Bei dem Forschungsprojekt an der Universität in Stuttgart wurden zwei begrünte Wände zwei Jahre lang untersucht. Beteiligt waren mehrere Institute, der Schwerpunkt lag auf Effekten der bepflanzten Fassaden für Tierwelt, Mensch und das Gebäude selbst. Die Forscher konnten für all diese Bereiche positive Effekte nachweisen: Insekten und Vögel besuchten die begrünten Wände, zudem nisteten vier unterschiedliche Vogelarten darin. Die Temperatur war deutlich kühler als die von benachbarten Fassaden, die Kühlleistung beziffern die Forscher auf sieben bis zehn Klimaanlagen. Außerdem schluckte die „Wilde Klimawand“ zwischen 90 und 100 Prozent des Schalls, der auf sie traf. Generell empfehlen die Forscher, den Standort einer begrünten Fassade vorab genau zu analysieren und die Bepflanzung auf die dort heimischen Insekten und Vögel abzustimmen. Aus dem Forschungsprojekt ist ein Praxisleitfaden entstanden, der hier abgerufen werden kann: https://tinyurl.com/4w68krmh
Grüne Fassaden: Warum es sie braucht und wo es sie in Heilbronn schon gibt
Mit begrünten Fassaden können Städte und Unternehmen einen Beitrag für den Klimaschutz leisten. Ein Architekt verrät, welche Fassaden sich eignen und wie sich die Nachfrage entwickelt hat.

ie sind inzwischen in fast allen Entwürfen von Architekten zu sehen: begrünte Fassaden. Besonders sichtbar ist das, wo so viel gebaut wird wie in Heilbronn. Die Erweiterung des Bildungscampus und der Innovationspark für Künstliche Intelligenz (Ipai) sollen entstehen. In den Plänen ist vorgesehen, dass viele Fassaden nicht nackt und kahl bleiben, sondern von Pflanzen bewachsen werden sollen.
Beim Ipai hat das Architekturbüro MVRDV aus Rotterdam eine ganze Häuserreihe geplant, an deren Fassaden Ranken emporklimmen sollen. Ebenso strotzen die Entwürfe der Bildungscampus-Erweiterung West vor üppigem Grün an den Außenwänden: kaum ein Gebäude ist zu sehen, das ohne Pflanzenbewuchs auskommt. Wie genau die Gebäude bewachsen sein werden, steht aber noch nicht fest, erklärt eine Sprecherin der Dieter-Schwarz-Stiftung: „Die aktuellen Visualisierungen geben einen ersten Eindruck, die finale Gestaltung wird aber noch konkretisiert.“ Die Begrünung solle dafür sorgen, dass sich das Campus-Gelände nicht zu stark aufheizt und die Aufenthaltsqualität verbessert wird.

Begrünte Fassaden in Heilbronn: Pflanzen-Wände sollen Hitze abmildern
Wie genau die Gebäude bewachsen sein werden, steht aber noch nicht fest, erklärt eine Sprecherin der Dieter-Schwarz-Stiftung: „Die aktuellen Visualisierungen geben einen ersten Eindruck, die finale Gestaltung wird aber noch konkretisiert.“ Die Begrünung solle dafür sorgen, dass sich das Campus-Gelände nicht zu stark aufheizt und die Aufenthaltsqualität verbessert wird.
Vereinzelte grüne Fassaden sind schon heute Realität. Am neu gebauten Ipai-Gebäude im Heilbronner Zukunftspark wachsen 10 000 Pflanzen in der Vertikalen. Die 400 Quadratmeter große Fassade wird vollautomatisch bewässert, falls vorhanden mit Regenwasser. Realisiert wurde die grüne Fassade von der niedersächsischen Firma Boymann. Ebenfalls grünt es im Neckarbogen: Dort wurde das Eckhaus „Grüne Ecke“ mit Gittern ausgestattet, an denen sich Kletterpflanzen hochranken.

Pflanzen als Feind der Fassade? Kornwestheimer Architekt widerspricht
Den Aufwind der Grünfassaden spürt auch Jonathan Müller. Der 35-Jährige ist Architekt und Geschäftsführer der Firma Helix Pflanzensysteme in Kornwestheim, die er gemeinsam mit seinem Vater führt. Angefangen hat alles mit einem klassischen Gartenbaubetrieb, inzwischen begrünt das Unternehmen Fassaden in ganz Deutschland. „Fassadenbegrünung ist gekommen, um zu bleiben“, sagt Müller. Im Studium habe er noch Sätze wie „Die Pflanze ist der natürliche Feind der Fassade“ gepredigt bekommen. Bei falscher Pflege stimmt das sogar, sagt Müller und lacht. „Der wilde Wein krabbelt überall hin.“
Über die Jahre habe sich das Bewusstsein aber komplett gewandelt. Vor allem Städte aber auch Unternehmen gehen laut dem 35-Jährigen voran und lassen nackte Fassaden zuwachsen. Das passiert nicht aus Selbstzweck oder nur aus ästhetischen Gründen, weiß Müller: „Begrünung bringt ganz viele Vorteile für das Stadtklima mit sich.“ Wenn eine Pflanzenwand vor der Fassade wächst, sorgt das für Schatten und das Gebäude bleibt kühl. „Das ist der messbarste Effekt“, sagt Müller. Schon öfter hat er diesen Effekt selbst gemessen und dafür eine begrünte Fassade mit einer unbewachsenen verglichen. Im Sommer seien schnell Temperaturunterschiede von 20 Grad möglich.

Stuttgarter Forschungsprojekt hat Grünfassaden ausgiebig untersucht
Außerdem können begrünte Fassaden ein Lebensraum oder eine Nahrungsquelle für Insekten und Vögel sein. Für diesen Zweck kann die Grünfassade mit Sensoren ausgerüstet werden, die heranfliegende Insekten zählen. Das sei besonders für Konzerne wichtig, die den Nutzen einer begrünten Fassade für ihre Nachhaltigkeitsberichte beziffern müssen, erklärt Müller. „Wir sind mittlerweile weiter als der Bienenkasten, der auf dem Firmengelände steht.“
Allerdings gibt es bei der Biodiversität einiges zu beachten, die Pflanzenarten an der Fassade müssen genau auf den jeweiligen Standort abgestimmt werden. Wie das aussehen muss, wurde zwei Jahre lang an der Universität Stuttgart erforscht. Bei zwei Projekten namens „BioDivFassade“ und „Die wilde Klimawand“ wurden Wände begrünt.
Helix Pflanzensysteme war dabei als Partner bei der Planung an Bord und lieferte die Pflanzen (zu den Erkenntnissen der Forscher siehe Infokasten). Die „BioDivFassade“ ist für Jonathan Müller rückblickend „die am schönsten gestaltete Wand, die wir bisher gebaut haben“. Bei anderen Projekten orientiere er sich bei der Ästhetik an dem Forschungsprojekt.

Vor allem bei Neubauten werden Fassaden begrünt – doch das ändert sich gerade
Aktuell bekommt das Unternehmen noch zwei Drittel der Aufträge im Neubau, in etwa einem Drittel der Fälle geht es um Bestandsgebäude. „Wir sollten unbedingt viel mehr Bestandsgebäude begrünen“, findet Müller. Denn grundsätzlich könne man jede Fassade begrünen, wenn sie genug Gewicht trägt und der Denkmalschutz mitspielt. „Nachhaltiges Bauen heißt heutzutage, den Bestand zu renovieren und umzugestalten.“
Je nach Gebäude komme entweder eine bodengebundene Begrünung in Frage, bei der die Pflanzen im Boden verwurzelt sind und sich an einer Gitter- oder Seilkonstruktion hochranken. Oder die Pflanzen wachsen direkt an der Wand, wie beim Ipai-Spaces-Gebäude im Heilbronner Zukunftspark. Welche Pflanzen dann an der Wand wachsen, entscheidet sich nach der Ausrichtung der Fassade. „Ich kann sowohl eine schattige Nordfassade als auch eine sonnige Südfassade begrünen.“
Manch ein Investor scheut die Kosten für das Pflegen grüner Fassaden
Und dann wäre da noch das Thema Pflege. Diese sei für eine begrünte Fassade unabdingbar, weiß Müller, Pflanzen bräuchten Wasser und Nährstoffe, müssen mal zurückgeschnitten oder vor Schädlingen geschützt werden. „Hier beginnt die gärtnerische Arbeit so richtig für uns.“ Ideal sei es, die Grünfassade mit einer Regenwasserzisterne zu verbinden, sonst schlägt der Wasserverbrauch der Pflanzen zu stark zu Buche.
Natürlich verursacht das Kosten. Es habe in der Vergangenheit durchaus Projekte gegeben, bei denen die geplante Wandbegrünung aus Kostengründen abgesagt wurde, etwa weil die Mieten zu hoch ausgefallen wären. Das sei jedoch die Ausnahme.
Generell beobachtet Müller einen deutlichen Zuwachs an grünen Fassaden, auch abseits einzelner Leuchtturmprojekte. „Eine befreundete Architektin hat mir gesagt: Wir müssen bei den Entwürfen grüne Fassaden zeigen, sonst müssen wir gar nicht mehr abgeben.“ Vieles werde erst in ein paar Jahren sichtbar, wenn die ganzen grün entworfenen Gebäude gebaut und zugewuchert sind. Wer ein Bauprojekt plant und sich unsicher ist, solle sich beraten lassen, rät Müller. In einigen Städten gibt es inzwischen außerdem Förderprojekte, die die Kosten für begrünte Fassaden übernehmen.
BUND Heilbronn-Franken: Mehr Werbung für Fassadenbegrünung nötig
Mehr grüne Fassaden, damit sich besonders Städte nicht so sehr aufheizen: Das fordert der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) seit langem. Doch warum dominieren vielerorts noch immer Fassaden aus Beton, Metall und Glas? Andrea Hohlweck, BUND-Regionalgeschäftsführerin in Heilbronn-Franken, sieht dafür mehrere Gründe. Viele Hausbesitzer würden noch mit Fassadenbegrünung fremdeln und wüssten nicht, wie sie es angehen sollen. Und: „Anders als in größeren Städten werben Garten-Fachbetriebe in unserer Region noch nicht offensiv mit dem Thema oder haben sich dafür noch nicht wirklich geöffnet“, findet Hohlweck.
Deshalb sei es wichtig, dass mehr begrünte Fassaden als Anschauungsobjekt entstehen und ein Umdenken stattfindet. Sinnvoll findet Hohlweck auch, dass manche Städte, darunter Karlsruhe und Pforzheim, Fassadenbegrünung in ihren Bebauungsplänen vorschreiben oder empfehlen. „Angesichts der immer früheren, immer längeren und immer heißeren Hitzewellen ist jeder gut beraten, Fassadengrün für sich bewusst zu nutzen“, findet die Regionalgeschäftsführerin. „Billiger und schöner wird es nicht gelingen, die Hitze draußen zu halten.“
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