Grundschule in Biberach: Inklusion stößt an ihre Grenzen
Wenn geistig- oder körperlich behinderte Kinder eine besondere Förderung brauchen, Mädchen und Jungen weitere Hilfe beim Lernen benötigen, können Eltern sie auf ein Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum (SBBZ) schicken - oder über Inklusion in eine Regelschule. Eine Grundschule schlägt nun Alarm.

Sabine Görmez bekennt sich zu Inklusion - also der Möglichkeit, dass alle Kinder, egal ob behindert oder nicht, zusammen unterrichtet werden. "Wir wollen alle Kinder fördern, absolut", sagt die Rektorin der Grundschule in Heilbronn-Biberach. "Aber wir wollen es gut machen." Bei Inklusion stößt die Grundschule an ihre Grenzen. Damit ist die Bildungsstätte im Stadtteil Biberach nicht allein, auch in anderen Grundschulen schrillen die Alarmglocken.
Sabine Görmez hält am Ziel fest, dass alle Kinder bei ihr unterrichtet werden können. Sie wünscht sich deshalb sogar, für Kinder mit einem sogenannten Förderbedarf an ihrer Grundschule eine weitere spezielle Außenklasse einrichten zu dürfen mit einem zuständigen Sonderpädagogen. Schon jetzt gibt es eine Außenklasse der privaten Stephen-Hawking-Schule, die den Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung hat. Positive Signale für die Biberacher Idee gibt es Seitens des Staatlichen Schulamts in Heilbronn.
"Eine Kooperative Organisationsform kann eine gute Lösung sein, um Schüler mit sonderpädagogischem Bildungsanspruch adäquat zu beschulen", so Amtsleiter Markus Wenz. Diese Schüler seien dann allerdings keine inklusiv beschulten Schüler mehr, "vielmehr sind sie Schüler des SBBZ, das die KOF trägt und mit Personal versorgt." Je nach Möglichkeiten vor Ort fänden gemeinsame Aktionen statt. Neben inklusivem Unterricht können Kinder, die spezielle Hilfe benötigen, auch an speziellen Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) unterrichtet werden.
Grundschulen kümmern sich um alle: So verschieden sind die Kinder in Heilbronn-Biberach
In Grundschulklassen treffen viele Kinder mit unterschiedlichen Voraussetzungen aufeinander. Flüchtlinge sind dabei, Kinder aus bildungsnahen Elternhäusern genauso wie aus bildungsfernen Familien. Hinzu kommen Kinder, die geistig behindert sind oder beim Lernen speziell gefördert werden müssen. Andere schaffen es nicht rechtzeitig auf die Toilette oder fallen wegen schlechter Aufmerksamkeit auf. Sabine Görmez zählt auf, um welche Bandbreite an Kindern sich ihre Kolleginnen und Kollegen kümmern müssen. Von fast 190 Kindern hätten 45 Besonderheiten, so die Rektorin. Bei zehn sei ein spezieller Förderbedarf nachgewiesen. Für jedes dieser Kinder mit Bescheid sollte eigentlich ein Sonderpädagoge für eine Stunde pro Woche zusätzlich in Biberach sein. "Mit einer Stunde kommt man nicht weit", weiß Sabine Görmez. Diese Lehrer kommen von den SBBZ in die Regelschulen.
An den SBBZ ist die Lage allerdings seit langem angespannt, es fehlt auch dort an Personal. An der Paul-Meyle-Schule in Heilbronn, die als Förderschule den Schwerpunkt Geistige Entwicklung hat, ist die Lage besonders dramatisch: Hier fällt Unterricht sogar aus. Die Biberacher Grundschulrektorin blickt auf ihre gemischten Klassen, um die sich ihre Kollegen kümmern. Dem gegenüber stünden die SBBZ, wo es immer nur einen Förderschwerpunkt gibt. "Unsere Grundschullehrer erfüllen den Auftrag eines Sonderschullehrers", sagt Sabine Görmez. Der Haken daran: "Uns fehlen die Rahmenbedingungen."
Inklusion: Rektorin spricht von "großem Leidensdruck" auf allen Seiten in der aktuellen Situation
Das wirkt sich auf alle aus. Lehrer seien frustriert, weil sie nicht allen Kindern gerecht würden. Kinder würden nicht richtig gefördert. Aktuell sei Inklusion mit einem "großen Leidensdruck" auf allen Seiten verbunden, so Sabine Görmez. Manche Kinder wechselten deshalb nach zwei Jahren von einer Regelschule an ein SBBZ, in Biberach verbunden mit längeren Busfahrten. Die Grundschule setzt sich deshalb für eine weitere Außenklasse ein, um weiterhin Vielfalt an der Schule zu haben und zugleich allen Kindern eine Bildungsgerechtigkeit zu ermöglichen, sagt die Rektorin.
Eltern begrüßen den Wunsch, denn für Inklusion in der aktuellen Situation fehlten Sonderpädagogen. "Die Kinder bekommen nicht das, was ihnen zusteht", sagt Viviane Kalisch, Vorsitzende des Heilbronner Gesamtelternbeirats und Biberacher Elternvertreterin. Eine Möglichkeit zu einer gezielteren Förderung kann zwar ein SBBZ sein. Nur: Eltern aus Biberach müssten abwägen, ob sie ihren Kindern die lange Busfahrt zutrauen oder sie im Wohnort zur Schule schicken wollen. Viviane Kalisch hofft auf die spezielle Außenklasse, auch um die Lehrer zu entlasten.
Klappt Inklusion an Regelschulen? Für Lehrergewerkschaft GEW hängt das von Qualitätsansprüchen ab
Ob Inklusion funktioniert, hängt für Harald Schröder von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) von den Qualitätsansprüchen ab. Wenn man beispielsweise für Kinder, die beim Lernen Hilfe benötigen, nur regelmäßigen Unterricht verlange mit unterschiedlichen Arbeitsmitteln, dann klappe Inklusion. Wenn man aber für diese Kinder in Regelklassen dieselbe Förderung wie an einem SBBZ erwarte, dann nicht. Die Stunden mit Sonderpädagogen würden nicht ausreichen, man brauche mindestens zehn pro Woche, sagt der GEW-Sprecher im Kreis Heilbronn.
Markus Wenz, der das Schulamt in Heilbronn leitet, gibt die Personalsituation offen zu. "Es ist bekannt, dass wir derzeit mit den vorhandenen Personalressourcen im Bereich der Sonderpädagogik sowohl die SBBZ als auch die Inklusion nicht in dem Maße versorgen können, wie wir das gerne tun würden." Die Schulverwaltung sei permanent bemüht, Lösungen zu finden, die die Arbeit der SBBZ und der allgemeinen Schulen mit Inklusion erleichtern, insbesondere durch Personalgewinnung, -verschiebung und -fortbildung.
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