Vorgänger von Timmy: Wie der Wal Jonas einst die Öhringer fasziniert hat

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Ein präparierter Finnwal tourte zwei Jahrzehnte durch Europa und machte 1963 auch in Hohenlohe Station. Im Maul des riesigen Tiers konnte man sich fotografieren lassen. 

Auf dem Bild ist der Finnwal Jonas in der schwedischen Region Skane zu sehen. In Paris sollen mal an einem Tag 55.000 Besucher gekommen sein, um das Tier zu sehen.
Auf dem Bild ist der Finnwal Jonas in der schwedischen Region Skane zu sehen. In Paris sollen mal an einem Tag 55.000 Besucher gekommen sein, um das Tier zu sehen.  Foto: imago-images

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Seit nunmehr sieben Wochen erregt der Buckelwal Timmy hierzulande die Gemüter. Seit seiner Sichtung am 3. März vor Wismar nehmen Millionen Menschen Anteil an seinem Schicksal. Ein Artgenosse Timmys war vor rund sechs Jahrzehnten sogar europaweit eine Sensation. Der Finnwal Jonas tourte fast 20 Jahre über den Kontinent und unternahm sogar Abstecher nach Japan und Ägypten. 

Im Vorfeld der Ausstellung in Öhringen erzählt der Wal von sich selbst 

Dabei besuchte Jonas am Dienstag, den 20. August 1963 die Stadt Öhringen (Hohenlohekreis). „Der Riesen-Walfisch Jonas schon bekannt wie ein Filmstar der Weltklasse kommt jetzt auch an das Ufer der Ohrn“, schrieb die Hohenloher Zeitung am 17. August begeistert. Zwei Tage später kam das Tier unter dem Titel „Wer den Wal hat, hat die Qual“ selbst zu Wort: „Glaubt mir, ihr lieben Leute, auch ich habe es nicht leicht.“

In dem Text berichtet der 58-Tonnen-Koloss aus der Ich-Perspektive von seinen Reisen. In Kairo hätten „wal-lüsterne Leute ein paar Schnitzel aus seinem Rücken schneiden wollen“. Zwischen Rom und Neapel drohte ihm die Sprengung, da er in einer schmalen Bergstraße steckenblieben war. In Wien veranlasste Bürgermeister Franz Josef Jonas, dass der Wal aufgrund der Namensgleichheit als Jonathan auftreten musste. 

Wal in Öhringen: Geschäftstüchtiges Trio hatte Tour von langer Hand geplant 

Im Gegensatz zu Timmy kam Jonas allerdings erst nach seinem stillen Ableben zu Ruhm und Geltung. Seine Karriere post mortem war allerdings von langer Hand geplant. Ein norwegischer Reeder, ein niederländischer Spediteur und ein Schweizer Theateragent witterten ein großes Geschäft.

Im Jahr 1952 wurde Jonas vor der Küste Trondheims harpuniert - das verbogene 160 Kilo schwere Todeswerkzeug wurde später samt Jonas ausgestellt - und anschließend in Norwegen mit 7000 Litern Formalin präpariert, um ihn haltbar zu machen. Auf einem speziell konstruierten 24 Meter langen Sattelschlepper - dem damals angeblich längsten der Welt - wurde Jonas anschließend nach Rotterdam und dann durch die Welt gekarrt.  

Wal wurde bereits Tage zuvor reißerisch angekündigt – Tier auch in Heilbronn?

Überall wo er hinkam, wurde das Tier vollmundig angepriesen, denn bereits Tage vor seiner Ankunft sorgte ein mitreisender Werbefachmann dafür, dass Plakate aufgehängt und die örtlichen Medien informiert wurden. Mit Slogans wie „Tier so schwer wie 1000 Menschen“, „Zunge wog 6000 Kilo“, „Herz von 500 Kilo pumpte 100.000 Liter Blut in der Minute“ wurde die Attraktion marktschreierisch angekündigt. 

„Als Kind war ich mit meinen Eltern dort und es war für mich ein ganz besonderes Erlebnis“, erinnert sich Rita Nürk, die allerdings sicher ist, den Wal auf dem Busbahnhof in der Karlsstraße in Heilbronn gesehen zu haben. Ob Jonas auch in der Käthchenstadt zu Besuch war, ließ sich bislang noch nicht verifizieren. „Man konnte sogar von vorne bis hinten durch ihn durchlaufen“, berichtet die Heilbronnerin, die in Weinsberg aufgewachsen ist. Tatsächlich war das Maul des Wals mit Stahlträgern aufgestemmt worden, so dass man sich darin fotografieren lassen konnte. Laut eines Berichts des „Weser-Kuriers“ fand 1954 in Jonas Maul sogar eine Skatrunde samt Tisch und Stühle Platz. 

Wal-Schau: In der DDR gab es ein Jonas-Pendant namens Goliath 

Im Grunde war Jonas nur noch eine leere Hülle, denn seine Eingeweide und Organe waren bei der Präparation entfernt worden und wurden in großen Glasbehältern längsseits des Kadavers gezeigt. Ein stählernes Traggestell im Inneren hielt den Wal in Position. Durch eine Bodentür im Sattelfahrzeug konnten die Angestellten ins Walinnere gelangen, wie Teammitglied Kurt Breitenmoser 2018 der „Aargauer Zeitung“ berichtete. 

Kurioserweise besaß Jonas noch ein Ost-Pendant. Zeitgleich mit Jonas tourte Goliath durch die DDR, wie die „Berliner Zeitung“ kürzlich berichtete. Seine Lebensgeschichte ist beinahe deckungsgleich mit der von Jonas. Belegt sind Ausstellungen im Jahr 1965 in Görlitz und Wittenberg. Mit 68 Tonnen soll er sogar noch schwerer gewesen sein als der Kollege im kapitalistischen Ausland. 

Der starke Geruch blieb vielen Zeitzeugen in Erinnerung 

Vielen Zeitzeugen in Ost und West ist der starke Geruch des Tieres in Erinnerung geblieben. Als „streng“ oder gar „ranzig“ wird er beschrieben. Dabei sorgte laut Breitenmoser eine Kältemaschine im Inneren für konstante Temperaturen. Auch über die Außenhaut wurde ständig ein Kühlmittel abgegeben. 

Ende der 1970er Jahre endete Jonas’ Karriere und er wurde in den Niederlanden eingelagert. Nachdem er 2008 noch einmal in London gezeigt wurde, sollte er zwei Jahre später auf der Auktionsplattform Ebay verkauft werden - für rund 45.000 Euro, wie die „Schwerter Zeitung“ kürzlich berichtete. Ob sich ein Käufer fand, ist nicht bekannt. Ab da verliert sich seine Spur.

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