Früher arbeitete Walter Klement bei seinen Herren ohne Termin. Fürs Warten gab es ein Freibier, das zweite dann zum Einkaufspreis. „So manch einer hat dann welche vorgelassen und später seiner Frau gesagt, er musste so lange warten“, erzählt der Friseur grinsend. Im Aufenthaltsraum trafen sich die Männer zum Binokel. Einer bekam seine Frisur, der Rest hat Karten gekloppt. „Das waren schöne Zeiten.“ Heute habe keiner mehr Zeit für sowas und die Männer wollen auch keine Zeitschriften mehr. „Die haben alle ihr Handy dabei.“
50 Jahre Figaro Klement – Friseursalon in Böckingen feiert Jubiläum
Walter Klement führt seinen Salon in Heilbronn-Böckingen seit 50 Jahren. Er liebt das Handwerk, denkt nicht ans Aufhören – und sucht Unterstützung, besonders fürs Seniorenheim.
Ein bisschen tritt man in eine andere Welt ein, in die Vergangenheit. In Zeiten, in denen Friseursalons Namen mit lustigen Wortspielen wie „Hairlich“ tragen, wirkt Figaro Klement in Böckingen ein bisschen aus der Zeit gefallen. In Regalen können die Kunden altes Handwerkszeug bewundern, der Salon selbst ist in einen Männer- und einen Frauenbereich unterteilt. Am 15. Juli vor 50 Jahren eröffnete Walter Klement sein Geschäft. Der 74-Jährige denkt nicht ans Aufhören, sucht aber dringend Unterstützung.
50 Jahre Salon Klement in Heilbronn-Böckingen
In fünf Jahrzehnten hat sich viel verändert. „Früher ist man vor jedem Fest zum Friseur gegangen, heute machen das manche nicht mal mehr für eine Hochzeit“, stellt Jutta Klement fest, selbst Friseurmeisterin und seit gut zehn Jahren bei ihrem Mann im Salon für die Frauen zuständig.

Und im Seniorenheim, denn da haben die Klements auch eine Filiale. Früher hat man sich zum Haarewaschen auch noch nach vorne ins Becken gebeugt, das gibt es nicht mehr. „Wobei ich mir schon überlegt habe, wieder eins einzubauen, denn gerade ältere Menschen haben oft Probleme damit, sich nach hinten zu lehnen“, stellt Walter Klement fest.
Böckinger Friseur feiert Jubiläum – und sucht dringend Verstärkung
Seine Ausbildung hat der aus Wüstenrot-Busch stammende junge Mann bei Friseur Kern auf der Allee gemacht, damals quasi der Promifriseur der Käthchenstadt. Von da aus ging es nach Öhringen, wo er seine Frau kennenlernte. „Ich war 14 und dachte, der hat meine Größe und heute hab ich ihn immer noch“, meint die 71-Jährige schmunzelnd. Über Umwege landete er in Böckingen – nach der Großstadt erstmal ein Schock. „Es war, als wäre ich auf dem Land, lauter Bauernhöfe und Misthaufen“, erzählt er und lacht.
Nach kurzer Zeit in einem anderen Salon bot sich die Übernahme des Geschäfts an der Großgartacher Straße an. „Ich hatte meinen Meister noch nicht fertig, aber mit Sondergenehmigung der Handwerkskammer ging es und als meine Frau einstieg, durften wir auch ausbilden.“ Die hatte immer noch ihren eigenen Salon, erst bei den Amerikanern, dann in Sinsheim-Reihen.
50 Jahre Friseur Klement: Ein Rückblick
In manchen Dingen war Walter Klement ein absoluter Vorreiter. Auf einem alten Schwarz-Weiß-Bild ist zu sehen, dass er früh anfing, seinen Abfall nach Plastik, Metall, Haaren und Rest zu trennen. Wiederauffüllbare Flaschen stehen obendrüber. „Ich war umweltbewusst, aber es hat auch Geld gespart, weil ich ja nicht mehr so viel Müll hatte.“
Die Haare brachten sie zum Schlachthof, wo eine Firma daraus wie auch aus Schweineborsten Düngemittel herstellte. „Und wenn ich den falschen Deckel angehoben habe, haben mich tausende Schweineaugen angeschaut“, schüttelt sich Jutta Klement noch heute. Später nahm dann ein Bauer manchen Sack ab, und der Friseur selber vermischte die Haare mit der Erde in seinem Garten. „Nach einem Jahr war das perfekte Erde.“
Absolut modern auch: Die beiden Kinder des Paares wuchsen bei Papa im Salon im Laufstall auf. „Da sagte er dann schon mal zu den Kunden, einen Moment, ich muss Windeln wechseln“, erzählt seine Frau stolz. Manches ist vergangen. Toupets sind quasi kein Thema mehr, dafür kommen die Männer wieder zur Nassrasur mit Wellnessgefühl. Vieles kommt eben auch wieder, bei der Mode wie bei den Friseuren. Am Anfang hatte Walter Klement drei Festangestellte, ein bis zwei Lehrlinge und bis zu drei Aushilfen. Heute sind sie zu Zweit und ein Kollege hilft. Da könnte gern noch jemand dazukommen, speziell fürs Seniorenheim.
Walter Klement denkt nicht ans Aufhören
Ans Aufhören denken sie nicht, trotz seinem Long Covid, das ihm das Atmen manchmal erschwert. „Was soll ich denn den ganzen Tag daheim?“, fragt er kopfschüttelnd. Nur Garten, Theaterspielen in Bad Wimpfen und die Enkel, das ist ihnen zu wenig. Und seine Kundschaft, die schätzt den Figaro teilweise seit 50 Jahren, dafür ist er mehr als dankbar.
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