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Angeklagter im Betrugsprozess mit Corona-Tests: Konnte dieses Übel nicht aufhalten

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Mehr als 1,7 Millionen Euro soll sich der 45 Jahre alte Angeklagte mit gefälschten Abrechnungen von Covid-19-Tests ergaunert haben. Am Donnerstag ging es im Heilbronner Landgericht vor allem um dessen psychischen Zustand. Verteidiger und Staatsanwalt hielten die Plädoyers.


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Die vorgeworfenen Taten hat der 45 Jahre alte Angeklagte bereits am ersten Prozesstag vergangene Woche eingeräumt. Demnach hat er zwischen Juni 2022 und März 2023 mehrere Corona-Testzentren im Landkreis Heilbronn betrieben und dabei frei erfundene Covid-19-Tests mit der Kassenärztlichen Vereinigung (KVBW) abgerechnet.

Millionenbetrug mit Corona-Testzentren im Landkreis Heilbronn: Angeklagter gesteht Taten

Der entstandene Schaden liegt bei mehr als 1,7 Millionen Euro. „Das ist ein herausstechend hoher Betrag“, sagte Staatsanwalt Philipp Rischert am Donnerstag in seinem Plädoyer vor dem Heilbronner Landgericht.

Mit auffallend gestylter Frisur und silberblau gemustertem Seidenhemd saß der 45-Jährige am zweiten Prozesstag nicht einfach nur auf der Anklagebank. Sämtlichen Zeugen stellte er Fragen. In seinem letzten Wort sprach er von einem psychischen Tsunami, der ihm seine Kernkompetenz geraubt habe: „Meinen Willen.“

Psychiatrischer Sachverständiger: Paradiesvogel ist eine gute Bezeichnung

„Er ist eine schillernde, spezielle Person“, sagte der psychiatrische Sachverständige Dr. Thomas Heinrich. Extrovertiert, exaltiert. „Paradiesvogel ist eine gute Beschreibung“, so der Psychiater. Zahlreiche psychiatrische Behandlungen hat der Angeklagte im Laufe seines Lebens bereits hinter sich gebracht. Entscheidend für den Prozess ist aber die Frage, ob der 45 Jahre alte Schauspieler, der auch als Model gearbeitet hat, im Tatzeitraum das Unrecht einsehen konnte und damit schuldfähig war.

So versuchte die 13. Große Strafkammer sich am zweiten Verhandlungstag ein Bild vom Sozialverhalten des Angeklagten zu verschaffen. Mehrere Zeugen beschrieben den extremen Lebenswandel des Angeklagten. Mit Geld habe er um sich geworfen. Vornehmlich für Autos, Markenbekleidung, Reisen und sogar für ein Haus in Brasilien. Sehr hohe Beträge habe er auch für den Sex mit männlichen Escorts ausgegeben. Der Angeklagte selbst gab an, mit 1500 Männern Sex gehabt zu haben.

Angeklagter hat sich in bezahlten männlichen Sexarbeiter verliebt

„Er war auf der Suche nach Liebe“, sagte eine der Zeuginnen. Dabei habe er jede Menge bezahlte Dates gehabt. Wenn es mit der Liebe nicht geklappt habe, sei er zum nächsten gegangen. Bis er auf einen bezahlten Sexarbeiter gestoßen sei, in den er sich offenbar über alle Maßen verliebt habe. „Er hätte alles für ihn gegeben“, sagte eine andere Zeugin. War die Beziehung gerade gut, sei er euphorisch gewesen. In einer Krise sei er am Boden zerstört gewesen.

Regelmäßige Sexorgien mit mehreren Männern habe er gehabt. In Wien, Paris, Frankfurt, Stuttgart oder Zürich. Dabei seien ihm auch Drogen eingeflößt worden, sagte er selbst. Mitunter hatte er offenbar Panikattacken, so mehrere Zeugen. Zumindest mussten ihn Freunde von dort offenbar regelmäßig abholen. Von seinen Sex-Eskapaden wussten alle. „Erinnerst du dich, dass ich gefesselt in deinem Schlafzimmerbett gelegen habe, als der Escort kam?“, fragte er einen ehemaligen Freund, den er zusammen mit dessen Ehefrau als Tester für sein Zentrum angestellt hatte.

Staatsanwalt fordert Freiheitsstrafe von drei Jahren und sechs Monaten

Innerhalb kürzester Zeit habe sich der Angeklagte seinen ganzen Körper tätowieren lassen. Und sei seinen Freunden gegenüber misstrauisch geworden. Habe sich von ihnen kontrolliert und ausgenutzt gefühlt, sagte eine Zeugin. Eine Persönlichkeitsstörung hat der psychiatrische Gutachter nicht festgestellt. Nicht ausschließen könne er, dass er über einen längeren Zeitraum unter einer Hypomanie gelitten hat und deshalb womöglich eingeschränkt schuldfähig gewesen sein könnte.

Für den Staatsanwalt galt in diesem Fall im Zweifel für den Angeklagten. Dennoch habe sich der 45-Jährige des besonders schweren Computerbetrugs schuldig gemacht, ohne den Schaden wieder gut machen zu können. Er forderte drei Jahre und sechs Monate Gefängnis. Verteidiger Michael Traub plädierte für eine Haftstrafe nicht über zwei Jahre, die zur Bewährung ausgesetzt werden solle. „Seine Existenz ist eigentlich ohnehin am Ende.“




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