Hitzige Szenen: Rechter Youtuber provoziert Wartberg-Gegendemonstranten
Polizisten haben auf dem Heilbronner Wartberg einen rechten Youtuber vor Gegendemonstranten des Netzwerks gegen Rechts abgeschirmt. Er gab vor, Pressevertreter zu sein.
Zu einer hitzigen Situation ist es am Mittwochabend auf dem Heilbronner Wartberg gekommen. Kurz nachdem anlässlich des 80. Jahrestags der Bombardierung Heilbronns eine rechte Fackelmahnwache in den Weinbergen beendet wurde, erscheint ein rechter Youtuber. Bekannt ist er unter dem Pseudonym "Weichreite TV".
Auf einem Restaurantparkplatz will er unter den Gegendemonstranten des Netzwerks gegen Rechts Gesprächspartner für seinen Livestream suchen. Linke Aktivisten erkennen ihn schnell und reihen sich vor ihm auf. Polizisten stellen sich dazwischen und schirmen den Youtuber ab.
Heilbronner Wartberg: Rechter Youtuber "Weichreite TV" gibt sich als Presse aus
„Wir befinden uns hier in einer absoluten Grauzone“, sagt Polizeisprecher Frank Belz vor Ort. Die rechte Fackelmahnwache sei bereits beendet und der Youtuber habe sich als Pressevertreter ausgegeben. Die hitzige Situation gegen 20 Uhr dauert mehrere Minuten an.
Das Format von Sebastian Weber nennt sich Weichreite TV. Weber sitzt für die AfD im Kreistag des Landkreises Leipzig. Mit Smartphone und Selfie-Stick ausgestattet überträgt er das Geschehen live ins Internet und ist über die Aufregung unter linken Aktivisten sichtlich erfreut. „Kein Reporter ist illegal“, steht auf seiner Schildkappe. „Alerta Antifaschista“, brüllen die Demonstranten ihm und den Polizisten zu.
Polizei: Aktivistische Medienvertreter "neues Phänomen"
Anstatt Weber aufzufordern, ein Stück zurückzugehen, bitten ihn Beamte des Anti-Konflikt-Teams nur höflich darum. „Er kam dieser Bitte dann nach“, sagt Belz. „Manchmal hilft eben auch im rechtlichen Graubereich gesunder Menschenverstand.“ Es handle sich um ein neues Phänomen, dem die Polizei begegne – aktivistische Medienvertreter, die Versammlungen und Gegendemos besuchen.
In diesem Fall der rechte Aktivist, der zunächst die rechte Fackelmahnwache in den Weinbergen begleitet und dort ein Interview mit einem Teilnehmer führt, und anschließend die Versammlung des Netzwerks gegen Rechts besucht. „Die ganze Provokation geht eigentlich von ihm aus“, bewertet der Polizeisprecher die Situation. „Fluch und Segen der neuen Medien.“
Medienrechtsanwalt der Heilbronner Stimme: "Das ist Pressefreiheit"
Ein Teilnehmer der Demo gegen Rechts sagt, aus seiner Sicht nutze Weber den Presseausweis für seine Interessen aus. Höhlt er damit das Presserecht aus? Dr. Michael Rath-Glawatz, Medienanwalt der Heilbronner Stimme, hat eine klare Haltung. „Wenn er den Presseausweis hat, darf er recherchieren.“ Egal, ob links, rechts oder geradeaus: „Das muss geduldet werden.“
Es könne nur eingegriffen werden, wenn ein Pressevertreter bei seiner Recherche die öffentliche Sicherheit gefährde oder Leute gegen ihren Willen fotografiere. Den Gegendemonstranten aber Fragen zu stellen, auch wenn diese erregt reagierten, dürfe er. Rath-Glawatz: „Das ist Pressefreiheit.“
Heilbronner Wartberg: 30 Rechte, 100 Gegendemonstranten
Etwa 100 Gegendemonstranten sind dieses Jahr auf dem Wartberg zusammengekommen. Knapp 30 Teilnehmer besuchen die rechten Fackelmahnwache – darunter, wie im vergangenen Jahr auch, Edda Schmidt (76), NPD-Funktionärin aus Bisingen im Zollernalbkreis. Auffällig ist erneut, dass einige der Teilnehmer rechtsextremen und neonazistischen Kleinpartei „Der III. Weg“ angehören. Die Anmelderin der Mahnwache sagt, das große Polizeiaufgebot sei nur wegen der Gegendemonstranten nötig. Zum „Nazis raus“-Gebrüll, das in die Fackelmahnwache hineinschallte, bemerkt ein Teilnehmer: „Das ist heute keine Party, sondern ein Gedenktag.“
Rechter Youtuber "Weichreite TV" interviewte kürzlich Martin Sellner
Auch der Heilbronner Rechtsextreme Michael Dangel geht ihn einem Nachbericht auf seinem Weblog auf Weichreite TV ein. Die Ordnungshüter hätten ein erbärmliches Bild abgegeben, da es ihnen nicht gelungen sei, „den antifaschistischen Pöbel“ für die Weichreite-Berichterstattung im Zaum zu halten. Erst vor wenigen Tagen hatte Weber in Augsburg den österreichischen Rechtsextremisten Martin Sellner im Livestream interviewt.
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