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Liegt ein Busfahrer-Gehalt wirklich bei 4300 Euro? So kommt die Zahl zustande

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4300 Euro Bruttolohn für Busfahrer: Mit dieser Zahl lassen die Arbeitgeber im aktuellen Tarifstreit aufhorchen, auch Heilbronns Bürgermeister Martin Diepgen führt sie an. Wie die Zahl zustande kommt und warum sie die Gewerkschaft als "plakativ" bezeichnet.


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Manch einer hegt Zweifel an der Darstellung von Heilbronns Erstem Bürgermeister Martin Diepgen. Dieser sagte am Montag, der Brutto-Durchschnittsverdienst eines Omnibusfahrers liege mit allen Zulagen bei zirka 4300 Euro im Monat bei einer Arbeitszeit von aktuell 38 Stunden in der Woche.

Diese Auskunft war Teil seiner Antwort auf die Frage, wie man langfristig ausreichend Personal für den ÖPNV halten wolle, wenn Löhne, Arbeitszeiten und Belastung aus Sicht vieler Arbeitnehmer offenbar unattraktiv sind. Diepgen verwies darauf, dass Löhne und Arbeitszeiten branchenüblich seien und vergleichbar mit anderen Berufen mit Schichtarbeit.

4300 Euro im Monat? Wie sich ein Busfahrer-Gehalt zusammensetzt

Von diesen durchschnittlichen 4300 Euro ist bei den Tarifstreitigkeiten im ÖPNV derzeit immer wieder zu hören. Die Zahl stammt vom Kommunalen Arbeitgeberverband (KAV). „Das trifft auf jeden Fall zu“, sagt Sylvana Donath, Hauptgeschäftsführerin beim KAV Baden-Württemberg. Es sei sogar so, dass ein Busfahrer zum Teil noch deutlich mehr als 4300 pro Monat verdiene – abhängig von diversen Zuschlägen.

Um die Zahl zu berechnen, werde zum regulären Monatseinkommen noch ein 13. Gehalt als Weihnachtszuwendung addiert sowie Urlaubsgeld. Bei Busfahrern kämen dann noch hohe Schichtzulagen dazu, konkret eine Nahverkehrszulage von 150 Euro im Monat sowie eine Fahrdienstzulage von fünf Euro am Tag. Das entspreche etwa 110 Euro pro Monat, führt Donath aus.

Je nach Einsatz kann es noch Zeitzuschläge geben – für Nachtdienste, Samstage, Feiertage. Donath: „Die Zeitzuschläge können viel ausmachen, nach unserer Erfahrung nochmal etwa zehn Prozent.“

4300 Euro Gehalt für Busfahrer: Ist das realistisch?

Nach dem Bezirkstarifvertrag für die kommunalen Nahverkehrsbetriebe Baden-Württemberg sind Busfahrer in die sogenannte Entgeltgruppe F eingeteilt, die wiederum sechs verschiedene Stufen je nach Berufserfahrung kennt. Für die Berechnung zugrunde gelegt hat man laut KAV ein Monatseinkommen von 3860 Euro. Das ist das Gehalt, das ein Busfahrer mit der höchsten Stufe 6 mindestens bekommt. Es handle sich nach Rückmeldungen aus den kommunalen Unternehmen auch um einen Wert, der der Altersstruktur entspreche, erklärt Donath. „Man muss davon ausgehen, dass eine Vielzahl von Beschäftigen schon lange bei den jeweiligen Unternehmen sind.“

Man habe die Rückmeldung von zahlreichen Unternehmen bekommen, dass ihre Durchschnittsverdienst-Angabe „soweit passt“. Natürlich gebe es auch Busfahrer, die Stufe 4, 5 und 6 noch nicht erreicht hätten und entsprechend weniger verdienen. Bei Stufe 1 zum Beispiel müsste man laut Fahrdienst-Entgelttabelle von 3540 Euro Montagsgehalt ausgehen.

Busfahrer-Zulagen für Fahrdienst, Nahverkehr und Arbeitszeiten

„Unabhängig davon wäre der Durchschnittsverdienst auch aus dem Mittelwert der Entgeltgruppe F herleitbar“, erklärt Donath. Also 3700 Euro Monatseinkommen plus 150 Euro Nahverkehrszulage plus 110 Euro Fahrdienstzulage. Das entspricht 3960 pro Monat.

Rechne man auf dieser Basis auf den Jahresverdienst hoch – hier Multiplikation mit 13 wegen des 13. Gehalts zu Weihnachten – zuzüglich Urlaubsgeld in Höhe von 540 Euro, komme man auf 52.000 Euro. „Nimmt man diesen Jahresbetrag auf zwölf Monate heruntergerechnet, ergibt sich ein Durchschnittseinkommen von 4333 Euro.“ Bei dieser Durchschnittsberechnung seien die Zeitzuschläge noch nicht berücksichtigt.

Abschließend sagt KAV-Hauptgeschäftsführerin Sylvana Donath zu den von Martin Diepgen genannten 4300 Euro Durchschnittseinkommen eines Omnibusfahrers: „Es ist tatsächlich nicht aus der Welt, wenn man mit dieser Zahl operiert.“

Das sagt die Gewerkschaft Verdi zu den Zahlen: Unredlich und plakativ

"Angaben zu Durchschnitten sind in der Regel nicht aussagekräftig und führen bei den betroffenen Beschäftigten zu erheblicher Empörung", weist Jan Bleckert die Betonung dieser Zahl zurück. Der zuständige Landesfachbereichsleiter bei der Gewerkschaft Verdi betont: "Diese Empörung war bereits in den vergangenen Tarifauseinandersetzungen ein erheblicher Störfaktor in den Verhandlungen."

Laut Verdi liegt der Einstiegstabellenlohn aktuell bei 3539 Euro und nach 18 Jahren Betriebszugehörigkeit bei 3859  Euro - diesen Wert, beziehungsweise minimal abweichend 3860 Euro, legen auch die Arbeitgeber ihrer Berechnung zugrunde. Weiter teilt Verdi mit, die Beschäftigten erhielten als Vollzeitkräfte noch eine Nahverkehrszulage von 150 Euro. "Die anderen Zulagen und Zuschläge sind in der Regel variabel und kein fester, planbarer Entgeltbestandteil", schränkt Verdi-Fachbereichsleiter Bleckert ein. "Insofern ist es nicht redlich hier mit Durchschnittswerten plakativ zu arbeiten."

Wann Busfahrer die Stufe 6 im Tarifverstrag erreichen

Stufe 6 erreicht man laut den entsprechenden Regelungen allerdings erst nach 17 Dienstjahren. Das ist laut KAV aber differenziert zu sehen: „Wird jemand als Azubi in ein Arbeitsverhältnis übernommen, erreicht man die Stufe 6 nach 16 Jahren. Zum Teil wird auch in Stufe 2 eingestellt, dann erreicht man Stufe 6 nach 14 Jahren“, erklärt Donath.

Ein Busfahrer aus Heilbronn berichtet: „Früher war es mal so, dass man alle zwei Jahre in die nächste Stufe kam.“ Er möchte namentlich ungenannt bleiben. „Das hat man aber geändert, weil man sparen wollte“, sagt er. Außerdem könnten Vorgesetzte den Sprung in die nächste Stufe blockieren – aber auch beschleunigen. Natürlich seien Zeitzuschläge attraktiv, so der Angestellte der städtischen Verkehrsbetriebe. Für ihn persönlich sei es aber wichtiger, zu später Stunde zu Hause zu sein statt nachts zu arbeiten.




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