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60 Jahre im Zeichen Europas
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Standing Ovations in Béziers – Heilbronns OB erlebt bewegenden Moment beim Städtepartnerschaftsbesuch

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Eine Delegation aus Heilbronn hat die südfranzösische Partnerstadt Béziers zum 60-jährigen Jubiläum besucht. Trotz Distanz und unterschiedlicher Politik zeigen beide Städte überraschend viele Parallelen.

Oberbürgermeister Harry Mergel (Mitte) mit seinen Stellvertretern Thomas Randecker (CDU) und Rainer Hinderer sowie Béziers Bürgermeister Robert Ménard.
Oberbürgermeister Harry Mergel (Mitte) mit seinen Stellvertretern Thomas Randecker (CDU) und Rainer Hinderer sowie Béziers Bürgermeister Robert Ménard.  Foto: Könnecke, Lisa

Seit 60 Jahren besteht die Städtepartnerschaft zwischen Béziers und Heilbronn – gegründet, um die beiden Städte nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg wieder zueinander zu führen und ein Zeichen für Europa zu setzen. Für beide Kommunen ist es die älteste offizielle Partnerschaft, die sie je geschlossen haben.

Auf den ersten Blick trennen Béziers und Heilbronn nicht nur rund 1000 Kilometer, sondern auch politische Kulturen. Doch beim genaueren Hinsehen zeigen sich erstaunlich viele Parallelen. In beiden Städten geht es um Themen wie Sauberkeit, Sicherheit und neue Arbeitsplätze.

Zukunftsprojekte mit Strahlkraft – Béziers und Heilbronn investieren in Wandel

Eine historische Stadtführung durch Béziers stand auch auf dem Programm.
Eine historische Stadtführung durch Béziers stand auch auf dem Programm.  Foto: Könnecke, Lisa

Während Béziers Bürgermeister Robert Ménard mit provokanten Kampagnen sowie einem bewaffneten und stark aufgerüsteten Ordnungsdienst Schlagzeilen machte, setzt Heilbronn auf mehr kommunalen Ordnungsdienst und zusätzliche Kameras am Marktplatz - in Béziers hängen flächendeckend hunderte davon. Auch wirtschaftlich ähneln sich die Wege: In der französischen Partnerstadt ruht die Hoffnung auf einer geplanten Wasserstofffabrik, die Tausende Arbeitsplätze schaffen soll. In Heilbronn entsteht mit dem Innovationspark Künstliche Intelligenz (Ipai) ein Zukunftsprojekt, das neue Technologien und Jobs bringen soll.

Darüber hinaus plant Béziers ein spektakuläres Langzeitprojekt: „Béziers Antique“. In den kommenden 30 Jahren soll südlich der Stadt ein antikes Béziers nachgebaut werden – mit Werkzeugen und Methoden aus der damaligen Zeit. Der Spatenstich ist für 2027 vorgesehen, 35 Handwerker sollen zunächst beschäftigt werden. Die Baustelle wird als Freiluftmuseum konzipiert, in dem Besucher den Fortschritt über Jahrzehnte hinweg beobachten können – auch als touristischer Impuls.

Delegationsreise stärkt Freundschaft mit Béziers

Anlässlich des Jubiläums reiste eine Heilbronner Delegation unter Leitung von Oberbürgermeister Harry Mergel sowie seinen Stellvertretern Thomas Randecker (CDU) und Rainer Hinderer (SPD) in die südfranzösische Partnerstadt. Ute Reichold und Susanne Hintze vom Verein Amicale Béziers, der unter anderem das Französische Wochenende in Heilbronn organisiert und das deutsch-französische Verhältnis auf kultureller Ebene stärkt, dolmetschten.

Auf dem Programm standen eine Stadtführung, der Besuch am Lycée Jean Moulin - der Partnerschule des Heilbronner Theodor-Heuss-Gymnasiums sowie unter anderem ein Treffen mit dem Bürgermeister Robert Ménard. Er gilt als rechtskonservativ. Ins Amt kam er mit Unterstützung des Front National, der heute Rassemblement National heißt. Parteimitglied war der Bürgermeister aber nie.

Standing Ovations für Heilbronns OB in Béziers

Heilbronns Delegation überreicht Bürgermeister Ménard ein Geschenk: Unter anderem ein Fotoalbum, das an die vergangenen 60 Jahre zurück erinnert.
Heilbronns Delegation überreicht Bürgermeister Ménard ein Geschenk: Unter anderem ein Fotoalbum, das an die vergangenen 60 Jahre zurück erinnert.  Foto: Könnecke, Lisa

In der anschließenden Stadtratssitzung wurde Mergels Rede von den französischen Gemeinderäten mit Standing Ovations gefeiert. In seiner Ansprache erinnerte der Heilbronner OB an die von Kriegen geprägte deutschfranzösische Geschichte. „Verständigung ist möglich. Vertrauen kann wachsen. Versöhnung und Frieden können gelingen“, sagte er.

Er wünsche sich, dass vor allem der Jugendaustausch weiter gestärkt werde. „Denn so tragen wir gemeinsam den europäischen Gedanken weiter - der heute vielleicht wichtiger ist denn je.“ Ein lebendiges Beispiel dafür, wie eine Partnerschaft auch nach Jahrzehnten funktioniere, sei der persönliche Austausch: etwa durch die Gaffenberg-Freizeiten auch mit Kindern aus Béziers, die Arbeit des Vereins Amicale Béziers oder den Schüleraustausch zwischen dem Theodor-Heuss-Gymnasium und dem Lycee Jean Moulin.

Zwei Bürgermeister, zwei Ansätze – aber gegenseitiger Respekt

Rund 500 Kameras hängen in Béziers verteilt.
Rund 500 Kameras hängen in Béziers verteilt.  Foto: Könnecke, Lisa

Für den persönlichen Austausch mit Béziers Bürgermeister Robert Ménard blieb zwar nur etwa eine halbe Stunde, doch auf beiden Seiten nutzte man die Zeit, um die aktuellen Entwicklungen in beiden Städten zu skizzieren. Von Heilbronn zeigte sich Ménard beeindruckt - vor allem von der Wirtschaftskraft und den Nachhaltigkeitszielen der Stadt.

Mergel wiederum lobte Ménards klare Linie, die ihm Akzeptanz in der Bevölkerung verschafft habe - betonte aber auch die Unterschiede in den rechtlichen Rahmenbedingungen. „500 Kameras in der Stadt verteilt - das wäre in Deutschland gar nicht möglich.“

Ménard will Partnerschaft mit Heilbronn politisch vertiefen

Dass die 60-jährige Partnerschaft keine Selbstverständlichkeit ist, zeigt das Beispiel Béziers: Ménard hat frühere Partnerschaften mit Städten beendet. Europa sei ihm aber wichtig und er schließe gern politische Partnerschaften – zuletzt mit Kibbuz in Israel oder mit dem ukrainischen Chetkiy.

Von links: Thomas Randecker (CDU), OB Harry Mergel und Rainer Hinderer (SPD).
Von links: Thomas Randecker (CDU), OB Harry Mergel und Rainer Hinderer (SPD).  Foto: Könnecke, Lisa

Im Gespräch mit  der Stimme in Béziers vor Ort sagte er: „Städtepartnerschaften haben viele Ebenen - wirtschaftlich, kulturell, sportlich und politisch.“ Künftig wolle er vor allem die politische Zusammenarbeit mit Heilbronn intensivieren, Konkrete Themen gebe es zwar noch nicht, aber man wolle schon bald Kontakt zum Rathaus aufnehmen. Als Beispiel nannte er den Vorschlag, dass Heilbronn ebenfalls eine Partnerschaft mit Chetkiy in der Ukraine eingehen könnte. 

Béziers setzt auf Sauberkeit, Sicherheit und Nachhaltigkeit

Während Ménard den Blick vor allem auf politische Kooperation richtete, beschrieb seine Stellvertreterin Elisabeth Pissarro die sichtbaren Veränderungen im Stadtbild. Pissarro, zuständig für Kultur und Städtepartnerschaften, erinnerte daran, dass Béziers früher schmutzig gewesen sei und viel Verunsicherung in der Bevölkerung geherrscht habe.

Inzwischen habe sich vieles verbessert: Fassaden wurden gereinigt, Gebäude saniert, Kameras installiert. Bis Jahresende soll der neue Bahnhof fertiggestellt sein, langfristig ist eine autofreie Innenstadt geplant.

Als ein weiteres Beispiel für positive Veränderungen hob Pissarro das Pferd Volcan hervor, das zweimal pro Woche Bioabfälle in der Innenstadt einsammelt. Volcan sei nicht nur Teil der städtischen Abfallwirtschaft, sondern auch ein Symbol für Nachhaltigkeit und Gemeinschaft – und bei Kindern äußerst beliebt.

Jugendaustausch stärkt Freundschaft zwischen Heilbronn und Béziers

Heilbronns OB mit Schülern des Lycée Jean Moulin.
Heilbronns OB mit Schülern des Lycée Jean Moulin.  Foto: Könnecke, Lisa

Wie sich der Wandel der Stadt auch auf die nächste Generation auswirkt, zeigte sich beim Besuch im Lycée Jean Moulin. Die Heilbronner Delegation zeigte sich beeindruckt von dem weitläufigen zehn Hektar großen Schulgelände, das manchen an den Bildungscampus in Heilbronn erinnerte.

Oberbürgermeister Mergel stellte den Schülern seine Stadt vor und verkündete die Nachricht, dass Heilbronn kürzlich mit dem European Green Capital Award ausgezeichnet wurde. Außerdem ließ er es sich nicht nehmen, mit den Jugendlichen eine Runde Fußball zu spielen. Er nahm aber auch neue Aufgaben mit nach Hause: Ein Schüler etwa erzählte ihm, dass er gerne am Austausch teilnehmen würde, aber wegen beengter Wohnverhältnisse keinen Gast aus Deutschland aufnehmen könne. Mergel will das Thema zurück in Heilbronn mit der Partnerschaftsbehörde besprechen – damit Kinder aus finanziell schwachen Familien nicht ausgeschlossen werden und unabhängig von ihrem Hintergrund am kulturellen Austausch teilhaben können.

Zum Abschluss des Besuchs wurde deutlich: Trotz unterschiedlicher Wege eint Heilbronn und Béziers der Wille, sich weiterzuentwickeln - und sich gegenseitig zu inspirieren und voneinander zu lernen. Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis dieser ungewöhnlich langen Partnerschaft.




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