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"Nerven liegen blank"
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Gewalt und schlechtes Benehmen in Arztpraxen? Was Mediziner aus dem Raum Heilbronn fordern

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Ärztevertreter wollen eine Gesetzesverschärfung, um Gewalt im Umgang mit Praxispersonal zu begegnen. Kommt die auch in der Region vor? Mediziner aus Heilbronn und Neckarsulm schildern ihre Erfahrungen.


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Gewalt in deutschen Arztpraxen nehme immer mehr zu, meint Andreas Gassen, der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung KBV. Er fordert von der Politik schärfere und schnelle Strafen, um dem besser zu begegnen.Wie groß das Problem in Zahlen ist, lässt sich nicht beziffern, denn statistisch erfasst wird es nicht.

„Wir haben keine Erkenntnisse darüber, in welchem Umfang tätliche Gewalt in den Praxen gegenüber dem Praxispersonal passiert“, heißt es auch von der Kassenärztlichen Vereinigung in Stuttgart KVBW.

Schlagzeilen machen immer wieder extreme Beispiele von Gewalt in Praxen. So wurde im April ein Psychiatrie-Arzt in Bayern von einem ehemaligen Patienten erstochen. Auch aus der Region Heilbronn gibt es einzelne Schilderungen von Ärzten, die angeben, Patienten hätten in ihrer Praxis herumgeschrien oder aus Wut gegen den Tresen getreten.

Gewalt in Praxen in Heilbronn? Ärztesprecher äußert sich

Der Heilbronner Ärztesprecher Martin Uellner sagt unserer Redaktion: „Ja, die Patienten werden fordernder, aber für Heilbronn ist mir keine Gewalt in Arztpraxen bekannt, die in den Bereich der Strafverfolgung fallen würde.“

In Notaufnahmen von Kliniken oder beim ärztlichen Notdienst sei die Situation eine andere, denn dort sei jeder der Überzeugung, dass bei ihm selbst der größte Behandlungsbedarf bestehe. Uellner sieht „im Moment noch keine Notwendigkeit“ für die von Gassen geforderte Strafgesetzverschärfung bei Gewalt in Arztpraxen.

Betreiber von Physiotherapie-Praxen: Forsches Auftreten hat zugenommen 

Volker Sutor, der in der Region mehrere Praxen für Physiotherapie betreibt, beobachtet in seinem Bereich: „Gewalt gibt es nicht, aber unangenehmes und forsches Auftreten hat zugenommen.“ Mancher Patient würde nur auf sich und seine Bedürfnisse schauen und könne nicht akzeptieren, wenn der schnelle Wunsch-Termin beim Wunsch-Therapeuten nicht möglich ist.

Gleichzeitig, so Sutor weiter, hätten manche Menschen mit der Pandemie ein Verständnis dafür entwickelt, dass einiges eben nicht mehr so schnell geht. „Der Personalmangel ist überall ein Thema.“

Patienten rufen wegen Nichtigkeiten in Arztpraxen an 

„Wir versuchen immer, für die Patienten Lösungen zu finden, das ist unser Job“, sagt der Neckarsulmer Hausarzt Tobias Neuwirth. Aber inzwischen werde nicht mehr alles von den Kassen bezahlt, physiotherapeutische Leistungen etwa seien zurückgefahren worden. „Darüber herrscht häufig Unverständnis.“

Neuwirth und sein Team setzen dem Kommunikation entgegen. „Wenn man erklärt, was das Problem ist und dass wir nichts dafür können, wirkt das meistens schon deeskalierend.“ Was für seine Praxis eine große Belastung ist, seien Anrufe wegen Nichtigkeiten. „Da rufen Leute an, die fragen, wann die Praxis offen hat oder ob ein bestimmter Arzt da ist oder sie wollen ihren Termin um eine halbe Stunde vorverlegen, weil ihnen das besser passt.“

Solche unnötige Beanspruchung führe dazu, dass „die Nerven bei allen blank liegen“, sagt Neuwirth: Patienten sind genervt, weil sie nicht durchkommen, die Mitarbeiterinnen, weil sie sich mit Nichtigkeiten befassen müssen. „Wir haben ein brutal hohes Telefonaufkommen und zwei Leute, die nur telefonieren. Sowas blockiert einfach unnötig Kapazitäten.“

Kassenärztliche Vereinigung fordert mehr Respekt in Arztpraxen

Der Egoismus in den Arztpraxen nehme zu, die eigenen Bedürfnisse würden in den Vordergrund gestellt, teilt die KVBW mit. Das müsse sich ändern: „Unsere Ärzte und Psychotherapeuten arbeiten am Limit der Belastbarkeit, um die Versorgung zu gewährleisten. Wir haben einen gravierenden Mangel an Ärztinnen und Ärzten und Medizinischen Fachangestellten.“

Man könne die Patienten und ihre Angehörigen nur auffordern, sich an die Prozesse in den Praxen anzupassen, „damit die Abläufe reibungslos funktionieren und die Versorgung damit gewährleistet bleibt“, heißt es weiter. „Den Vorschlag, die Strafnormen zu verschärfen, unterstützen wir. Wir sollten uns nur nicht dem Irrglauben hingeben, dass das Problem damit gelöst wird. Es ist vielmehr ein Umdenken erforderlich, dass Respekt in den Praxen einzuhalten ist.“ 




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