Im Bereich der Kindertagesstätten gibt es seit Jahren einen dramatischen Fachkräftemangel. Laut der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sinkt der Anteil der Fachkräfte in frühkindlichen Bildungssystemen seit Jahren. Der Verband Bildung und Erziehung Baden-Württemberg (VBE) meldet, dass in Baden-Württemberg sechs von zehn Kitaleitungen berichten, dass die Lage sich in den vergangenen zwölf Monaten nochmals verschärft hat.
Böckinger Kita Schanz: Elternbeirat fordert bessere Bezahlung für Erzieher
Der Elternbeirat beklagt in einem offenen Brief die angespannte Personalsituation in der Kita Schanz in Heilbronn-Böckingen. Die Eltern fordern eine bessere Bezahlung für die Fachkräfte im Ganztagsbetrieb.
Die personelle Situation in der Kindertagesstätte Schanz im Heilbronner Stadtteil Böckingen habe den Eltern zuletzt unzumutbare Flexibilität abverlangt, so Vanessa Dietz, Vorsitzende des fünfköpfigen Elternbeirats. Die Einrichtung, die eigentlich von 7.30 bis 16.30 Uhr geöffnet hat, musste zuletzt ihre Öffnungszeiten um eineinhalb Stunden verkürzen und bereits um 15 Uhr die Pforten dicht machen. „Die Beiträge wurden zwar anteilig erstattet“, sagt Vanessa Dietz. Berufstätigen Eltern nutze das aber wenig, wenn ihre Kinder die Einrichtung früher verlassen müssen.
Zwei Gründe macht der Beirat für die Situation in der Kita verantwortlich. Zum einen könnte aufgrund der knappen personellen Besetzung das Fehlen erkrankter Erzieherinnen nicht ausgeglichen werden. „Wenn Erzieherinnen ausfallen, bricht alles zusammen“, sagt Vanessa Dietz im Gespräch mit unserer Zeitung. Derzeit befänden sich zwei Mitarbeiterinnen für einen längeren Zeitraum im Krankenstand. Damit fällt rund ein Fünftel der Gesamtarbeitszeit in der Kita aus.
Kita Schanz in Heilbronn-Böckingen: Stellenmarkt bei Erziehern ist seit Jahren angespannt
Laut Elternbeirat will der Träger, die Evangelische Kirche, eine weitere 100-Prozent-Stelle besetzen. „Ob wir Personal finden, das langfristig bleibt, steht in den Sternen“, so Vanessa Dietz. Denn der Stellenmarkt ist angespannt. Und für die Kitas im Ganztagsbetrieb sei die Suche noch schwerer als ohnehin. Weil die Kräfte dort nicht besser bezahlt würden, als diejenigen, die in einer Kita mit Öffnungszeiten von 7.30 bis 13.30 Uhr arbeiten. Obwohl im Ganztagsbetrieb Schichtdienste geleistet werden.
Das bestätigt auch Bianca Thoben, Kirchenpflegerin der evangelischen Kirchengemeinde Böckingen-Klingenberg. Von den sieben Einrichtungen der Kirchengemeinde sind drei im Ganztagsbetrieb, vier haben verlängerte Öffnungszeiten bis 13.30 Uhr. „In den Einrichtungen mit verlängerten Öffnungszeiten ist das Personal konstant.“ Eventuell frei werdende Stellen würden hier auch schnell wieder besetzt, so Bianca Thoben. „Im Ganztagsbetrieb ist das nicht der Fall.“ Hier sei die Fluktuation größer und die Suche nach Personal schwieriger.
Träger und Eltern sind sich einig: Eine Ganztagsstruktur bedeutet mehr Flexibilität und mehr Verantwortung für die Beschäftigten. Denn „die pädagogische Arbeit erstreckt sich über einen Zeitraum von mehr als zehn Stunden täglich“, sagt Vanessa Dietz. Das bedeute mehr Übergaben, komplexere Abläufe und höhere Anforderungen an Teamkommunikation, Struktur und pädagogische Präsenz.
Fachkräftemangel belastet Kita Schanz in Heilbronn-Böckingen: Elternbeirat fordert Zulagen oder Sonderboni im Ganztagsbetrieb
Dass nach den jüngsten Tarifverhandlungen Erzieher in die Stufe S 8b eingruppiert wurden, ist aus Sicht des Elternbeirats richtig. Der Elternbeirat fordert aber darüber hinaus eine weitergehende finanzielle Anerkennung für die Fachkräfte in Ganztagseinrichtungen. „Zum Beispiel durch die Einführung einer zusätzlichen Eingruppierungsstufe oder durch gezielte Zulagen oder regelmäßige Sonderboni für Einrichtungen mit überdurchschnittlicher Belastung.“
Eine bessere Vergütung für den Schichtbetrieb kann sich auch Bianca Thoben vorstellen. Für junge Mitarbeiter, die noch keine Kinder haben, könnte das ein interessanter Anreiz sein. Auf eigene Faust könne die Kirchengemeinde nicht mehr Geld auszahlen. „Wir sind tarifgebunden und werden vom Oberkirchenrat kontrolliert“, sagt Bianca Thoben.
Kirchenpflegerin: Nach den Sommerferien entspannt sich Situation
Die Kita Schanz hat jetzt erst einmal drei Wochen Sommerferien. Danach werde sich die Situation dort wieder entspannen, ist die Kirchenpflegerin sicher. Denn im September kehren die beiden 100-Prozent-Kräfte zurück. Eine neue Mitarbeiterin fängt ab November mit einer 40-Prozent-Stelle an. Darüber hinaus hat die evangelische Kirchengemeinde eine Mitarbeiterin für Randzeiten am Nachmittag und zusätzlich eine 50-prozentige Springkraft gefunden.
Bianca Thoben begrüßt zwar die Bemühungen der Jobcenter, Arbeitssuchende in eine Ausbildung als Erzieher zu lenken. „Aber nicht jeder ist geeignet“, sagt Bianca Thoben. Als Träger mehrere Kindertagesstätten habe sie mehrere Erzieher bereits in der Probezeit entlassen müssen.
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