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Pläne der Kirche

Baufällig oder erhaltenswert? Debatte um Abriss des CVJM-Hauses in Heilbronn-Böckingen

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Im Heilbronner Gemeinderat zeichnet sich eine Mehrheit für die Pläne der evangelischen Kirche ab. Neubau von Diakonie und Kindergarten mit Tiefgarage soll Vorrang vor dem Erhalt des historischen Gebäudes und zweier Linden haben.


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Nachdem das Thema bislang ausschließlich hinter verschlossenen Türen diskutiert wurde, liegen die Fakten jetzt auf dem Tisch. Am Donnerstagnachmittag wurde die Vorlage 92/2026 für den Gemeinderat im Ratsinformationssystem der Stadt Heilbronn veröffentlicht. Unter dem typisch verwaltungshieroglyphisch verfassten Titel „Teilaufhebung der Erhaltungssatzung ,Alt-Böckingen’ VII“ verbirgt sich der geplante Abriss des historischen CVJM-Hauses und die Rodung zweier 100 Jahre alter Linden vor dem Gebäude.   

Kirche braucht für die Umsetzung ihrer Pläne den Gemeinderatsbeschluss

Zum Hintergrund: Die evangelische Kirchengemeinde Böckingen-Klingenberg möchte ihr Gelände an der Ludwigsburger Straße, Kappelstraße, Klingenberger Straße neu gestalten. Der zweigliedrige Petrus-Kindergarten sowie das Petrus-Gemeindehaus sollen abgerissen und durch einen größeren, viergliedrigen Kindergarten sowie eine Diakoniestation mit Tiefgarage ersetzt werden.

Das 1901 errichtete Gebäude ist durch die Erhaltungssatzung der Stadt Heilbronn für Alt-Böckingen jedoch besonders geschützt. Daher benötigt die Kirche einen Gemeinderatsbeschluss, um ihre Pläne in der gewünschten Weise umsetzen zu können.  

Die geplante Tiefgarage wird günstiger, wenn das Gebäude abgerissen wird

Im Antragstext für den Gemeinderat heißt es: „Um die geplante Tiefgarage mit Zufahrt von der Klingenberger Straße zu realisieren“, müssten CVJM-Haus und Bäume weichen. Dieser kausale Zusammenhang ist allerdings in Wahrheit eher ein monetärer. Denn in den ursprünglichen Plänen des zuständigen Architekturbüros Weinreich war kein Abriss und keine Rodung vorgesehen. „Das lag daran, dass die Verwaltung die Kirche nicht darüber informiert hatte, dass sie eine Aufhebung von der Erhaltungssatzung beantragen kann“, erklärt der CDU-Fraktionsvorsitzende Thomas Randecker. 

Idyllisch liegt es ja da im Schatten zweier Linden, das ehemalige CVJM-Haus in Böckingen. Einen Nutzen hat es aber offenbar nicht mehr.
Idyllisch liegt es ja da im Schatten zweier Linden, das ehemalige CVJM-Haus in Böckingen. Einen Nutzen hat es aber offenbar nicht mehr.  Foto: privat

Pfarrer Jochen Rexer hatte im aktuellen Gemeindebrief Nummer 19 erklärt, dass die „aufwändigen Planungen für die Tiefgarage mit Rücksicht auf die Erhaltung des ohnehin baufälligen Pfadfinderhauses die Kosten sprengten“.  Was unter „baufällig“ zu verstehen ist, wird unterschiedlich interpretiert.

Laut CDU sei eine Sanierung „unverhältnismäßig aufwändig“

Die Aedis AG für Planung, Restaurierung und  Denkmalpflege kommt in ihrem Gutachten vom Dezember 2025 zu dem Ergebnis: „Das Gebäude weist bei einem altersentsprechenden Gesamtzustand keine relevanten Schäden auf.“ Randecker spricht hingegen von einem „unverhältnismäßigen Aufwand“, um das Gebäude zu sanieren, für das die Kirche ohnehin keine Verwendung habe. „Das Gebäude ist für nichts mehr zu gebrauchen“, sagt Randecker. Ähnlich sieht es der Ur-Böckinger und SPD-Gemeinderat Herbert Tabler: „So wertvoll ist das Gebäude nicht.“

Natürlich wurden auch die Bäume begutachtet, das Grünflächenamt kam zu dem Ergebnis: „Der Zustand der Bäume kann als Alterungsphase mit guter Prognose bezeichnet werden.“ Sie hätten den Bau der Tiefgarage aber wohl selbst nach den ursprünglichen Plänen nicht überstanden. 

Im Antragstext wird als Ergebnis der nicht-öffentlichen Diskussion im Bau- und Umweltausschuss am vergangenen Dienstag (21. April) festgestellt, dass „bei einem Abbruch des Fachwerkhauses die Tiefgarage besonders kompakt und wirtschaftlich realisiert werden“ könne, was „aufgrund des engen Budgets von besonderer Bedeutung“ sei, ebenso wie die Errichtung zweier neuer Einrichtungen für die Pflege und die Kinderbetreuung. „Wir brauchen die Diakonie“, betont Tabler.

Kritik von Bürgern und Stimme-Lesern an den Abrissplänen

Nicht alle Böckinger sind allerdings mit dem Abriss einverstanden. „Haben Städteplaner oder Architekten nicht mehr Fantasie, um eine gute Lösung zu finden“, fragte Gabriele Schütz-Bader in einem Stimme-Leserbrief. Eine weitere Leserin (Name der Redaktion bekannt) verweist auf einen anderen Gesichtspunkt: Dass die grundsätzlich begrüßenswerte Erhaltungssatzung bei kleinen Veränderungen wie eines neuen Rollladens zwar konsequent angewendet, aber für Großprojekte schnell außer Kraft gesetzt werde. Sie wünscht sich eine Überarbeitung der 2009 verabschiedeten Satzung und eine Gleichbehandlung der Betroffenen. 

Von mehreren Seiten wurde kritisiert, dass das Thema bislang nicht öffentlich diskutiert worden sei, aber bereits am Donnerstag im Gemeinderat beschlossen werden soll. „Mir wurde sogar unterstellt, ich würde mich gegen den Diakonie-Neubau stellen. Das ist mitnichten der Fall. Mein Ziel war eine Debatte darüber anzuregen, ob für das Gebäude nicht eine andere Nutzung zu finden ist“, sagt der Grünen-Fraktionsvorsitzende Holger Kimmerle, der mit einer Pressemitteilung den Fall ins Licht der Öffentlichkeit gebracht hatte. 

Abgesehen von den Grünen wird der Gemeinderat den Abrissplänen der Kirche voraussichtlich zustimmen. 




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