Zwanghaftes Essverhalten: Betroffene aus Obersulm hört inneres „Teufelchen“
Eine Betroffene aus Obersulm beschreibt ihr Leben mit einer Essstörung. Die Krankheit ist mit Scham behaftet. Die Selbstannahme und Selbstliebe musste die 65-Jährige erst lernen.
„Zu entdecken, dass ich eine Störung habe, war eine Katastrophe für mich“, erinnert sich Anneliese an die Zeit vor knapp 30 Jahren, als sie erfuhr, dass sie eine Essstörung hat. Seit vielen Jahren besucht sie Selbsthilfegruppen für Menschen, die an zwanghaftem Essen leiden. Nun gründet sie einen Treffpunkt der Overeaters Anonymous (OA) in Heilbronn. Anonymität ist das Grundprinzip der Gruppe, den Anonymen Alkoholikern nachempfunden. Deshalb möchte die 65-Jährige nicht ihren vollen Namen gedruckt sehen. Ihre Geschichte erzählt sie bereitwillig. In ihrer Familie und ihrem Freundeskreis geht sie längst offen damit um, aber nicht mehr „hausieren“, sagt die Obersulmerin.
1996 erleidet Anneliese einen Nervenzusammenbruch und kommt in eine psychosomatische Klinik. Dort wird festgestellt: Sie ist Bulimikerin. Drastisch drückt sie es selbst so aus: „Essen – kotzen, essen – kotzen.“ Das hat sie bis dahin als normal empfunden. „Ich wollte schlank bleiben“, und so hat sich die Krankenschwester im Ruhestand nach dem Essen den Finger in der Hals gesteckt. „Irgendwann wurde es zum Selbstläufer.“
Dass sie unter gestörtem Essverhalten leidet, entsetzt Frau aus Obersulm
Dass sie suchtkrank ist, ihr Essverhalten und ihr Verhalten gegenüber anderen Menschen nicht unter Kontrolle hat, nimmt sie mit Entsetzen auf. Sie fühlt sich entdeckt, unwürdig, ausgeliefert. Ihrer Umwelt gegenüber hat sie diese Ess-Brech-Störung aus Scham geheim gehalten.

Es gebe nicht nur einen einzigen Grund für die Krankheit, weiß Anneliese inzwischen, vieles komme zusammen. Die Entwicklungsgeschichte der Kindheit und Traumata gehörten oftmals dazu. „Wir sind als Kinder mit Süßigkeiten belohnt worden, und wenn wir stillhalten sollten.“ In der Familie gibt es Suchterkrankungen. „Kinder entwickeln Strategien zum Überleben, die als Erwachsene nicht mehr hilfreich sind.“
Programm der Overeaters Anonymous wird zum lebenslangen Konzept
Nach dem dreimonatigen Klinikaufenthalt sucht sich Anneliese therapeutische Hilfe und eine Selbsthilfegruppe. Das Zwölf-Punkte-Programm der Overeaters Anonynmous wird für sie zum lebenslangen Konzept. Es geht darum, sich die Machtlosigkeit der Sucht einzugestehen, sie zu akzeptieren, Inventur zu machen, sich mitzuteilen, sich zu ändern, Werkzeuge an die Hand und die Essstörung in den Griff zu bekommen.
Das gelingt nicht immer. „Ich hatte nur Essanfälle, wenn ich allein war“, sagt die zweifache Mutter, die weiß, dass es Phasen gibt, in denen sie in alte Muster verfällt: nicht nur ein Rippchen Schokolade isst, sondern gleich die ganze Tafel verschlingt. „Und dann mache ich mich nieder.“ Weil sie sich nach dem Essen nicht mehr erbricht, hat sie 30 Kilo zugenommen. Auf das Äußere legt sie heutzutage weniger Wert, das innere Erleben ist ihr wichtiger. Über die Jahre hinweg lernt sie, dass Selbstannahme und Selbstliebe das Elementarste sind.
Wenn die Gedanken nur ums Essen kreisen
Immer noch hat Anneliese Tage, an denen ihre Gedanken nur ums Essen kreisen. „Dann stecken meistens Gefühlsprobleme dahinter, die ich versuche, mit Essen zu überdecken.“ Sie kennt die Nahrungsmittel, die bei ihr suchtauslösend sind. Beim Einkaufen vermeidet sie die entsprechenden Regale oder wendet den Blick von diesen ab. „Ich kaufe dich nicht“, sagt sie sich vor.
Essen könne sie durchaus genießen, „aber da ist immer das Teufelchen in mir, das sagt: mehr, mehr“. Ihre Portionen seien immer noch zu groß, meint Anneliese, die sich auch Rat bei der Ernährungsberatung geholt hat. „Deshalb habe ich diese Figur“, urteilt sie gelassen über ihre Pfunde.
Drei Mahlzeiten pro Tag und dazwischen nichts
Essen sei dennoch was Schönes für sie: an einem gedeckten Tisch zu sitzen in angenehmer Gesellschaft, Ruhe zu haben, mit Genuss langsam zu essen, bewusst zu kauen – 20 bis 30 Mal – auf den nächsten Bissen zu warten, und sich darauf zu freuen, Pausen einzulegen. „Manchmal habe ich diese Disziplin“, berichtet Anneliese. Nicht beim Fernsehen essen und beim Essen „nicht einen Haufen schwätzen“, nimmt sie sich vor.
Ein „toller Hilfsplan“ ist für sie die 3–0–1-Regel: drei Mahlzeiten pro Tag, nichts dazwischen und nur für heute. Im Heute zu bleiben, damit könne sie umgehen. „Für morgen kann ich nicht garantieren, dass ich abstinent bleibe, nicht stressmäßig esse. Das Heute gibt mir ein gutes Gefühl.“
Was hilft: Tagebuch führen, einen Essensplan machen
Und wenn es nicht klappt, dann weiß die Obersulmerin, dass sie jeden Tag von Neuem anfangen kann mit dem Zwölf-Punkte-Programm und den Werkzeugen. „Wenn man sich kontinuierlich damit beschäftigt, kriegt man Stabilität, so dass man nicht ständig übers Essen nachdenkt.“ Tagebuch führen, jemanden anrufen oder einen aus der Selbsthilfegruppe treffen, einen Essensplan machen – als das könne unterstützen.
„Es ist eine lebenslange Heilungsgeschichte“, meint Anneliese, die von sich sagt: „Ich bin eigentlich ein fröhlicher Mensch.“ Aber: „Wenn ich allein bin, bin ich tieftraurig, depressiv, angstvoll, unverstanden und einsam“, erzählt sie von der anderen Seite ihres Ichs. Sie berichtet aber auch von Menschen, die es mit den zwölf Schritten zu einem normalen Essverhalten schafften. Für sich wünscht sie Abstinenz von zwanghaftem Überessen.
Tabuthema Essstörungen: Es fehlt an Therapieplätzen
Essstörungen seien und blieben ein Tabuthema, meint die Obersulmerin. Selbst Therapeuten beschäftigten sich nicht mit der Suchtstruktur. Ohnehin gebe es nicht ausreichend Therapieplätze. Deshalb hält sie den in diesem Jahr erfolgten Ausbau der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Klinikum am Weissenhof für den Bereich der Essstörung für so wichtig.
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