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Mini-Supermärkte ohne Personal in Heilbronn und Hohenlohe: Warum der Sonntag wichtig ist

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Die Koalition im Landtag Baden-Württemberg plant, das Ladenöffnungsgesetz für Mini-Supermärkte ohne Personal zu lockern und ihnen Sonntagsöffnung offiziell zu gestatten. Das sind Reaktionen aus der Region.


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Mini-Supermärkte ohne Verkaufspersonal gelten als Rettung der Nahversorgung im Ländlichen Raum. Sie können zugleich weitaus mehr, wie beispielsweise die Tante-M-Filiale in Gundelsheim-Obergriesheim zeigt.

Vor der Tür stehen zwei Bänke und ein Tisch, Betreiber Marcel Beier will davon noch weitere aufstellen. Mit bis zu 1100 Produkten ist Tante M im Ort längst zum Treffpunkt geworden seit Eröffnung im Spätjahr 2024. „Und  zum Kommunikationspunkt“, sagt der Obergriesheimer. Ein Ort, wo sich Generationen gegenseitig helfen, wenn beispielsweise Ältere mit dem Bezahlen im Geschäft nicht klarkommen.

Tante M öffnet sonntags: Mancher spricht von Duldung, andere von „rechtlicher Grauzone“

Marcel Beier öffnet wie viele solcher Filialen auch sonntags, schaut an diesen Tagen auch mal nach dem Rechten oder füllt Getränke nach. Dass diese Mini-Geschäfte, manchmal Smart Stores genannt, an Sonntagen öffnen, begründen manche mit Duldung. „Das ist eine Grauzone“, sagt der Betreiber. Dieser Verkaufstag ist ihm wichtig, damit sich der Laden rechnet. „Es ist der stärkste Tag“, ergänzt Marcel Beier, ohne näher in die Details zu gehen.

Selbstbedienung: Scannen und mit Karte bezahlen, so funktioniert das Tante-M-Konzept in Gundelsheim-Obergriesheim.
Selbstbedienung: Scannen und mit Karte bezahlen, so funktioniert das Tante-M-Konzept in Gundelsheim-Obergriesheim.  Foto: Simon Gajer

In Hardthausen hat es zwei Tante M. „Sie sind eine absolute Bereicherung für den ländlichen Raum“, sagt Bürgermeister Thomas Einfalt. Den Vorstoß aus dem Landtag, die Öffnungszeiten zu regeln, bewertet er allerdings skeptisch. Grund ist die zeitliche Begrenzung, über die in Stuttgart nachgedacht wird. „Ich habe kein Argument gegen die Sonntagsöffnung“, sagt er. Warum also der Kompromiss, eine maximale Öffnung von acht Stunden? „Davon hat niemand etwas.“

Tante-M-Läden im Raum Heilbronn: Neue Öffnungszeiten sind für Bürgermeister überfällig

Der Tante M in Untergruppenbach-Unterheinriet war der erste in der Region. Dass die Sonntagsöffnung erst jetzt per Gesetz geregelt werden soll, bezeichnet Bürgermeister Andreas Vierling als Trauerspiel. Das Ladenöffnungsgesetz sei ein Stück weit antiquiert, so der Rathauschef. Der Sonntag sei wichtig. „Die Bürger nutzen ihn.“

SB-Supermärkte: Start-up aus Schwäbisch Hall expandiert in Hohenlohe

Auch in Hohenlohe sind SB-Supermärkte, die kein Personal mehr vorhalten, aber rund um die Uhr und auch sonntags offen haben, auf dem Vormarsch. In Untersteinbach bei Pfedelbach und auf Schloss Stetten gibt es ebenfalls eine Tante M. Um Öhringen herum haben in den vergangenen Monaten mehrere kleinere 24/7-Selbstbedienungsläden eröffnet. Sie gehören zum Beispiel den landwirtschaftlichen Betrieben Bauer aus Untermaßholderbach, Sinzinger in Westernbach, Schmelzle in Verrenberg und Mozer vom Pfedelbacher Lerchenhof.

Die Läden haben etwa die Größe von Seecontainern und bieten ein Grundangebot eigener landwirtschaftlicher Erzeugnisse, gemischt mit Produkten lokaler Selbstvermarkter. Sie sind quasi eine größere Form der SB-Automaten, die mittlerweile vor zahlreichen Höfen in Hohenlohe stehen – und genauso sieht es Constantin Mozer auch. Der Pfedelbacher Landwirt sagt: „Ich sehe diese als Automaten an, wie die klassischen SB-Automaten an vielen Höfen.“ Er fühle sich da im Recht und habe auch noch keine juristischen Probleme damit gehabt. Der Umsatz am Sonntag sei schon wichtig, da er oft „sehr gut“ sei, aber auch unter der Woche gebe es immer gute Tage.

Betreibt Tante M in Gundelsheim-Obergriesheim: Marcel Beier ist mit den ersten Monaten zufrieden.
Betreibt Tante M in Gundelsheim-Obergriesheim: Marcel Beier ist mit den ersten Monaten zufrieden.  Foto: Gajer, Simon

Ortkauf kommt nach Weißbach – „Klassische Dorfläden sind nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben“

Neu eröffnen will am 6. September ein Ortkauf in Weißbach. In der 2000-Einwohner-Gemeinde im Kochertal, wo es sonst keine Einkaufsmöglichkeiten gibt, kommt eine noch junge Kette aus Schwäbisch Hall, die erst ihre fünfte Filiale eröffnet. Zunächst war Ortkauf ein heißer Kandidat für die Niedernhaller Giebelheide gewesen – dieses Wohngebiet in drei Bauabschnitten ist mittlerweile so groß, dass auch dort ein Nahversorger not tut. Doch Gründer und Geschäftsführer Christoph Sarnowski zieht gerne in leerstehende Bestandsimmobilien und hielt den Ort im Kochertal für „interessant wegen der Einwohner und der Entfernung zu anderen Märkten“, wie er im Gespräch schildert – wenngleich er immer noch „großes Interesse“ an einer weiteren Filiale auf dem Niedernhaller Hausberg hat.

Tante M ist auf Expansionskurs. Für 2026 plant die Kette mindestens 30 neue Standorte - „nicht nur in Baden-Württemberg“, so Carsten Pletz. Neu ist ein Konzept für Backnang, wo der Markt deutlich größer ist. „Mit den Ergebnissen der ersten Wochen sind wir zufrieden, wir sind zuversichtlich, dass die Umsätze in den nächsten Wochen und Monaten weiter steigen werden.“ 

„Klassische Dorfläden sind nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben“, deshalb brauche es Läden wie seine, ist Sarnowski überzeugt. Was aber macht sein Start-up anders als die etablierte Konkurrenz von Tante M? „Wir sind günstiger, haben mit Edeka den besseren Lebensmittellieferanten, einen Ü16-Raum mit Bier, Wein, Sekt und Mixgetränken - und wir haben wirklich 24/7 offen“, gibt sich der Gründer überzeugt. Und er gibt zu, dass das Sonntagsgeschäft „ein ganz wichtiger Baustein“ sei und in seinen bisherigen Läden über 20 Prozent des Wochenumsatzes ausmache - also überdurchschnittlich im Vergleich zu anderen Wochentagen sei. Ohne das Sonntagsgeschäft würde sich das Investment nicht rechnen.

Betreiber sieht sein Geschäft als großen Automaten an

Doch wieso investiert Sarnowski jetzt in dieses Geschäftsmodell, wo es sich noch in einer rechtlichen Grauzone befindet? „Ich betrachte meinen Laden wie einen Riesen-Automaten“, schildert er seine Sicht: und Verkaufsautomaten seien ja auch erlaubt. Zudem verletze er keine Arbeitsschutzgesetze.

„Ohne einen Sonntagsverkauf wird es keine Nahversorgung im ländlichen Umfeld geben“, so Carsten Pletz. „Der Sonntag ist wesentlich und kompensiert umsatzschwache Wochentage“, sagt der Tante-M-Geschäftsführer. Seiner Ansicht nach fehlt derzeit die Verhältnismäßigkeit. „Eine Tankstelle, eine Bäckerei und ein Kiosk mit Personal dürfen sonntags öffnen, ein personalloser Supermarkt nicht.“

Allerdings scheint er sich des rechtlichen Risikos bewusst zu sein, weil Sarnowski anmerkt, dass er eine klare gesetzliche Regelung sehr begrüßen würde: „Das ist wichtig für die weitere Expansion.“ Denn: Was, wenn doch einmal ein Mitbewerber gegen ihn klagt? Den Ausgang des Verfahrens könne er nicht vorhersagen. Daher investiere er bislang auch nur in Orten, wo es keinen Nahversorger mehr gebe - denn wo keine Konkurrenz, da kein Kläger. Aber für die Zukunft wolle er „mit gutem Gewissen auch andere Standorte erschließen“, etwa in Ballungszentren, wo es Wettbewerber gibt. Deshalb geht Sarnowskis Blick sehnsüchtig Richtung Bayern: Dort sei nun die Sonntagsöffnung für SB-Läden förmlich legalisiert worden. „Bayern ist Vorreiter“, findet er.

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