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Expertin über Kita-Kinder in Heilbronn: Was tun, wenn Kinder Stühle werfen und schlagen

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Die Kündigungen der Kitaleitung in Bad Rappenau wirft ein Schlaglicht auf die Belastung von Erzieherinnen. Heilbronn unterstützt sie mit dem Projekt Pink und spart damit Geld. Eine Erfolgsgeschichte, die jetzt ausgebaut wird. 


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Zwei Kita-Leiterinnen kündigen in Bad Rappenau überraschend. Als „schwierig“ erlebte Kinder in der Kindertagesstätte Zimmerhof sollen einer der Gründe gewesen sein. Auch Heilbronner Kitas hatten bereits 2013 Alarm geschlagen, dass sie Unterstützung brauchen. Sie hatten Kinder außer Rand und Band, die mit Stühlen werfen, schreien, schubsen, Bücher aus Regalen reißen, Fliesen der Toilette ablecken wollen, sich in den Morgenkreis werfen. Dazu kam: Die Hilfekosten für Kinder, teils mit drohender, auch seelischer Behinderung, waren in die Höhe geschossen.

Pink war landesweit ein besonderes Projekt – Heilbronn investierte 570.000 Euro

Aus dieser Not heraus entstand das Projekt Pink (Projekt Inklusion in Kindertagesstätten). „Mit der Einführung landesweit ein besonderes Projekt“, sagt Achim Bocher, Leiter des Amts für Familie, Jugend und Senioren. Das Land Baden-Württemberg wolle nun aus Erfahrungen unter anderem mit diesem Projekt ein flächendeckenderes Angebot fördern. 570.000 Euro hat die Stadt Heilbronn 2025 in Pink investiert. Es rechne sich. Sonst kämen auf Familien ein höherer bürokratischer Aufwand und auf die Stadt weitere Kosten zu, so Bocher. 

Perspektivisch sollen alle 115 Heilbronner Kita-Standorte ins Boot

Vier Inklusionspädagogen kommen nun einmal die Woche an eine Kita in ihrer Zuständigkeit. Weil sich die Fallzahlen bei den integrativen Hilfen stabilisierten, baut die Stadt das Projekt weiter aus. Sind bislang 24 Kitas beteiligt, sollen perspektivisch alle 115 Heilbronner Kita-Standorte ins Boot. Das Problem: Inklusionspädagogen sind rar. „Sonst ginge es schneller“, hatte Sonja Fischer, Abteilungsleiterin für frühkindliche Bildung bei der Stadt jüngst gegenüber der Heilbronner Stimme gesagt.  

Franziskanerschwester Mirjam bei ihrer heilpädagogischen Arbeit in Heilbronn-Böckingen im Petrus Kindergarten.
Franziskanerschwester Mirjam bei ihrer heilpädagogischen Arbeit in Heilbronn-Böckingen im Petrus Kindergarten.  Foto: Lina Bihr

Pädagogin: Die Frage ist, sehe ich ein Kind als bösartig an oder sehe ich den Hilfeschrei

Eine der Inklusionspädagoginnen war sieben Jahre lang Schwester Mirjam. „Extreme Kinder legen ein Verhalten an den Tag, das bei Erzieherinnen besondere Kompetenzen erfordert, eine erweiterte Akzeptanz und ein sich kundig machen, wie sie damit umgehen können,“ sagt die Kinder- und Jugendpsychotherapeutin. „Die Frage ist, sehe ich ein Kind als ,bösartig’ an oder sehe ich den Hilfeschrei.“   

Personalmangel sei Realität an Kitas, die Erzieherinnen hätten den Blick von außen sehr geschätzt, wichtig sei, sich als Team zu beraten. Denn: Jedes Verhalten habe einen Sinn, auch Störverhalten. „Ich habe ein Kind erlebt, das Stühle und Bauklötze geworfen habt, andere ohrfeigte - ohne ersichtlichen Grund.“ Bis sie verstand, dass der Junge auf diese Weise versuchte, zu Seinesgleichen Kontakt aufzunehmen, weil er sprachlich dazu nicht in der Lage war. 

Ein anderes Kind, auch dieses mit „anderem kulturellem Hintergrund“, so die Heilpädagogin, sei als „schrecklich und grenzüberschreitend“ erlebt worden. Bücher und Spiele habe es aus den Regalen gerissen. „Wir haben genau hingeschaut und gesehen, dass es ein sehr reizoffenes, intelligentes Mädchen ist, das alles auf einmal will.“ Gemeinsam mit dem Jungen eine Spielrunde mit anderen Kindern zu moderieren und die Neugier des Mädchens zu stillen, waren erste Schritte. 

An fünf Fällen hat sich Ordensschwester „die Zähne ausgebissen“

Und: Die Eltern ins Boot zu holen. Wenn pädagogische Fachkräfte Mütter und Väter als „Helikoptereltern“ oder als desinteressiert ablehnen, wirke sich das sofort aufs Kind aus, sagt die Ordensschwester des Klosters Sießen. Bei dem willensstarken Mädchen, „ein herrliches Kind“,  musste sie behutsam der schwangeren Mutter vermitteln, wie wichtig es ist, Grenzen zu setzen, auch im Hinblick auf den späteren Schulbesuch.

Gerade Eltern mit Migrationshintergrund seien hochempfindlich, weil sie erlebt hätten, dass ihnen aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse oft Unvermögen unterstellt werde. Erfolgreich ist die Arbeit nicht immer. „An fünf Fällen habe ich mir die Zähne ausgebissen.“ 

Das Konzept der offenen Gruppen, das es auch an den städtischen Kitas in Heilbronn flächendeckend gibt, kritisiert sie. „Kinder, die extrem sind, brauchen ein engeres Gehaltenwerden. Der gleiche Raum, die gleiche Gruppe, die gleiche Bezugsperson: So fühlen sie sich sicherer. Ein Kind, das innerlich außer Rand und Band ist, lässt sich in so einem Rahmen besser einholen.“

Dass solche Probleme gehäuft auftreten, glaubt sie nicht. „Eher dass das Personal feinfühliger draufschaut.“ Wo mancher früher gesagt hätte, mangelnde Erziehung ist schuld, sei jetzt die Frage: ,Was ist mit diesem Kind? Wie können wir zurechtkommen?’ 




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