Stimme+
Entlassung aus Justizvollzugsanstalt
Zur Merkliste Lesezeichen setzen

Leben hinter Gittern: Wie eine Heilbronner Männer-WG auf den Neustart vorbereitet wird

   | 
Lesezeit  3 Min
Erfolgreich kopiert!

Straftäter bereiten sich in einer speziellen Wohngruppe im Heilbronner Gefängnis auf die Entlassung vor. So sieht ihr Leben aus.


Externer Inhalt

Dieser externe Inhalt wird von einem Drittanbieter bereit gestellt. Aufgrund einer möglichen Datenübermittlung wird dieser Inhalt nicht dargestellt. Mehr Informationen finden Sie hierzu in der Datenschutzerklärung.

„Ich sitze schon seit vielen Jahren“, sagt Klaus. Neun Jahre sind es inzwischen, um genau zu sein. Der 59-Jährige hatte mit Drogengeschäften im großen Stil zu tun, berichtet er. Welche Straftaten sonst noch dazukamen, damit rückt er nicht so recht heraus. Nirgends vergingen die Jahre schneller als in der Wohngruppe, sagt er. „Hier verfliegt die Zeit.“

Die Nachnamen der Insassen werden nicht veröffentlich, ihre Gesichter unkenntlich gemacht. Sie sollen später, wenn sie entlassen sind, keine Nachteile erfahren.

Wie eine Heilbronner Gefängnis-WG auf den Neustart vorbereitet wird: durch Spielsucht in den Knast

Da ist Thomas (24). Er kommt nach eigenen Angaben aus einer ganz normalen Familie. Er sei spielsüchtig - Sportwetten. Dafür brauchte er Geld. Als seine Eltern ihm den Geldhahn zudrehten, weil es nur für die Sucht draufging, besorgte er sich Geld auf illegalem Weg. Vor einem Jahr fuhr Thomas wegen Betrugs in den Bau ein. Im Herbst nächstes Jahr soll er entlassen werden. „Hier lerne ich eine gewisse Selbstständigkeit.“  Früher habe seine Mutter alles für ihn gemacht.

Die Wohngruppe innerhalb des Heilbronner Gefängnisses beim Mittagessen.
Die Wohngruppe innerhalb des Heilbronner Gefängnisses beim Mittagessen.  Foto: Heike Kinkopf

Und da ist Rafael (46). Er sei vor etwa zwei Monaten direkt aus der Untersuchungshaft in die Wohngruppe des Heilbronner Gefängnisses gekommen – verurteilt wegen Cannabis-Delikten, sagt er. Seine Entlassung ist in einem Jahr geplant. „Hier ist es super, man kann sich frei bewegen wie zu Hause.“

Heilbronner Männer-WG hinter Gittern: Zellentüren im Gefängnis stehen rund um die Uhr offen

Völlig frei bewegen können sich die Insassen der Justizvollzugsanstalt (JVA) in Heilbronn keineswegs. Verglichen mit den sonst üblichen Zellen ist ihre Abteilung jedoch etwas Besonderes. Elf Straftäter leben auf einem Stockwerk zusammen. Wie in einer WG. In diesem strukturierten Gemeinschaftsleben sollen sie soziale Kompetenzen entwickeln und lernen, was Eigenverantwortung ist.

Thomas ist Wohngruppensprecher im Heilbronner Gefängnis.
Thomas ist Wohngruppensprecher im Heilbronner Gefängnis.  Foto: Heike Kinkopf

Die Zugänge zum Gebäudetrakt sind verschlossen; die einzelnen Zellentüren aber stehen rund um die Uhr offen. Selbst nachts gibt es keine Schließzeiten. Wer nicht schlafen kann, kann im Flur auf und ab gehen. Der lange Gang ist kameraüberwacht. Freitagvormittags wird gemeinsam gekocht. Ein Teil der Bewohner steht in der Gemeinschaftsküche, die anderen arbeiten in der Gefängniswerkstatt. Heute stehen Chili con Carne und Tacos mit Hackfleischfüllung auf dem Speiseplan. Thomas schnippelt Paprika klein. Rafael rührt das Chili im Topf um.

Umzug in die Heilbronner Gefängnis-WG: Josef will das "als Sprungbrett nutzen"

Josef (25) steht mittendrin, geht anderen ein bisschen zur Hand und sagt. „Ich kann nicht kochen.“ Es sei aber  cool, etwas Neues zu lernen. Josef begreift die WG als Chance. Er will künftig ein straffreies Leben führen. „Für meine Tochter draußen. Sie ist das einzige, das mich antreibt.“  Der 25-Jährige ist nach eigenen Angaben vor etwa zweieinhalb Jahren verurteilt worden. Vor etwa vier Monaten sei er innerhalb des Gefängnisses in die WG gezogen. „Ich will das als Sprungbrett nutzen.“ Das erklärte Ziel dieser besonderen Einrichtung ist es, die Inhaftierten besser auf die Zeit des offenen Vollzugs und die Entlassung vorzubereiten.

Rafael hat Verwandtschaft in Spanien. Er half früher in deren Restaurant mit.
Rafael hat Verwandtschaft in Spanien. Er half früher in deren Restaurant mit.  Foto: Heike Kinkopf

Resozialisierung ist sowieso die Hauptaufgabe einer JVA. Dabei spielen umfassende psychologische Behandlungsprogramme eine wichtige Rolle, erklärt Stefanie Hörter, stellvertretende JVA-Leiterin und WG-Verantwortliche. Das Wohngruppenkonzept setzt darüber hinaus auf die Vermittlung grundlegender Werte und eines strukturierten Tagesablaufs.  Einige Insassen seien in Brennpunkten oder Heimen groß geworden, erklärt Marco Hofmann (48). In der WG lernten sie Kommunikation und Konfliktlösung. Hofman ist Justizvollzugsbeamter und so etwas wie die gute Seele der WG. Er ist jeden Tag von 8 bis gegen 17 Uhr dort eingesetzt. Er ist nah dran an den Häftlingen. 

In der Wohngruppe des Heilbronner Gefängnisses herrscht eine gute Atmosphäre.

In der Küche läuft alles nach Plan. Der lange Tisch im Flur ist gedeckt. Gleich kommen die übrigen WG-Bewohner in der Mittagspause aus den Werkstätten zum Essen nach oben.

In der WG sind einzelne Aktivitäten verpflichtend. Dazu gehört neben dem Kochen und dem Abwasch hinterher eine wöchentliche Gruppensitzung. Dort werden Probleme besprochen, Ideen für gemeinsame Freizeitaktivitäten entwickelt, der Essensplan für die nächsten Freitage besprochen. Ein Mal im Monat gehen zwei WG-Insassen mit dem Justizmitarbeiter Marco Hofmann die Zutaten fürs Freitagskochen einkaufen. Nur wer lebenslänglich hat oder wer abgeschoben werden könnte, darf nicht mit raus.

Klaus sitzt seit neun Jahren im Heilbronner Gefängnis und ist seit knapp zwei Jahren in der WG.
Klaus sitzt seit neun Jahren im Heilbronner Gefängnis und ist seit knapp zwei Jahren in der WG.  Foto: Heike Kinkopf

Die Psychologin Kitty Matthies (31) betreut die Wohngruppe und kümmert sich um weitere Gefängnisinsassen. Ihre Erfahrung: Wenn man das Setting, also die Umgebung, ein bisschen humaner macht, erleben sich auch die Insassen mehr von ihrer menschlichen Seite. In der WG entsteht ein Wir-Gefühl, das längst nicht alle vorher gekannt haben. In der WG herrscht eine entspannte Atmosphäre, ein gutes Klima. Das Miteinander unterscheidet sich von dem in den anderen Zellentrakten. Kitty Matthies erzählt von einem WG-Bewohner, der morgens um 5 Uhr zur Abschiebung abgeholt wurde. „Alle sind um fünf aufgestanden und haben sich per Handschlag von ihm verabschiedet.“

Wer in die WG einziehen darf, entscheiden die WG-Verantwortliche Stefanie Hörter, Marco Hofmann, Kitty Matthies und der Sozialdienst. Wer sich nicht an die Spielregeln hält, muss die Gruppe wieder verlassen, erklärt Hofmann. Beim Mittagessen scheinen alle zufrieden. „Gut gemacht“, sagt einer. Ihm schmeckt’s.

Klaus, der seit neun Jahren inhaftiert ist und seit 21 Monaten in der Wohngruppe lebt, beschreibt das WG-Leben in zwei Sätzen: „Es ist wie eine kleine Familie. Hier fühle ich mich nicht wie ein Häftling.“      




Kommentare öffnen
Nach oben  Nach oben