Studie sieht Heilbronn beim Einkommen ganz vorne – was das Ergebnis verzerrt
Eine Studie bescheinigt Heilbronn konkurrenzlose Kaufkraft. Zum Teil wurden die Ergebnisse euphorisch kommentiert. Sind Heilbronner besonders reich? Was wirklich in der Studie steht.
Neben Wollhausraser und Führerscheinbetrug sorgte zuletzt – zumindest mit Blick auf Heilbronn – vor allem eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) für Aufmerksamkeit: Laut dieser soll das preisbereinigte Pro-Kopf-Einkommen in Heilbronn 2023 nämlich bei 39.424 Euro gelegen haben und war demnach in jenem Jahr bundesweit am stärksten.
Zu diesem Ergebnis kam eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Amtliche Daten zum Einkommen haben sie um regionale Preisunterschiede bereinigt, heißt es im Kurzbericht der Studie. Christoph Schröder ist gemeinsam mit Jan Wendt Autor der Studie.
Preisbereinigtes Pro-Kopf-Einkommen 2023 in Heilbronn bundesweit am höchsten
In der Studie wurde das Einkommen der kreisfreien Städte und Landkreise auf alle darin wohnenden Personen heruntergerechnet. „Das verfügbare Einkommen, das Netto übrigbleibt“, erklärt Mitautor Christoph Schröder, „also auch auf die Kinder“. Dieses Pro-Kopf-Einkommen wurde wiederum mit den Lebenshaltungskosten zusammen in ein Ranking zum realen Einkommen verarbeitet. Gerade in Heilbronn wäre wohl eine Berechnung anhand eines Medians – eine statistische Größe, bei der Ausreißer nicht so stark ins Gewicht fallen – hilfreich gewesen, räumt Schröder ein. „Die haben wir aber leider nicht zur Verfügung, die Daten.“

Denn was sich in Heilbronn auf das Ergebnis besonders auswirkt, sind die Gewinnentnahmen der Gewerbe. Auch diese werden zu den Einkommen dazugezählt. In Heilbronn seien das etwa die Hälfte der Bruttoneinnahmen, in anderen Kreisen und kreisfreien Städten läge der Anteil bei ungefähr zehn Prozent.
Was die Ergebnisse auf Basis des Mittelwertes auch verzerren kann, sind Heilbronner mit außergewöhnlich hohen Einkommen, die den Durchschnitt nach oben treiben. Zahlen für 2023, auf die sich die Studie bezieht, liegen hier nicht vor. Werte des Statistischen Bundesamtes aus 2021 geben aber einen Anhaltspunkt: Einen Gesamtbetrag der Einkünfte von jeweils 500.000 bis unter 1.000.000 Euro hatten 119 steuerpflichtige Heilbronner, einen Gesamtbetrag von 1.000.000 Euro und mehr hatten 81 Steuerpflichtige. Insgesamt waren damals 66.258 Heilbronner steuerpflichtig.
Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft zu Kaufkraft: Heilbronn auf Platz eins
Neben Heilbronn stehen an der Spitze vor allem Landkreise. Das liege wahrscheinlich daran, dass die Reicheren, gut Verdienenden, eher in den Landkreisen wohnen, vermutet Schröder. Ein klassischer Fall sei Starnberg: „Die reichen Münchner haben ihre Villa am Starnberger See, um das platt zu sagen.“
Um eine hohe Kaufkraft zu erreichen, gebe es verschiedene Wege, etwa niedrige Lebenshaltungskosten oder hohe Einkommen. Anhand der Studie erkennt man, in welchen Gegenden es ein niedrigeres Wohlstandniveau gebe. Beispielsweise in Gelsenkirchen, Offenbach und Duisburg, die am Ende der Liste stehen.
Steffen Schoch von Heilbronn Marketing erkennt „starkes Signal“ in Kaufkraft-Studie
Laut Steffen Schoch, Geschäftsführer von Heilbronn Marketing, schafft die Studie für externe Zielgruppen auch bundesweit Sichtbarkeit. „Man wird positiv aufmerksam auf Heilbronn und die Dynamik, die gerade hier wie in kaum einer anderen Stadt in Deutschland so stattfindet“, erklärt Schoch auf Nachfrage. Das Ergebnis habe somit einen echten Marketingeffekt, kaum ein Medium in Deutschland habe nicht darüber berichtet. „Das IW-Ranking ist ein starkes Signal für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit Heilbronns.“
In einem Facebook-Beitrag schrieb der Geschäftsführer: „Doch dieser Spitzenplatz ist kein Zufall.“ Heilbronn steht demnach für enorme wirtschaftliche Dynamik, tiefgreifende Transformation vom Industriestandort zum Innovationshub, hohe Lebensqualität bei attraktiven Kostenstrukturen und enormes Potenzial als Zukunftsstadt in Deutschland.
Auf Nachfrage erklärt Schoch aber auch, dass das Ranking keinen Durchschnittwohlstand jedes einzelnen Bürgers abbilde und deshalb differenziert betrachtet werden sollte. Die Studie treffe keine Aussage über die Einkommensverteilung innerhalb der Stadt. Hohe Durchschnittswerte bedeuten demnach nicht, dass automatisch alle Einwohner gleichermaßen profitieren. Zudem werden unterschiedliche Lebenssituationen und individuelle Belastungen nicht abgebildet, ergänzt er. Die Platzierung Heilbronns deutet laut Schoch aber auch darauf hin, dass die Stadt wettbewerbsfähig und strukturell zukunftsfähig aufgestellt sei.
Daten hinter der Statistik des IW-Ranking zeigen Verfügbares Einkommen
Zwei Datensätze wurden in der Studie zusammengeführt, laut Kurzbericht ist das der aktuelle regionale Preisvergleich, den das IW mit dem Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) veröffentlicht hat. Und als zweiter Datensatz dienten die Verfügbaren Einkommen der insgesamt 400 Landkreise und kreisfreien Städte, die von den Statistischen Ämtern des Bundes und der Länder berechnet werden. In diesem Fall für das Jahr 2023. Die Berechnungen veröffentlichte der Arbeitskreis „Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen der Länder“, dem wiederum die Statistischen Landesämter, das Bundesamt und das Statistische Amt Wirtschaft und Befragungen der Landeshauptstadt Stuttgart angehören. Demnach lässt das Verfügbare Einkommen der privaten Haushalte Rückschlüsse auf die Kaufkraft der Regionen zu.
Dieser Einkommenswert schließt auch das Verfügbare Einkommen „privater Organisationen ohne Erwerbszweck“, also etwa Gewerkschaften, politische Parteien, Kirchen und Sportvereine, ein. Um zu dem Verfügbaren Einkommen zu gelangen werden unter anderem geldliche Sozialleistungen hinzugefügt, die private Haushalte vor allem seitens des Staates empfangen. Zudem werden Einkommens- und Vermögenssteuern und etwa Sozialbeiträge, die von privaten Haushalten zu leisten sind, abgezogen. Laut Definition des Arbeitskreises entspricht das Verfügbare Einkommen den Einkommen, die privaten Haushalten zufließen und die sie für „Konsum- und Sparzwecke“ verwenden können.
Wie viele Personen schlussendlich im Jahr Einkommen in welcher Höhe versteuert haben, lässt sich derzeit aber noch nicht sagen. Im Gegensatz zu den Berechnungen dauert die Lohn- und Einkommenssteuerstatistik länger. Die langen Fristen zur Abgabe der Steuererklärungen und die Bearbeitungsdauer führen zu einer erheblichen zeitlichen Verzögerung, wie es seitens des Statistischen Bundesamtes hieß.
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