Wal Jonas war doch in Heilbronn: Ausstellung 1962 auf dem ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Platz
Zeitzeugen erinnern sich heute noch an den penetranten Geruch, der von dem kolossalen Tier ausging. In Stebbach wäre Jonas beinahe in der Ortsmitte steckengeblieben.
Während das Drama um Wal Timmy in der Ostsee offenbar auf die Zielgeraden geht, hat in der Region die Geschichte über den Wal Jonas viele Reaktionen hervorgerufen. Nachdem zunächst nur die Ausstellung des riesigen Tieres 1963 in Öhringen belegt werden konnte, ist es inzwischen gelungen, auch einen Nachweis für den Jonas-Besuch in Heilbronn zu finden.
„Rollender Riesen-Walfisch Jonas kommt“, schrieb die Heilbronner Stimme am 17. Mai 1962. Von Donnerstag, 17. Mai, bis Sonntag, 20. Mai, war die Ausstellung täglich von 10 bis 22 Uhr auf dem Kaiser-Wilhelm-Platz, dem heutigen Friedensplatz, zu sehen. Wie schon die Hohenloher Zeitung in Öhringen verzichtete auch die Stimme auf einen Nachbericht. Damals war es journalistischer Usus zu einer Veranstaltung entweder einen Vor- oder einen Nachbericht zu schreiben.
Die Erinnerungen der Zeitzeugen sind teils trügerisch
„Ich kann mich noch gut an den Besuch des riesigen Tieres erinnern und vor allem auch an den penetranten Geruch, der das gesamte Gelände umwehte“, erinnert sich der damals 13-jährige Heilbronner Axel Sproesser. Der Heilbronnerin Rita Kärcher ist der Besuch ebenfalls noch gegenwärtig: „Ich war als Kind auch dort und bin durch den Wal gelaufen. Es war ein wunderbares Erlebnis.“
An dieser Stelle trügt die Erinnerung aber höchstwahrscheinlich bereits. Obwohl auch die Heilbronnerin Rita Nürk überzeugt ist, „von vorne bis hinten durch den Wal gelaufen zu sein“, kann das eigentlich nicht den Tatsachen entsprechen. Lediglich ins aufgestemmte Maul des 58 Tonnen schweren Kolosses durften sich die Besucher stellen, um sich darin fotografieren zu lassen.
Parallel zu Jonas tourten noch andere Walausstellungen durch Europa und die USA
Der Walforscher Alfred Schmidt gibt seit 1999 zwei Mal im Jahr die Zeitschrift „Fluke“ heraus. Eine Sonderausgabe aus dem Jahr 2016 widmet sich „Walschaustellungen“. In Zusammenarbeit mit einem niederländischen und einem norwegischen Kollegen hat der Emdener unter anderem die Geschichte von Jonas detailliert nachgezeichnet. Bei der Lektüre wird deutlich, dass Jonas kein Alleinstellungsmerkmal besaß. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts waren neun Finnwale parallel auf Tour. Neben Jonas waren in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts auch Mrs. Haroy und Goliath unterwegs.
„Ich habe sowas vorher niemals getan, und beabsichtige, sowas niemals wieder zutun“, wird in der „Fluke“ Louis Armstrong zitiert, nachdem der US-amerikanische Jazzmusiker im Jahr 1954 in New York seinen Song „Jonah and the Whale“ im Maul von Mrs. Haroy gesungen hatte. Trotz zunehmender Kritik an Freakshows, Flohzirkussen oder Völkerschauen „brach in dieser Zeit für das Walschaustellungsgewerbe ein neues goldenes Zeitalter an“, ist in der „Fluke“ zu lesen. Die Ausstellungen bekamen einen pseudo-wissenschaftlichen Anstrich, tatsächlich ging es den Veranstaltern rein um den Profit. Teilweise wurde zu Reklamezwecken sogar Walfleisch verköstigt und die Bedeutung des Walfangs betont.
Während Mrs. Haroy ab Mitte der 50er Jahre in den Vereinigten Staaten tourte, war Jonas in Europa unterwegs. Nach sechs Monaten drohte der Wal aber bereits „den Weg allen Fleisches zu gehen“ und musste in Rotterdam „operiert“ werden. „Die aufgeblasenen Lungen und die Schwimmkörper, die man in den Kadaver gestopft hatte, um diesen am Kollabieren zu hindern, wurden zusammen mit vielen Tonnen Blubber und Fleisch entfernt“, heißt es in der „Fluke“. Die Konservierungsmaßnahmen erfolgten selbstredend ebenfalls medienwirksam.
Aus Kostengründen blieb das Kühlsystem im Inneren des Wals meistens ausgeschaltet
Dadurch, dass Jonas auf einem Sattelschlepper durch die Lande gekarrt wurde, war er nicht auf Städte mit Flussanbindung oder Zugverkehr beschränkt. „Die einzigen Dinge, die Jonas nun möglicherweisenoch aufhalten konnten, waren enge Straßen, schwache Brücken sowie die Gesundheits- undGewerbeämter“, ist in der „Fluke“ zu lesen.
An eine dieser Problematiken hat Dittmar Schuster noch eine lebhafte Erinnerung. 1962 war er als Steppke bei seinen Großeltern in Stebbach zu Besuch, als Jonas durch den Ort manövriert wurde. „Plötzlich war ein überlauter LKW-Motor vor dem Haus zu hören und der Riesentransporter mit dem Wal stand in der Straßenmitte, Männer gestikulierten wie der LKW wohl um die 90 Grad-Kurve Richtung Schule fahren könnte. Es dauerte dann doch etliche Minuten bis die Weiterfahrt Richtung Eppingen klappte“, erinnert sich der Schwaigerner. Und was dem jungen Dittmar ebenfalls nicht entgangen ist: „Der wirklich penetrante Gestank.“
Dass Jonas trotz seines integrierten Kühlsystems selbst bei moderaten Außentemperaturen „irgendwie tranig“ roch, wie es der Heilbronner Axel Sproesser beschreibt, hatte einen simplen Grund. Das System wurde aus Kostengründen nur eingeschaltet, wenn Jonas schon zum Himmel stank.
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