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Gesunde Entwicklung

Warum Entspannung für Grundschüler so wichtig ist

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Schon Grundschüler stehen heutzutage unter enormem Stress: Viele verbringen etwa durch die Ganztagsschule den Großteil des Tages nicht zu Hause. Sie erfahren Lern- und Leistungsdruck und befinden sich dabei permanent in zwischenmenschlicher Interaktion. Zeit für Entspannung bleibt kaum – eine Entwicklung mit Folgen. 

Ute Böhme bietet seit über 20 Jahren Yoga-Kurse für Kinder an. Die Übungen haben viele positive Effekte auf Körper und Geist. Themenfoto: davit85/stock.adobe.com
Ute Böhme bietet seit über 20 Jahren Yoga-Kurse für Kinder an. Die Übungen haben viele positive Effekte auf Körper und Geist. Themenfoto: davit85/stock.adobe.com  Foto: davit85

Kinder- und Jugendärztin Isabel Schäfer beobachtet in ihrer Praxis in Brackenheim, dass das Stresslevel bei ihren jungen Patienten kontinuierlich zunimmt. Sie seien erschöpft, ängstlich oder gar depressiv.  „Manche kommen auch wegen Kopf- oder Bauchschmerzen. Wenn nach der organischen Abklärung alles in Ordnung ist und man nachfragt, kommt oft heraus, dass sie durch den Alltag sehr belastet sind“, berichtet Schäfer. Die Gründe seien vielfältig: Leistungsdruck oder Mobbing in der Schule oder, dass die Schüler nach dem Unterricht noch in mehreren Vereinen aktiv seien – häufig auf Wunsch der Eltern.

Kinderärztin: „Ein Burn-out kann in jedem Alter vorkommen.“

„Weniger ist oft mehr. Ein Burn-out kann in jedem Alter vorkommen“, warnt Schäfer. Auszeiten seien wichtig. Da die Konzentrationsspanne von Grundschülern bei etwa 20 Minuten liege, sollten auf Frontalunterricht regelmäßig Pausen folgen, „in denen man gemeinsam singt, malt oder die Kinder im Freien spielen lässt“. Die Kinderärztin rät zudem den Eltern, die Zeit des Medienkonsums mit Fernsehen, Spielekonsole oder Smartphone zu beschränken. „Wenn ein Kind mal nur faulenzen oder auf dem Spielplatz toben will, ist das okay.“

Ruhe- und Entspannungsangebote im Bad Rappenauer Hort

Die Grundschule Bad Rappenau ist eine Halbtagsschule, weshalb die rund 350 Schüler kurz nach 13 Uhr Unterrichtsende haben. „Unsere Personalstruktur ist so dünn, dass es in der Verantwortung der Lehrkräfte liegt, zu erkennen, wenn die Kinder sehr angestrengt sind“, berichtet Schulleiter Ulrich Bürgy. Das gelinge gut, da die Klassenlehrer ihren Jahrgang meist den ganzen Tag betreuen. „In den Auszeiten wird zu entspannter Musik gemalt oder man geht eine Runde ins Freie.“ Seit 1998 gibt es von städtischer Seite aus zudem einen Hort und eine Kernzeitbetreuung, wo sich aktuell um 529 Kinder vor und nach dem Unterricht gekümmert wird. Hier biete man auch Ruhe- und Entspannungspraktiken an, berichtet Olivia Braun von der Stadt. Es gebe Bastel- und Vorleseangebote, einen Mittagskreis mit Spielen sowie eine Bücherecke und einen Chill-Raum.

Schulleiterin über Medienkonsum: „Das ist permanenter Stress.“

„Entspannungs- und Ruhezeiten für Kindern sind absolut notwendig“, findet auch Sabine Görmez, Schulleiterin der Grundschule Heilbronn-Biberach. Tablets, Smartphones und Spielekonsolen seien in vielen Haushalten frei zugänglich, dadurch würden Kinder nach einem anstrengenden Schultag selten richtig abschalten. „Das ist permanenter Stress.“ Das beeinträchtige die Konzentrationsfähigkeit, was sie im Unterricht beobachten könne. „Manche Kinder können bei einer Vorlesegeschichte kaum ruhig sitzen, weil der Reiz fehlt.“ Zeichnen, etwas ausschneiden oder Fahrradfahren – auch motorische Fähigkeiten seien oft nur schwach ausgeprägt, weil es außerhalb der Schule kaum mehr dazu gehöre. Dies versuche man im Unterricht zu fördern. Außerdem habe man auf dem Schulhof  Plätze eingerichtet, wo sich Schüler hinlegen oder lesen könnten. Daneben biete man eine Wellness-AG und einen Yoga-Kurs an.

Yoga-Übungen aktivieren beide Gehirnhälften

Dass Yoga Kindern viele Vorteile bringt, weiß Ute Böhme. Die 60-Jährige hat vor über 20 Jahren ein Kinder-Yoga-Konzept entwickelt. Inzwischen hat sie viele Kurse gegeben, die bei Mädchen und auch Jungen beliebt seien, und über 400 Yogalehrer ausgebildet. Auch die Grundschule Plattenwald, wo Böhme als Sozialarbeiterin tätig ist, biete das Kinderyoga an. „Die Übungen sind auf Kinder angepasst. Wenn ein Kind etwas nicht hinbekommt, wandeln wir die Übung einfach etwas ab.“ Durch die Körper- und Atemübungen würden Kinder das Wahrnehmen ihres inneren Zustandes und das Kanalisieren von Emotionen lernen. „Außerdem fördert Yoga die Beweglichkeit und Ausdauer und gleicht den Muskeltonus aus.“ Zudem werde der Geist trainiert, denn viele Übungen würden beide Gehirnhälften aktivieren. Die Konzentrationsfähigkeit nehme zu, was wiederum ein besseres Lernen ermögliche.

Ausbildung zum Kinderyoga-Lehrer

Die Ausbildung zum Kinderyoga-Lehrer bei Ute Böhme umfasst zwei Wochenenden von Freitagnachmittag bis Sonntagmittag. Inhalte sind unter anderem: die Wirkung von Yoga auf Kinder, Grundlagen der Asanas (Körperübungen), Einführung in Pranayama (Atemübungen), Entspannungsmethoden, kindgerechte Meditationen, Einführung in die Yoga-Philosophie und der Aufbau einer Yoga-Stunde. Die nächste Ausbildungsphase ist vom 28. bis 30. März und vom 16. bis 18. Mai. Weitere Infos unter www.yoga-center.eu

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