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Spitznamen für Orte im Raum Heilbronn: Das steckt hinter Laiwlen oder Seeräuber

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In Böckingen sind es die Seeräuber, in Massenbach die Schneeschmelzer und dann gibt es da noch Laiwlen, Schnaken und Brocke. Viele Orte im Raum Heilbronn haben eigene Spitznamen. Das steckt dahinter.


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Gab es in Heilbronn-Böckingen einst Seeräuber und wieso sind die Menschen in Stetten im Stadtteil Schwaigern Stechfliegen? In vielen Orten der Region Heilbronn haben die Einwohner Uznamen, also Spitznamen. Ihre Entstehung lässt sich nicht immer eindeutig nachvollziehen. Ob Legende oder Wahrheit, deshalb heißen die Frankenbacher wohl Blunsenbacher und die Großgartacher Käsreiter.

Bereits vor wenigen Jahren hatte die Heilbronner Stimme über die Uznamen berichtet. Dabei handelt es sich um Sagen und Geschichten. Im Folgenden eine Sammlung einiger solcher Erklärungsansätze.

Uznamen: Das bedeuten diese Spitznamen im Raum Heilbronn

Laiwlen, Waggele und Schnaken: Manche Uznamen sollen die Einwohner eines Orts necken, andere zeigen bestimmte Bräuche der Ortschaft auf. Welche Ursache am Ende tatsächlich zur Namensgebung führte, ist heute oft nicht mehr vollständig nachvollziehbar.

  • Schwaigerner Laiwlen: In Schwaigern wurden bei Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen – also „wenn d’Sau g’hange isch“ – Laiwle gebacken. Sie waren doppelt so groß wie ein Doppelwecken. Der Überlieferung nach gab es früher einen Erlass, der es den Freien in der Gefolgschaft, den Vasallen, des Grafen von Neipperg erlaubte, eigene Laiwlen zu backen.
  • Niederhofener Waggele: Wie der Spitzname der Niederhofener entstand, ist heute nicht mehr ganz bekannt. Es wird vermutet, dass der Name im Zusammenhang mit Enten steht. Einst sollen viele davon den Ort bevölkert haben.
  • Stettener Schnaken: Die Menschen in Stetten sollen Erzählungen nach früher ständig gejammert haben: „Die Schnoogeplog, die elendig.“ Vor drei oder vier Jahrhunderten hatte es in Stetten nur zwei Straßen gegeben. Und mitten durch das Dorf verlief der mittlerweile verdolte Mühlkanal, ohne Gefälle. Das stehende Wasser bot beste Bedingungen für Schnaken.

Von Schneeschmelzern und Schnaken – Das steckt hinter den Uznamen in der Region

Hinter einigen Spitznamen stecken kuriose Geschichten. Ob etwa die Massenbacher tatsächlich so penibel waren, dass sie gefallenen Schnee sofort wegräumten, bleibt wohl für immer ein Geheimnis.

  • Massenbacher Schneeschmelzer: Die Massenbacher seien stets auf Ordnung bedacht gewesen. Kaum sei der erste Schnee vom Himmel gefallen, hätten sich die Einwohner daran gemacht, ihn auf Karren zu laden und in den Bach zu schütten. Ihren zweiten Uznamen „Kiwwelscheißer“ haben die Massenbacher wohl nicht so gern. Es sei nämlich, so heißt es, der Spitzname, den sie den Massenbachhausenern zugedacht hätten.
  • Massenbachhausener „Zigeuner“*: Zu ihrem Uznamen kamen die Massenbachhausener wohl, weil 1650 der Ort in den Besitz der katholischen Adelsfamilie Echter aus Mespelbronn kam. Zuvor hatten dort ausschließlich Protestanten gelebt. Die katholische Adelsfamilie vertrieb im Namen des Glaubens die Evangelischen und siedelte dafür Katholiken aus sämtlichen Ländern an. Den Nachbarn blieben die Neu-Massenbachhausener lange Zeit suspekt. So erhielten sie ihren Spitznamen.

Viele Legenden: So entstanden wohl die Uznamen der Schluchterner und Großgartacher

Die Großgartacher freuten sich regelmäßig über einreitenden Burschen mit Käse, und die Schluchterner waren stolz auf ihren Nachwuchs im Militär. Zumindest deuten die Uznamen der Orstschaften daraufhin.

  • Großgartacher Käsreiter: Laut Vertrag durften sich die Großgartacher alljährlich an Pfingstmontag zwei Käselaibe auf dem Hipfelhof abholen. Bis 1835 feierten die Einwohner den Einzug der berittenen Burschen samt Käse mit einem großen Fest
  • Schluchterner Brocke: Die wohl von den Schluchternern bevorzugte Deutungsweise geht folgendermaßen: Die Burschen aus Schluchtern mussten einst beim badischen Militär dienen. Wer ins Leibregiment des Großherzogs eintreten wollte, musste kräftig und mindestens 178 Zentimeter groß sein. Also ein echter Brocken. Da im Leibregiment wohl besonders viele Schluchterner zu finden waren, hatten sie ihren Spitznamen weg.

Von Seeräubern und einem Betrunkenen: Diese Uznamen gibt es in Heilbronn

Ob Schiffsplünderung oder illegales Fischen, die Böckingen hatten mit ihrem Spitznamen ihren Ruf weg. Noch heute finden sich die Legenden um Böckingen in manchen Aspekten wieder. Etwa beim Seefest, das in diesem Jahr nicht stattfinden wird.

  • Böckinger Seeräuber: Die Anwohner Böckingens trieben es wohl eins sehr toll, sie taten was sie wollten und erhielten dadurch den Spitznamen Seeräuber. Vor Böckingern hieß es, man müsse sich in Acht nehmen, sie trügen stets ein Messer mit sich und scheuten vor dessen Gebrauch nicht zurück. Es soll einst einen See in Böckingen gegeben haben, der nicht befischt werden durfte, heißt es in einer Version. Die Böckinger scherten sich nicht darum und versorgten sich regelmäßig mit frischem Fisch aus dem See. Eine andere Version besagt, dass bis ins 14. Jahrhundert der Ort direkt am Ufer des Neckar-Hauptstroms lag. Bei einem Hochwasser 1333 bahnte sich der Fluss einen neuen Weg, den heutigen Neckar-Altarm. Und im teilweise ausgetrockneten ehemaligen Flusslauf der Böckinger See. Dahin hätten sich öfter Neckarschiffe verirrt, die die Böckinger ausraubten.
  • Frankenbacher Blunsbacher: Für den Uznamen ist wohl ein einzelner Frankenbacher zuständig. Er hatte wohl bei einem Besuch auf dem Heilbronner Markt zu tief ins Glas geschaut. Das machte seinen Heimweg beschwerlicher. Als er mit seinem Pferd an einen steilen Anstieg kam, beschloss er sich eine Ruhepause zu gönnen. Dabei sorgte er sich vor allem darum, ob der Gaul am Anstieg wohl auch stehen bleiben würde. Er wollte auf Nummer sichergehen und packte seine, auf dem Markt erworbenen, Blutwürste aus. Dies Würste, auch Blunsen genannt, schob er dem Pferd als Bremsklötze hinter die Hufe. Ob er damit erfolgreich war ist nicht überliefert. Die Erhebung zwischen Böckingen und Frankenbach wird seitdem aber Blunsenbuckel und die Frankenbacher Blunsenbacher genannt.

* Hinweis der Redaktion: Der Begriff „Zigeuner“ beschreibt ein Konstrukt. Dieses Konstrukt beschreibt wiederum eine gedachte Gruppe, deren Eigenschaften Stereotype und rassistische Klischees sind. Diese Ideen werden realen Menschen von außen zugeschrieben und als Tatsache wahrgenommen, auch wenn sie nicht der Realität entsprechen. Aus diesem Grund ist der Begriff „Zigeuner“ diskriminierend für Angehörige einiger betroffener Minderheiten und wird hier deshalb in Anführungszeichen gesetzt.

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