-Schiff in Afrika

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Die Hilfsorganisation Mercy Ships operiert in Afrika Menschen in einem Krankenhaus, das sich auf einem Schiff befindet. Die Heilbronnerin Catrina Scholze hat einige Monate dort gearbeitet.


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Catrina Scholze macht auf einem Krankenhaus-Schiff in Sierra Leone in Westafrika berührende Erfahrungen. Das Schiff verfügt über Operationssäle und Ärzte nehmen dort Operationen vor. Die 29-jährige Heilbronnerin erzählt von einem sechsjährigen Jungen. „Er war blind, ist nur gekrabbelt, weil er orientierungslos war.“ Grund für die Blindheit sei Grauer Star gewesen. Der lässt sich gut behandeln. In Deutschland gilt die etwa halbstündige Operation als Routine.

In Sierra Leone dagegen, einem der ärmsten Länder der Welt, ist die medizinische Versorgung hoch problematisch, berichtet die gelernte Kinderkrankenpflegerin.

Catrina Scholze aus Heilbronn hilft auf Krankenhaus-Schiff in Afrika

Die Hilfsorganisation Mercy Ships nimmt den chirurgischen Eingriff auf dem schwimmenden Hospital vor. Der kleine Junge habe nach der OP das erste Mal das Gesicht seiner Mutter gesehen. Die Freude: unbeschreiblich. „Er hat geweint. Wir alle haben geweint“, erzählt Scholze. Der Kleine könne nun zur Schule gehen, Lesen und Schreiben lernen.

Das Krankenhaus-Schiff der Organisation Mercy Ships

Die Global Mercy, eines der Schiffe der Hilfsorganisation, ist 174 Meter lang, 28,6 Meter breit und 37.000 Tonnen schwer. Das Hospitalschiff bietet Platz für 200 Patienten. Die Crew besteht aus Ehrenamtlichen aus der ganzen Welt. Das Krankenhaus verfügt über sechs Operationssäle, ein Labor, eine Radiologie, Pharmazie, Räume zur ambulanten Behandlung sowie eine Zahn- und Augenklinik. Auf den verschiedenen Krankenstationen werden Kinder und Erwachsene versorgt. Nach Angaben von Catrina Scholze war das Schiff bereits mehrfach in Sierra Leone tätig. Bevor es für zehn Monate dort Station macht, würde die Hilfsorganisation das zum Beispiel bei örtlichen Ärzten bekannt machen. 

„Ich habe unterschätzt, wie krass es einen trifft“, sagt Scholze mit Blick auf die vielen Schicksale und Krankheitsgeschichten der Patienten. Drei Monate lang hat sie im Frühjahr 2024 ehrenamtlich auf dem Klinik-Schiff gearbeitet. Ihr Arbeitgeber, das SLK-Klinikum am Gesundbrunnen, stellte sie für diese Zeit frei. Es folgte ein zweiter Aufenthalt im Januar und Februar dieses Jahres von sechs Wochen auf dem Schiff, für den Scholze Sonderurlaub nahm. Ihr sei nach dem ersten Einsatz klar gewesen: „Ich werde, ich muss wiederkommen.“ Inzwischen hat die 29-Jährige ihren Job bei SLK gekündigt. Sie möchte erneut aufs Schiff.

Catrina Scholze aus Heilbronn erlebt auf Krankenhaus-Schiff in Afrika ergreifende Schicksale

„Es ist ein Privileg, hier in Deutschland geboren zu sein“, begründet sie ihre Tätigkeit in Sierra Leone. Ihre Fähigkeiten als Kinderkrankenschwester wolle sie nutzen, um etwas Gutes zu tun. Ihr Glaube, die Nächstenliebe, motiviere sie. Wenn die Heilbronnerin erzählt, sprüht sie. Erfüllt von dem, was sie in Sierra Leone erlebt hat. „Man fühlt sich selbst gesegnet.“

Viele Patienten, die aufs Schiff kommen, leiden nach Catrina Scholzes Angaben an einem Schilddrüsentumor, hervorgerufen durch Mangelernährung. Sie erinnert sich an eine Frau, deren Geschwulst am Hals fast so groß wie ein Handball gewesen sei. Ohne OP drohen Betroffene irgendwann zu ersticken.

Das Krankenhaus-Schiff der Hilfsorganisation Mercy Ships ankert überwiegend in Westafrika.
Das Krankenhaus-Schiff der Hilfsorganisation Mercy Ships ankert überwiegend in Westafrika.  Foto: privat

Es gebe entstellte Kinder. Mädchen und Jungen mit fehlgebildeten Beinen. „Die Kinder werden gemobbt und von ihren Familien versteckt. Sie haben keine Chance auf Bildung“, erzählt Scholze. Ein krankes oder behindertes Kind sei für Eltern entsetzlich. Kämen sie aufs Schiff, schauten sie einem nicht mal in die Augen. Sie schämten sich. Nach einiger Zeit aber verändert sich die Haltung.

Catrina Scholze aus Heilbronn: Alle Mitarbeiter auf dem Schiff haben die gleiche Vision

Auf dem Schiff, das zehn Monate lang in Sierra Leone vor Anker ging, arbeiten laut Scholze etwa 600 bis 1000 Mitarbeiter. „Alle haben die gleiche Vision. Es ist eine schöne Atmosphäre.“ Scholze empfindet eine tiefe Freude über ihre Arbeit. Die Erfahrung könne kein Geld der Welt aufwiegen.

Die Schiffe der Hilfsorganisation sind nach eigenen Angaben wie eine Kleinstadt: Außer dem medizinischen Fachpersonal arbeiten und leben Mechaniker, Köche, Lehrer, Kapitäne und andere an Bord. Untereinander wird oft Englisch gesprochen – für Scholze, deren Mutter Amerikanerin ist, kein Problem. Lokale Dolmetscher helfen bei der Verständigung mit Einheimischen.

Catrina Scholze mit einer kleinen Patientin, die am Mund operiert wurde.
Catrina Scholze mit einer kleinen Patientin, die am Mund operiert wurde.  Foto: Benjamin Thielman

Hilfe auf Krankenhaus-Schiff in Afrika: Zurück in Heilbronn fällt Catrina Scholze die Eingewöhnung schwer

Natürlich hat Scholze auch mal dienstfrei. Sie erkundet das Land. Sie sieht Korruption, Armut, Hoffnungslosigkeit. „Und trotzdem sind die Menschen oft glücklicher als wir.“ Sie trifft liebe, herzliche Menschen, sagt sie. Sie sieht schöne Landschaften, aber auch Brände – „sie verbrennen den Müll“ -, Smog. Sie habe sich außerdem die lokalen Krankenhäuser angeschaut. Ihr Fazit: „Schockierend.“

Nach dem ersten Mal zurück in Heilbronn fällt Scholze es schwer, sich wieder einzugewöhnen. „Mein Herz war noch dort.“ Der Aufenthalt auf dem Schiff habe sie verändert. Außerhalb von der schwimmenden Klinik gehe das Leid unvermindert weiter. „Aber für die, die auf dem Schiff behandelt wurden, konnten wir die Welt ein bisschen besser machen.“




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